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Jupp
steigt aus dem Flieger und genießt von der ersten Sekunde
an die dichte Atmosphäre, die auf ihn einstürmt.
Vogelgezwitscher erfüllt die von gleißender Hitze
flimmernde Luft und kein Lufthauch sorgt für Abkühlung.
Unser Hero schiebt seine Auggley von seinem spärlich
behaarten Haupt über die Augen und denkt vergnügt:
„Wow, was eine geile Location. Ein idealer Ort zum
Heldenzeugen. Ich bin also angekommen am Ziel meiner
Wünsche. Jetzt werde ich die Insel rocken und meinen ollen
Ex-Nachbarn aus Kölle vernichten. Einfach herrlich.“
Jupp schnappt vergnügt sein Equipment, trabt in seine
Unterkunft – ein malerisch am Highway gelegenes 600 Betten
Motel mit Rundum-Sorglos-Paket und beschließt, am
kommenden Morgen erst mal die Insel mit seinem
Hightech-SuperDuper-Boliden zu erkunden. Nach einem kurzen
Absacker – von wegen, es gibt kein Bier auf Hawaii –
begibt sich Jupp in seine Koje und schläft den Schlaf der
ungerechten Eiermänner.
Am nächsten Morgen – noch drei Tage bis zum großen Event –
bricht Jupp auf, um die Insel zu erkunden, nachdem er in
aller Frühe einen Teil der Schwimmstrecke schon erkundet
hat. Wollte die Natur mit den Delfinen genießen… und was
war? Geschätzte 25.000 andere Vollpfosten haben sich mit
ihm um 5.00 Uhr ins Wasser gedrängelt. Scheinbar leiden
die alle noch unter dem Jetlag.
Nach einem kohlehydratreichen Sportlerfrühstück –
komischerweise schmeckten die Frühstückflocken irgendwie
nach Käse und Hackfleisch, aber in Amiland ist wohl alles
möglich – packte er sein bestes Pferdchen und machte sich
auf den Weg nach Hawi. Plötzlich Wind aller Orten, aber
durch die Tatsache, dass auch die anderen Triathleten
nicht untätig in ihren Hotels abhängen, konnte man diesem
kraftraubenden Element wie in einem Radrennen geschickt
aus dem Weg gehen. Man musste sich ja nicht als der
Volltrottel outen, der ganz vorne an der Spitze der Gruppe
fährt. Wieder zurück im Motel, noch ein paar Meilen – man
muss sich ja an die örtlichen Gegebenheiten anpassen –
gejoggt und dann zwei Tag lang die Füße hochgelegt…
Am Morgen des Megaevents steht Jupp um kurz nach 04.00 Uhr
in der tiefschwarzen Nacht, die von gleißenden
Scheinwerfen in unnatürliches Licht getaucht wird, am Pier
von Kailua Kona. Der große Tag ist endlich gekommen,
darauf hat er jahrelang hin gearbeitet. Jetzt wird hier in
den nächsten Stunden die Kuh fliegen. Bodypainting
erfolgreich hinter sich gebracht, das Pferdchen auf seinen
Platz gebracht, die Wunderriegel allesamt am Rad verstaut
und den Laufbeutel abgegeben. Der Startschuss rückt näher
und unser Hero saugt das in der Luft liegende Adrenalin
ins sich auf.
In der Masse der Mehrkämpfer hat er seinen
Lieblingskonkurrenten noch nicht ausmachen können. Er
spürt ihn aber und weiß, dass heute Zahltag ist. Jupp
spaziert zum Strand und ist völlig relaxt. Noch ein wenig
einschwimmen, ein donnernder Kanonenschuss verkündet den
Start der Pros und Jupp wäre beinahe schon losgebügelt,
denn wenn jemand diese Bezeichnung verdient gehabt hätte,
dann eigentlich er. Aber er muss ja nur noch 15 min
warten.
Plötzlich zerreißt ein weiterer Donnerhall die
morgendliche Stille und alle donnern los, als gäbe es kein
Morgen mehr. Auch unser Hero prügelt sich durch den
leichten Wellengang und erreicht tatsächlich in Mitten der
großen Massen den Wendepunkt, ohne einmal gekübelt zu
haben. Der Rückweg ist ein Klacks und Jupp hat erstmals
Probleme damit, sein Bike zu finden. Was ist los???
Verwundert reibt sich unser Eiermän das Salzwasser aus den
geröteten Augen – da stehen ja noch so viele Fahrräder –
sollte er wirklich nicht als Letzter aus dem Pazifik
gekrabbelt sein.
Noch besser gelaunt packt Jupp seinen Carbon-Renner am
Oberrohr – aus Schaden wird man ja klug – und wuselt aus
der scheinbar nicht Enden wollenden Wechselzone. Auf dem
Bike wird kräftig gedrückt und auch hier merkt er den
starken Wind wieder nicht. Die Szene erscheint irgendwie
surreal…kommt sie ihm doch genauso vor wie vor drei Tagen
im Training. Ein geschlossenes Peleton scheint über die
Insel zu rasen. Hat den Vorteil, dass es einem nie
langweilig wird, weil man sich auf den 180 km immer mit
jemand anderem unterhalten kann. Die Zeit vergeht wie im
Fluge und ratzfatz hat Jupp schon die Laufschuhe
geschnürt.
Puh, jetzt merkt unser Eiermän doch die Hitze. Egal, da
müssen alle durch. Jupp blickt auf das Passbild in seiner
Hand – ein Portrait seines Ex-Nachbarn. Motiviert bis
unter die dürftigen Haarspitzen setzt unser Hero einen
Schritt vor den anderen. Rein ins Energy-Lab und wieder
raus. Noch ein paar Kilometer und schon ist er auf der
Ziellinie. Wow, er ist ein Eiermän….Lächerlich der
Kommentar dieses aufgekratzten Sprechers, der sich wohl
für eine hawaiische Ausgabe von Michel Paffer hält, wo er
doch diesen Sport quasi von Anfang an geprägt hat.
Jupp genießt die Atmosphäre im Ziel, schüttet das auf der
Insel nicht vorkommende Gebräu in Massen in sich hinein
und registriert nach knapp zwei weiteren Stunden mit
dickem Kopf, die Ankunft seines ehemaligen Nachbarn. Er
baut sich sofort vor ihm auf.
„Ey, du alter Pfeifenkopp. Bist du auch schon da? Du
Träne. Jetzt habe ich dir endlich alles heimgezahlt. Ich
bin ein Eiermän, du bist ein trauriger Trottel, der den
Titel nicht verdient hat. Jetzt habe ich alles erreicht im
Leben…äh ja, und muss mir wohl neue Ziele setzten…“
Jupp lässt den verdatterten Kollegen aus der Altersklasse
stehen und wandelt verwirrt durch die Zuschauerreihen.
„Was hatte er da eben gesagt? Alles erreicht? Ja, stimmt
schon. Und jetzt?“
Jupp schaut sich um. Saugt erneut den Zauber der Insel ins
sich auf. Er fasst einen Entschluss, geht zurück ins Motel
und wählt eine Nummer in Deutschland.
„Ja, hallo, Chef??? Meier hier, was, ja, aus Hawaii. Der
Eiermän? Habe ich schon lange rum. Bin jetzt quasi berühmt
he, he. Hören Sie zu Chef. Ich kündige. Ich bleibe hier.
Was??? Ne, ich war noch nie so klar in der Birne. Ich
brauche eine Auszeit. Vielleicht komme ich mal wieder
zurück. Midlife-Crisis? Blödsinn, ich war noch nie so
sorgenfrei wie im Moment…“
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