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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Blattschuss
Februrar 2010 - by Oliver Keck

Jupp ist sauer. Stinksauer. Auf wen??? Blöde Frage. Auf sich selbst natürlich. Weil er sich auf der Schanze im Schwarzwald beinahe das Höschen beschmutzt hat. So was kann unser Hero natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Na ja, fast nicht. Eine gute Fernsicht hat zwar schon etwas für sich, aber man sollte es eben nicht übertreiben. Aber zum Glück gibt es ja noch spannenden Alternativen im Winter. Das Zauberwort heißt Biathlon…

Wie gesagt, das mit dem Laufen auf den schmalen Brettern klappt ja schon ganz gut. Und die zweite Disziplin, also die mit diesem Gewehr…pah, was für eine Frage. Unser Hero war schließlich vor zig Jahren seinen Pflichten als guter deutscher Heranwachsender nachgekommen und hat seinen Wehrdienst brav absolviert. Zum Glück vor mehr als zwanzig Jahren übrigens…zum Glück für die Taliban, sonst wären diese Hinterwäldler nämlich schon längst wieder dort, wo sie hervorgekrochen waren.

Fairerweise muss man aber zugeben, dass die Episode mit dem Wehrdienst nicht allzu deutlich ausgeleuchtet werden sollte. Unser Eiermän hat dies auch weitestgehend verdrängt. Er musste in der Zeit oft zu verschiedenen Ärzten. Die Typen dort faselten was von „Sie sind nicht Rambo“ oder „der Umgang mit scharfer Munition sollte Ihnen verboten werden“ und so war er froh, dass dieses Kapitel nach knapp drei Wochen wieder für ihn geschlossen wurde. Die nachfolgende, mehrmonatige Überwachung durch den BND – die ausnahmsweise mit Mossat und Stasi kooperierten – ging dann aber glücklicherweise unerkannt an Jupp vorüber.

Aber was erzähl ich, das blühende Leben findet jetzt statt und manifestiert sich auf der Website der für den Winter-Zweikampf zuständigen Organisation, die von unserem Hero in gewohnt hektischer Manier durchforstet wird.
„Wie? Was? Ich darf nicht im Weltcup starten? Frechheit!!! Mal sehen, noch nicht mal im unterklassigen Kontinental-Cup? Ja, spinnen die denn??? Das grenzt ja fast schon an Blasphemie!“

Nachdem der erste Zorn verflogen ist, loggt sich Jupp wieder aus seinem Mailprogramm aus und verzichtet darauf, eine entsprechende Protestmail an den Vatikan zusenden, in der er dem Papst seine Sicht der stattfindenden Gotteslästerung darzulegen gedachte. Grund dafür ist nicht etwa seine Einsicht, sondern, dass er schon wieder sabbernd vor dem Monitor sitzt, weil ihm etwas Neues ins Auge gestochen ist.

„Wow, das ist doch genau das, was ich suche. Eine Art Jedermann-Biathlon im Vorfeld eines Weltcups. Hier können sich die Nachwuchs-Cracks einem großen Publikum zeigen und auf sich aufmerksam machen. Die Ausrüstung der Athleten übernehmen die prominenten Weltcup-Sportler. Gebeten wird lediglich um eine Spende für einen guten Zweck. Die Höhe der Spende ist jedem selbst überlassen. Na denn“ Um auf den Papst zurückzukommen. Dieser kann in dem Moment froh sein, das diabolische Grinsen unseres Heros nicht zu sehen, sonst wäre ihm sicher vor Schreck die Hostie aus den Händen gefallen.

Jupp meldet sich umgehend online an und reist schon eine Woche später nach Spanholz, um die Verantwortlichen der rennenden Schützen von seinen Qualitäten zu überzeugen. Dort angekommen, wird er ins Häuschen der russischen Athleten verwiesen, die ihn ausstatten und seine Spende entgegen nehmen werden. Jupp stürmt ins Häuschen und krakelt los:
„Nastrowje, oder so, ich bin de Jupp. Und eigentlich Triathlet. Und viel zu gut für diese Welt, denn ich habe Hawaii gerockt. Aber damit könnt ihr Wodkaleichen ja eh nix anfangen. Also her mit der Knarre und den Latten, damit ich euch mal zeigen kann, wo der Hammer hängt.“

Jupps Russisch-Kenntnisse sind ein wenig eingerostet und so entgeht ihm natürlich die Schimpfkanonade des Team-Betreuers, der ihm zum Abschluss die Hand hinhält.
„Ah, jetzt willst du sicher die Spende von mir? Bitte schön“
Jupp drückt dem verdutzten Typen ein paar alte Topflappen in die Hand, schnappt sich die an der Wand lehnende Ausrüstung und stürzt aus der Hütte. Skier untergeschnallt, Gewehr über die Schulter geworfen und los geht es.

Ein lauter Knall zerreist die morgendliche Stille der Südtiroler Bergwelt und Jupp fühlt sich, als hätte ihm einer zwei schallende Ohren gleichzeitig verpasst. Hektisch schüttelt er den Kopf, kann aber nichts verstehen.
„Scheiße, ich bin taub. Wie soll ich mich da nur im Straßenverkehr zu Recht finden?“ Eine schwere Hand fällt auf seine Schulter und reißt ihn herum. Der dämliche Russe hat sich vor unserem Hero aufgebaut und plappert wild gestikulierend auf ihn ein.

„Was willst du blöder Sack eigentlich von mir? Merkst du nicht, dass ich taub bin?“ Unser Eiermän schaut den wie Rumpelstilzchen zu seinen Glanzzeiten wütend umher hüpfenden Typen dämlich grinsend an, als das Rauschen in seinen Ohren langsam weniger wird.

„Welcher Vollidiot wildert in meinem Revier“ hört Jupp eine weitere, ziemlich angekäste Stimme.
„Gott, ich danke dir für deine Güte. Du hast mich geheilt, ich kann wieder hören.“ Unser Hero dreht sich zu dem Neuankömmling um und wundert sich über dessen grüne Klamotten. „Was ist denn das für einer?“, fragt er sich, als dieser sich schon vor ihm aufbaut. Für einen Moment muss selbst der hartgesottene Eierman schlucken, denn es wurde für Sekunden dunkel.

Zunächst ängstlich, dann doch trotzig schaut Jupp zu dem Monster in Menschengestalt vor ihm auf. „Wo ist dein Problem, Mann? Du weißt wohl nicht wen Du hier vor dir hast, oder?“

„Das ist mir auch scheißegal, du Trottel hast eben geschossen und im Wald meine kapitalsten Hirschen erlegt. Einen 20ender. Das Tier hatte Symbolcharakter für die Region, viele Wanderer kamen jedes Jahr hierher, um ihr Glück zu versuchen und es im Wald zu erspähen. Und du Esel knallst es einfach ab. Aber warte Bürschchen, mal sehen, was die Gendarmerie von einem Wilderer hält.“

Der Typ vor ihm zückt sein Handy und ist für wenige Augenblicke abgelenkt, weil er aufs Display starrt. Jupp ist noch nicht so verblödet, dass er nicht seine Chance erkennt und Fersengeld gibt. Sprinttraining ist zwar um diese Jahreszeit total kontraproduktiv, aber im Knast abhängen noch viel mehr. Unser Eierman düst zu seinem Kombi und rast davon.

Auf der Rückfahrt wird ihm bewusst, dass er schon zum zweiten Mal mit mehr als überhöhter Geschwindigkeit den Ort der Berühmtheit – also, der es hätte werden sollen – fluchtartig verlässt. Vielleicht ist Wintersport ja doch nichts für ihn. Obwohl, einen hätte er noch – Wintertriathlon. Als alter Profi-Biker muss er unbedingt mal die dortige, kleine Szene aufmischen…
 

 

 

 

 

 

 

 

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