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Jupp hat definitiv die Schnauze voll. Von was??? Na, vom
Winter natürlich! Aber noch viel mehr von seiner ständigen
Jammerei. Als er gestern Abend nach einer weiteren
hyperkalten Laufeinheit bei gefühlten 585 Grad unter Null
in seinem Wohlfühltempo von 7:36 min pro Kilometer auf
seiner 3.4 km langen Runde erschöpft auf der Couch lag,
gesellte sich seine Katze zu ihm. Mutig erklomm sie die
mittlerweile beachtliche Schwellung unter Jupps
Brustkasten und ließ sich nach der Anstrengung genüsslich
den Rücken kraulen.
Jupp philosophierte Mitleid heischend vor sich hin, über
die Kälte, seine noch fehlende Frühform und die
Ungerechtigkeit auf dieser Welt, als sich seine Katze
demonstrativ umdrehte, um ihm den Allerwertesten ins
Gesicht zu strecken. Jupp schupste sie von sich herunter
und richtete sich auf. Irgendwie hatte sie ja Recht –
genug gejammert. Jupp schlug sich auf seiner
Superman-Wampe: ab jetzt gilt wieder die Devise: wir
machen aus Pudding, Muskeln!!!
Jupp schaut online, welchen Herausforderungen man sich in
naher Zukunft denn stellen könne. Fehlanzeige. Nur so ein
komisches Schwimmen über die lächerlich kurze Distanz von
1.000 Metern. Und was sollte unser Hero für den Rest des
Tages machen? Eine berechtigte Frage, die es zu
entscheiden galt, wenn der Tag gekommen ist.
Eine Woche später ist es denn auch schon soweit. Logisch,
dass seit Wochen endlich mal wieder die Sonne scheint und
Jupp sich zum Schwimmwettkampf in einem stickigen
Hallenbad angemeldet hat. Allerdings war es ganz in der
Nähe seiner Wohnung gelegen, so dass er direkt nach seiner
32 km Radrunde mit 23,4 Hm zu dem Wettkampf aufbrechen
konnte. Nach gefühlten 74 min kam Jupp wieder mit seinem
Carbon-Boliden zu Hause an, den er zur Feier des Tages mal
wieder ausgeführt hatte.
Und damit nicht genug. Sofort schürt er sich die
Laufschuhe, schnappt sich den früh morgens schon
gerichteten Rucksack, der neben High-Tec-Schwimmanzug und
Brille auch diverse Energieriegel und –drinks enthält und
nimmt die knapp 3 km lange Strecke unter die Sohlen.
Völlig außer Atem erreicht Jupp das Schwimmbad. In welchem
Lauf ist er…wie, was…im nächsten schon??? Was soll das?
Er, der unbestrittenen Star der Szene muss so früh ran???
„Da muss ich ja ewig bis zur Siegerehrung warten. Was für
ein Scheiß…“. Egal, Zeit sich einen extrem
kalorienhaltigen Recovery-Riegel reinzuzimmern bleibt
noch. Ein Schluck hoch dosierte Iso-Plörre, schon kann es
los gehen.
Jupp verdrängt die negativen Gedanken viel leichter, wenn
er etwas im Magen hat. Er fühlte sich ja schon richtig
flau. Jetzt geht es aber los. Im wahrsten Sinne des
Wortes. Die Zeit drängt und er schafft es gerade noch, in
seine zweite Fischhaut zu schlüpfen, als er auch schon
aufgerufen wird. Hastig bittet er den Zeitnehmer, den
Reißverschluss auf dem Rücken zu schließen, was dieser
zunächst auch bereitwillig tun will. Nach mehreren
vergeblichen Versuchen, bittet er mit hochrotem Kopf
seinen Kollegen, der ihn spöttisch angrinst.
Jupp dreht verständnislos den Kopf nach hinten. „Was ist
los, Männer. Wenn ihr euch gleich genauso beim
Uhrenablesen anstellt, kann das ja nichts werden.“
„Hey Jupp, halt lieber mal die Luft an und ziehe um Gottes
Willen Deinen Ranzen ein.“
„Meinen was bitte??? Hast Du sie noch alle? Das spricht
wohl der blanke Neid aus dir…“ Der Rest der nun
einsetzenden Schimpfkanonade geht in den Klängen der Musik
unter, die nun aus den Lautsprechern schallt und von einer
quäkenden Stimme unterbrochen wird: „Aufgrund einer nicht
eingeplanten Verzögerung müssen wir eine Pause von fünf
Minuten anberaumen und spielen bis dahin noch ein paar
Takte Musik. Vielleicht geht es ja aber auch ein wenig
schneller, wenn der gute Mann mal endlich seinen
Schwimmanzug geschlossen bekommt!“
In seiner Aufregung hat Jupp nichts von der Durchsage
mitbekommen. Schließlich gelingt es den beiden Zeitnehmern
mit vereinten Kräften, den Reisverschluss an Jupps Rücken
zu schließen und der Wettkampf kann endlich fortgesetzt
werden. Jupp gleitet elegant wie ein Albatross beim
Landeanflug auf dem Festland ins Becken, was seine
Mitschwimmerin auf der Bahn veranlasst, mühevoll dafür
Sorge zu tragen, nicht allzu viel Wasser zu schlucken.
Das Startkommando fällt und Jupp stößt sich kräftig vom
Beckenrand ab. Mit wuchtigen Schlägen treibt er seinen
Astralkörper durchs Bassin voran. Nach den ersten beiden
Wenden blickt er kurz nach rechts und links und sieht
niemanden mehr. Zufrieden, bereits jetzt schon in Führung
zu liegen, zieht Jupp seine Bahnen. Nach geschätzten 12:03
min schlägt er nach den vierzig Bahnen an.
Der eh schon genervte Zeitnehmer schaut noch genervter zu
ihm herab. „Sag mal Jupp. Du lernst es wohl nie, oder?
Kannst du jetzt nicht einmal mehr richtig lesen. Wir haben
in der Ausschreibung geschrieben, dass man seine
realistische Schwimmzeit bitte angeben möge. Und was
machst du?“
„Was willst du denn? Habe ich doch gemacht. Kann doch auch
nichts dafür, dass ich schon so gut in Form bin.“
Fassungslos schaut ihm der Helfer zu, wie Jupp aus dem
Becken kraxelt. „Gut in Form??? Dann möchte ich nicht
wissen, was du schwimmst, wenn du außer Form bist. Du hast
eine satte 27:38 ins Becken gezaubert. Deine Meldezeit
gibst du knapp unter 15 min an. Geht’s noch?“ Plötzlich
erfasst ein Zittern seinen Körper und er fängt schallend
an zu lachen. Er kann sich gar nicht mehr beruhigen.
Mit hochrotem Kopf eilt Jupp in die Umkleide und macht
sich vom Acker. Niemandem ist bekannt, ob die Röte von der
Anstrengung herrührt (wobei – welche Anstrengung???) oder
doch durch ein gehöriges Maß an Schamgefühl ausgelöst.
Wobei man sich auch hier die Frage stellen muss, ob Jupp
dieses Gefühl überhaupt kennt.
Eben – nicht Scham, sondern Wut führen zu der auffallenden
Änderung von Jupps Gesichtsfarbe.
„Euch werde ich es zeigen. Das ist die beste Motivation
für mich. Beim Triathlon im Sommer, an fast gleicher
Stelle, den ich zur Vorbereitung auf meine Ansturm auf
Europas Krone melden will, werdet ihr mich um Vergebung
bitten.“
Wütend eilt Jupp davon. Und siehe da, den Rückweg zu
seiner Wohnung schafft er beinahe doppelt so schnell. Jupp
ist zufrieden. Alles in allem doch ein erfolgreicher Tag.
Er ist auf einem guten Weg.
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