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Für den normalsterblichen, 0815-Durchschnitts-Hobby-Läufer
mag das ja zutreffen, aber nicht für unseren Hardcore-Jupp,
seines Zeichens Hardcore-Multisportler und Dominator des
weltbesten Eiermän in der westlichen Hemisphäre.
Herabgestiegen aus den Höhen des Olymp, um nach
reichlicher Überlegung seinen Titel dann doch nochmals zu
verteidigen. Eigentlich hätte er ja so was gar nicht mehr
nötig, aber andererseits – pain is temporary, glory is
forever…!!!
Aber der Chef des Olymps..äh…Blasphemie lass nach, Gott
hat vor den Erfolg zahlreiche Mühen und Qualen gestellt.
Und somit beschließt unser Hero, das erste richtig geile
Sommerwochenende zu nutzen und intensiv zu koppeln. Jupp
steht auf seiner Terrasse in der prallen Sonne und
verzieht spöttisch grinsend die Oberlippe und beobachtet
die zahlreichen Hobby-Radler, die jetzt zur Mittagszeit
von ihrer Ausfahrt nach Hause kommen, weil sie die
morgendliche Kühle noch genutzt haben.
„Kühle, pfff. So ein Quark. Die Parken doch sicher auch
alle ihr Auto im Schatten und stehen daheim bei der Alten
unterm Pantoffel. Das ist der einzige Grund, warum sie so
früh nach Hause kommen. Die wahren Giganten der Landstraße
gehen jetzt in den Sattel, absolvieren ihre 74,83 km lange
Testrunde lässig durch die Hose atmend in schnuckligen 193
min und 17 sec und laufen dann noch graziös übers Land.
Heute wird das Programm aber ein wenig anders ablaufen.
Jupp hat beschlossen einen Schlenker dran zu hängen und in
der berühmten Nachbarstadt am jenseitigen Rheinufer sein
Läufchen zu absolvieren und in faszinierender Weise wie
einer dieser afrikanischen Wunderläufer die versammelte,
weibliche Studentenschar zu beeindrucken. Sein Pferdchen
wird er einfach an einem der dort niedergelassenen Vereine
anleinen, wozu hat er schließlich einen Kumpel dort.
So geschieht es dann auch. Jupp bewältigt die um 7,38 km
verlängerte Radrunde in gefühlter WARP-IV-Geschwindigkeit,
leint sein Hyperdypercarbonpferdchen im Verein seines
Kumpels an und will sofort lostraben. Plötzlich fällt ihm
auf, dass er ja gar keine Laufschuhe dabei hat. Was tun?
Nun, einen echten Eiermän schreckt ja nichts wirklich ab
und blitzschnell ist ein neuer Plan im gnadenlos
rotierenden Hirn unseres Heros erstellt. Statt lang und
schnell, eben kurz und richtig schnell. Schnell die Socken
aus und ab dafür. Jupp stürmt los und bereut seinen
Enthusiasmus sofort wieder, was er mit einem schrillen
Schmerzensschrei bekundet. Schon drehen sich die ersten
Köpfe in seine Richtung. Es gibt also kein zurück.
Jupp setzt sein breitestes Grinsen auf und spurtet weiter
über den kochend heißen Asphalt. Nur noch wenige Meter,
dann wird er über Grasboden Schweben können. Aus
irgendeinem unerfindlichen Grund spukt auf einmal das Lied
„Das Auge der Hühner“ durch seinen Kopf, aus irgendeinem
uralten Schinken, in dem ein abgetakelter Boxer mit einer
bemitleidenswert schmächtigen Figur immer nach „Eirieen“
geschrien hat – was auch immer das war.
Jupp erreicht das Gras und hält erneut die Luft an. Die
Fläche ist höchstens einen halben Meter breit, dann folgt
ein Sandweg. Eigentlich prima, aber unser Hero kann schon
jetzt die messerscharfen Splitsteine an seinen Fußsohlen
spüren. Einen Herzschlag später - gut bei Jupp waren es
fünf - werden seine kühnsten Vorstellungen bei weitem
übertroffen. Jupps Laufstil hat auf einmal tatsächlich
etwas Schwereloses. Allerdings verbietet sich der
Vergleich mit den afrikanischen Laufgazellen von allein.
Vielmehr gleicht er eher einem Flusspferd auf Kokain.
Doch wer unseren Hero kennt, weiß, dass es kein Halten
mehr gibt, wenn er sich erst einmal in Wallung versetzt
hat. Und so rast Jupp wie von der berüchtigten Tarantel
gestochen über die glühend heißen Steinchen. Unter enormer
Willensanstrengung hält er sich in Bewegung, unterliegt
nicht der Versuchung, stehen zu bleiben und seine
Niederlage einzugestehen. In seinem Kopf schreit eine
Stimme in alles ausfüllender Lautstärke erneut nach „Eirieen“,
aber er kann die Frau immer noch nicht am Strand
entdecken.
Dafür aber ein junges Pärchen, das in aller Seelenruhe vor
ihm auf dem Weg schlendert und ihn zum Ausweichen oder
Zusammenstoß zwingen würde, wenn er nicht Gedankenschnell
einen Haken schlagen würde. Was er ja überhaupt nicht
einsieht, denn somit wäre ja sein Mythos der absoluten
Schmerzunempfindlichkeit zerstört. Und wenn das jemand
sah? Jupp, der Rücksichtsvolle – geht ja wohl gar nicht.
Spione von Gegnern lauern ja schließlich immer und
überall. Kommt nicht in die Tüte.
Jupp atmet tief ein und will gerade mit gelangweilt
lockerer Stimme verkünden, dass sie dem Herrn der Hitze
gefälligst den Weg freimachen sollen, als sein Blick auf
ihre Füße fällt. Jupp wird unwillkürlich langsamer. Nun
ja, nicht dass er wirklich schnell gewesen wäre, aber was
er jetzt sieht, macht ihn doch schlagartig ziemlich
fertig.
Das Pärchen schlendert tatsächlich barfuss in Richtung
Eiswagen. Was soll das denn? Wollen die beiden ihn
verarschen? Oder handelt es sich um eine geheime Mission
vom Mars? Jupps Schritte verenden und er bleibt einfach in
der prallen Sonne stehen. Heftig atmend blendet er die
rasenden Schmerzen an seinen Fußsohlen aus. Würdevoll
blickt er ins weite Rund.
Die hämisch grinsenden Gesichter der schnuckligen Mädels
in ihren viel zu knappen Bikinis um sich herum, übersieht
unser Eiermän einfach. Was wissen die schon über die
Zartheit von empfindlichen Hochleistungsfüßen. Aber Jupp
wäre nicht unser Jupp, hätte er nicht noch ein Ass im
Ärmel.
Kurz entschlossen streift er sich seinen Einteiler bis zur
Hüfte herab. Sein Rettungsring, oder sagen wir
mittlerweile Rettungsringe - der Mann wird ja auch älter -
zuvor mühsam in Form einer überdimensionalen Presswurst
zusammengehalten, folgt in wahrer Urgewalt den Gesetzen
der Physik. Jupp nutzt das herunter gestreifte Oberteil
als Handtuch und lässt sich, zufrieden auf sein Tagwerk
zurückblickend, auf den Rasen nieder. Das Grinsen auf den
umliegenden Gesichtern erlischt und weicht einem neuen
Ausdruck. Jupp spürt die bewundernden Blicke. Als Einziger
mal wieder. Jeder andere hätte blankes Entsetzen in den
Gesichtern der umliegenden Sonnanbeterinnen gesehen. Das
Auftauchen der Rückenfinne des Weißen Hais im Rhein hätte
nicht schlimmer sein können.
Aber unser Hero kennt natürlich auch keine falsche Scham,
dreht sich um und krakelt: „Danke Mädels, wundern
einstellen. Will ja schließlich keinen Streit mit eurer
Begleitung. Was ihr seht, ist das Ergebnis jahrelangen,
harten Trainings. Ich kann euch ja verstehen, aber so kann
schließlich nicht jeder aussehen.“
Atemlose Stille, selbst der Wind hat jegliche Aktivitäten
eingestellt. „Zum Glück!“ Der Ausruf geht in dem
schlagartig zu Orkanstärke aufbrausendem Gelächter unter… |