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Christian Schön
„der Aussteiger“
Ironman Frankfurt, 10. Juli 2005 - Es war
härter als ich dachte. Erst jetzt weiß ich, warum der
Mythos „Eisenmann“ heißt
Die Tage vor dem Wettkampf waren
grauenhaft. Jeden Morgen kreisten die Gedanken, hast Du
was vergessen? Ist das Rad in Ordnung? Mache ich heute
noch leichtes Training ? Bitte keine Grippe! Alkohol, nein
danke! Habe ich genug trainiert? Prompt Anfang der Woche
verdrehte ich mein Knie und hatte Knieschmerzen. Die
Anspannung war irre groß. Und immer wieder die gleiche
Frage, wie soll das funktionieren, nach 180 km Radfahren
noch einen Marathon laufen? Wie fühle ich mich, wenn 7
Stunden Belastung hinter mir liegen und die ersten
Laufstunden anbrechen? Ich regiere mich mit täglichem
Schwimmen ab.
Wettkampfbesprechung auf Deutsch, Freitag,
8. Juli in der Frankfurter Messe, Forum, ca. 1500
Anwesende, die Luft knistert, Teilnehmer stellen blöde
Fragen. Schnell nach Haus, nur noch ein Tag.
Sonntag, 3.30 Uhr, drei Wecker gehen los,
Haferschleim mit Ahornsirup, Wasser trinken, Brustwarzen
abkleben, schwarzen Tee trinken. Gedanken: Jetzt da durch,
nur nichts vergessen, es wird ein Abenteuer.
5.15 Uhr, Autofahrt zum Langener Waldsee,
vor dem See Stau wegen zu vielen Teilnehmern und
Zuschauern. Ich gehe den Rest zu Fuß. Ab in die
Wechselzone, noch Reifen aufpumpen, Schuhe zurechtstellen,
Helm ans Rad hängen, Startnummer dazu, rein in den
Neoprenanzug. Es wimmelt vor Menschen, die hektisch an
ihren Fahrrädern herumarbeiten, laute rhythmische Musik
aus den Lautsprechern macht coole Stimmung. Ich gehe die
Strecke, die ich nach dem Schwimmen zum Rad laufen werde
nochmals ab.
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6.40 Uhr, nun Marsch Richtung Wasser,
Teilnehmerstau! Auf dem Weg See stauen sich die 2000, in
dunklen, schwarzen Neopren steckenden Menschen. Ins
Wasser, ich sehe nur noch Schwimmköpfe mit gelben
Badekappen, die in Richtung Schwimmstrecke schauen.
Lautsprecher-Durchsagen motivieren die Schwimmer und die
Zuschauer. Auf die Frage: „Seid Ihr bereit?“ brüllen 2000
Schwimmer zurück. Wahnsinn.
7.00 Uhr, Startschuss! Alles krault,
brodelndes Wasser, ein cooles Gefühl, ich fühle mich fit!
Um mich herum schwimmen alle rücksichtsvoll, vom
Überschwimmen oder ähnlichem Gehaue keine Spur. Ich spüre
viel Kraft in den Armen, die Beine paddeln locker aber mit
mittelmäßiger Kraft. Ich bin schnell, aber 3,8 Kilometer?
Nach der ersten Runde Krampfansätze in der Wade, die Beine
können nur noch ohne Bewegung mitschwimmen. 200 Meter
noch, dann ist es geschafft, aber dann, Wadenkrampf, ich
verharre brustschwimmend im Wasser, na, das fängt ja gut
an. Immerhin 1 Stunde 14 Minuten.
Ich laufe aus dem Wasser, eine Gasse hoch,
mit vielen Zuschauern, das macht Spaß! Auf dem Rad trete
ich langsam an. Die Vorstellung, 180 km und noch laufen
bereitet mir Sorgen. Wir fahren Richtung Frankfurt, in die
City, in die Zuschauerarena am „Römer“. Die Leute feuern
uns auf dem Rad an. Wetter bedeckt, kühl. 30er Schnitt
muss zu schaffen sein, 6 Stunden Rad fahren, das reicht!
Einr der ersten Ortsdurchfahrten mit vielen Zuschauern,
aber „Kopfsteinpflaste!“, genannt „The Hell“ in
Maintal-Hochstadt, bergauf. Rad-Flaschen fliegen durch die
Gegend, Armauflagen liegen am Boden, die Zuschauer jubeln.
Kleiner, alter Ort, super romantisch, so muss es bei der
Tour de France sein. Ich fahre 11 bar Reifendruck und
bete, dass kein Reifen platzt. Bevor die erste Radrunde
geschafft ist, fahre ich durch Bad Vilbel, den „heart
break hill“, eine extreme Steigung, Zuschauer stehen für
eine schmale Gasse auf der Straße, laufen teilweise mit
mir mit um mich den Berg hochzutreiben. Sie schreien,
jubeln, machen Musik, oben angekommen denke ich: was war
denn das? Unglaubliche Power! Bisher war alles zu
schaffen, nur: jetzt kommt noch so eine Runde, wir fahren
wieder durch das Zuschauergetöse in Frankfurt City und
weiter geht's. Es machen sich Krampfansätze an den inneren
Oberschenkeln am Berg bemerkbar. Nicht überreizen, denke
ich. Wieder Kopsteinpflaster, alles noch einmal von vorn.
Die Verpflegung ist perfekt, Wasser, Iso,
Red Bull, Gels, auf dem Rad zugereicht an mehreren Orten
an der Strecke, verdursten brauchst Du hier nicht. Nach
nochmals „heatbreak hill“ trete und rolle ich noch ca. 10
Kilometer locker in Richtung Frankfurt, Wechselzone. Nach
den 180 Kilometern auf dem Rad bin ich etwas
durcheinander, steige vom Rad ab, dieses wird mir sofort
abgenommen, ich bin begeistert. Eine nette Helferin
begleitet mich laufend ins Wechselzonenzelt, sofort habe
ich meine „run“-Tüte, zum Glück sind Schuhe drin ! Ich
bekomme ganz schnell Hilfe beim Umziehen, umpacken der
Sachen in die „bike“-Tüte, die plötzlich wieder da ist.
Auf die Laufstrecke am Main entlang, ohne
Ende Zuschauer, Party bis zum abwinken. Ich schaue auf
meine Uhr, Puls 140, Geschwindigkeit über 11 km/h, SUPER!
Das klappt! Schon denke ich an eine 11 Stunden Gesamtzeit,
1.14 Schwimmen, 6 Stunden Rad fahren, 4 Stunden Laufen.
Nach 10 Kilometern wird mir schlecht, ich
muss langsamer, 10 km/h, dann 9 km/h, dann 8 km/h, immer
langsamer. Inzwischen brennt die Sonne über 30 Grad.
Kilometer 20, ich schleiche, schleppe, quäle mich noch
weitere 7 Kilometer bis gesamt 27 Kilometer, dann
Wadenkrämpfe, nur noch Gehen. Immer wieder versuche ich
neu anzulaufen, aber mir ist schlecht und die Waden ziehen
sich zu. Der Puls ist auf 80 abgesackt. Völlig frustriert
gehe ich an den Zuschauern vorbei, die mich auffordern
wieder zu laufen, aber ich kann einfach nicht! Meine
Zeitperspektive schwindet, ich stelle Zeitrechnungen an,
wie lange ich noch brauche, wenn ich ins Ziel gehe.
Grausam. Finishen will ich in jedem Falle. Wenn ich an die
süße Verpflegung an den Stationen denke wird mir noch
schlechter, ich zwinge mich immer etwas zu mir zu nehmen.
Mein Kreislauf ist am Ende.
Kilometer 32, ich versuche wieder
anzulaufen, verdammte Kiste, nur noch 10 Kilometer, das
lauf ich sonst auf der linken Arschbacke. Und: WOW, es
geht wieder! Keine Krämpfe! Nur langsam, 7-8 km/h, aber es
geht! Es sind 3 große Runden am Main, einige Zuschauer
erinnerten sich an mich und riefen: „schaut mal, der läuft
wieder“.
Als es noch 2 Kilometer zu Laufen waren,
kam dieses unbeschreibliche, ergreifende Gefühl, es fast
geschafft zu haben. Sich eigentlich fremde Läufer lächeln
sich teilweise an, alle wissen „wir sind fast da“.
Ich werde auf die Zielstrecke umgeleitet,
rechts abbiegen und dann: Unglaublich! Du schaust auf die
letzten schnurgeraden 100 Meter, links und rechts sind
riesige Tribünen aufgebaut, sie haben Dich jetzt alle
gesehen. Sie schauen auf Deine Startnummer, lesen Deinen
Namen und brüllen Dich an, in Dein völlig gequältes,
kaputtes, aber dennoch total glückliches Gesicht. Das
ganze monatelange Training hatte sich gelohnt. Ein kurzes
Abklatschen mit dem Moderator auf der Strecke, noch drei
Schritte, geschafft !!!!! Die heiß begehrte
Ironman-Medaille um den Hals, eine Betreuerin begleitet
mich zu den Sportlerpflegestätten. Eine Infusion lehne ich
ab, eine Apfelsaftschorle reicht mir.
Ob ich so einen Wettkampf noch einmal
machen würde?
Antwort am 10.7. beim Laufen: „Nie wieder, das ist
abartig“.
Antwort am 10.7. nach dem Zieleinlauf: „Ob ich das noch
mal mache, weiß ich nicht“.
Antwort am 11.7. morgens: „Ich überlege mir das noch“
11.7. Nachmittags, Awards-Party, Vergabe der
Hawaii-Startplätze,
Antwort später: „ich glaube schon, aber ich denke nochmal
darüber nach“
Antwort am 12.7. morgens: „Aber nächstes Jahr brauche
ich mehr Radtraining. Ja.“
Tja, so ist das, verstehen kann das nur
der, der Das oder Ähnliches bereits erlebt hat.
Swim 3,8 KM: 1:14:29 Platz 222
Bike 180 KM: 5:58:29 Platz 255
Run 42,2 KM: 5:15:37 Platz 292
Gesamt 12:35:13 Platz 267 Artikel in der Bildzeitung
Platz Overall 1.162
Homepage:
www.lebensfitness.de

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