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Zu
den Klängen seiner alten Kumpels der Starkstrom/
Wechselstrom – Fraktion werden die letzten Sekunden
heruntergezählt. Der Startschuss hallt wie ein
Donnergrollen von Gottvater Zeus über den See und Jupp
sprintet mit knapp 2.000 gleichgesinnten Irren über den
Strand ins kühle Nass. Doch etwas ist anders!
Der markerschütternde Schrei, der seltsamerweise nach der
Titulierung eines japanischen Zwergbäumchens klingt, hallt
durch die Luft. Jupps Konkurrenten halten verwirrt für
einen Moment inne. Jupp verstummt, als er das hüfttiefe
Wasser erreicht hat und freut sich diebisch über den
Vorsprung, den er gegenüber diesen Trotteln herausgeholt
hat. Mit einem eleganten Bauchplatscher, nimmt er das
Rennen auf. Währenddessen erklimmt ein erster zarter
Sonnenstrahl die Gipfel der umliegenden Berge und taucht
die Landschaft in gedämpftes, orangefarbenes Licht.
Unser Eiermän hat natürlich für solch einen sentimentalen
Postkarten-Idyllle-Scheiß keine Zeit. Mit kraftvollen
Zügen pflügt unser Hero durch die Fluten, den mit 50 m
Vorgabe gestarteten Profis hinterher. Bei der
Wettkampfbesprechung hat Jupp noch gelästert, dass die
Jungs und Mädels dies wohl nötig hätten, sonst würden sie
in seiner Flutwelle ertrinken. Der geneigte Zuschauer
reibt sich dann an diesem frühen Morgen verwirrt die
Augen: das, was Jupp da im Wasser fabriziert, hat doch
tatsächlich was mit Schwimmen zu tun. Dass ihn dennoch der
größte Teil der kurz zuvor im Sand verharrenden Horde
überholt, juckt Mr. Ausdauer-King himself nicht weiter.
Das Rennen beginnt schließlich erst wirklich, sobald er
wieder festen Boden unter den Füßen hat und sich in den
Sattel seines Hyper-Carbon-Boliden schwingt. Beim
Schwimmen kann man keinen Eiermän gewinnen, wohl aber
verlieren. Und daher gibt Jupp alles und erreicht sogar
noch vor vier anderen das rettende Ufer.
Von diesem Moment an läuft alles, wie er sich das schon
mindestens ein oder mehrere Leben lang vorgestellt hat. In
der nun übersichtlichen Wechselzone findet er in
Bruchteilen von Sekunden sein Pferdchen, zäumt es auf und
trabt – dieses Mal sehr vorsichtig – zum Ausgang der „Transition
Area“ – wie man das wohl auf neuhochdeutsch so nennt. Er
schwingt sich in den Sattel, na ja, ehrlich gesagt, bremst
er aus vollem Lauf ab, bringt den linken Fuß vorsichtig
auf die Oberfläche des professionell bereits am Pedal
befestigten Schuhs und schwingt sich nach guter
„Alter-Herren-Manier“ in den Sattel. Schon fünf Kilometer
später hat er zwei Powerbar reingezimmert, eine
Trinkflasche geleert und die nassen Füße in den Schuhen
verstaut sowie diese verschlossen. Und das alles
unfallfrei!!!
Mit finster entschlossenem Blicken hinter seiner stark
verdunkelten Sonnenbrille der Marke Breakday –
selbstredend, dass es sich hier um den Marktführer und
intergalaktischen Checker der Besten handelt – beginnt
Jupp das Feld von hinten aufzurollen. Und auch jetzt ist
es für den interessierten Zuschauer von Belang, sich
erneut verwundert die Augen zu reiben. Unser Hero pflügt
nahezu durch die Heerscharen feindlicher Triathleten – um
mal auf ein abgewandeltes Zitat aus dem Buch der Bücher
zurückzugreifen – und macht Position um Position gut. Was
ist denn nun los? Das böse D-Wort? Nicht doch unser Jupp,
der ist sauber, kommt ja schließlich gerade vom Schwimmen.
Ein Blick auf den Carbon-Vorbau seines Boliden lässt die
letzten Zweifler verstummen: ein Photo seines Ex-Nachbarn
aus Kölle. Jedes Mal wenn er seinen Kopf kurz nach unten
neigt und mit gehetztem Blick seine Vorräte an Kraftfutter
checkt, dringt ein tiefes Knurren aus seiner Kehle. Hätte
sich unser Eiermän nicht just in freier Natur sondern in
einem stark frequentierten öffentlichen Gebäude
aufgehalten, hätte man ihn wahrscheinlich augenblicklich
als ausgeticktes Mitglied der turbantragenden Rauschebärte
verhaftet.
Mit derweil Dynamit in den Beinen erreicht Jupp die zweite
Wechselzone und hat wirklich einen beträchtlichen Teil des
hinteren Feldes überrollt. Wer nun denkt, dass die
Motivations-Animation flöten geht und unser Hero mit
heraushängender Zunge von einem Konkurrenten nach dem
anderen wieder aufgesaugt wird, hat die Rechnung ohne
unseren Langstrecken-Gott gemacht. Flugs vom Pferdchen
verabschiedet, rin in die Rennpuschen und ein Käppi gegen
brutzelnde Sonne auf den mit dünnem Haupthaar versehenen
Quadratschädel. Plötzlich scheint sich das schützende
Schild vom Käppi zu lösen. Etwas schwingt irgendwie
deplatziert vor der linken Gesichtshälfte von unserem
Eiermän hin- und her. Laute Flüche? Gewaltiges Gezeter?
Fehlanzeige…
Was ist denn nun schon wieder los, fragt sich der geneigte
Zuschauer zum dritten Mal an diesem langen Tag. Die
Erklärung ist so verblüffend, dass es schon wieder
einleuchtend ist. Jupp hat an dem Schild seines Käppis ein
weiteres Photo seines alten Nachbarn getackert, dass er
nun mit dem linken Auge stets im Blickfeld hat. Mit dem
rechten Auge kann man sich allemal auf die Strecke
konzentrieren. Und auch diese Rechnung geht auf: Jupps
allgemein erwarteter Einbruch bleibt aus und er wälzt sich
wie eine Dampframme über die Marathonparcours und erreicht
schließlich laut über sein gottgleiches Wesen parlierend
die Ziellinie. Die aufmerksamen Beobachter dieses
historischen Ereignisses berichten später, dass zahlreiche
Besitzer von Wettbüros nur mit massiven Polizeieinsatz
davon abgehalten werden konnten, sich auf den
durchgeknallten Teutonen zu stürzen, der sie ein Vermögen
gekostet hat.
Nun, Jupp unser Eiermän hat es also gepackt und ist ein
Eiermän 2009. Jetzt blicken alle gespannt, inklusive
unserem Hero, auf die Uhr: 11:38:43 h!!!
Wow, da bleibt aber nun wirklich jedem die Spucke weg. Nur
einem natürlich nicht: Jupp versucht, sich an den Siegern
vorbei vor die Fernsehkameras zu drängen und gibt
Statements zu gelungenen Rachefeldzügen an ehemaligen
Nachbarn ab. Leider vergisst er dabei, auf welchem
Kontinent er sich gerade befindet und nur das beherzte
Eingreifen einer mitleidigen Rennärztin ist es zu
verdanken, dass Jupp nicht nonstop weiter nach Guaranamo
gereicht wird, um die nächsten vierzig Jahre dort den
Rasen mit Double-Uus Nagelschere zu schneiden. Sie erklärt
den griesgrämig dreinschauenden und kaugummikauenden
muskelbepackten Monstern, dass dieser Athlet über seine
Grenzen gegangen sei und dringend eine Infusion benötige,
damit er wieder klar denken könne. Widerwillig ziehen die
in Zivil gekleideten Herdentiere wieder ab und Jupp kann
sich tatsächlich dem hingeben, worauf er schon etliche
Jahre hin zugearbeitet hat: der Feier seines Tickets für
das große Finale im Pazifik auf Hawaii. An dem Ort, aus
dem aus dem Fernduell das reale Duell der Giganten werden
wird, bei dem Schummel-Schumis beinahe Comeback und
Legweaks tatsächliches Comeback den berühmten Reis-Säcken
im Land der aufgehenden Sonne gleichen werden.
Aber erst einmal heißt es, die verlorenen Kalorien bei der
Feier der klapprigen Figur wieder zuzuführen. Feuer frei
oder auch: Wirt, schenk ein, was deine Fässer hergeben.
Nach weiteren 25 Stunden und dem Verlust der Muttersprache
sitzt Jupp mit einem lustigen Schild um den Hals im
Flieger Richtung good, old Germany. Er hat es gepackt! Er
ist der Größte! Er hat es immer schon gewusst!
Selig und dümmlich grinsend schlummert Jupp ein. Die
Flugbegleiterinnen sind zufrieden. Kein endlos langes
nervtötendes Gesabbel von ihrem auf dem Hinflug renitenten
Passagier. Denn das Schicksal meint es hart mit ihnen:
erwischt es doch dieselbe Crew wie auf dem Hinflug. In
Frankfurt verabschiedet sich ein gut gelaunter Jupp von
der Crew, holt sein Pferdchen vom Transportband und
überlegt auf der Heimfahrt schon die nächsten
Trainingsaktivitäten, damit er seinem Erzfeind in Kölle so
richtig eine reinwürgen kann.
Denn nach dem Triathlon ist vor dem Triathlon…
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