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Laut…viel
zu lauert trällert eine leicht blechern klingende Stimme
neben Jupp’s Ohr los, was eine gigantische Reaktion in dem
Gebilde auslöst, das er gestern noch als seinen Kopf
bezeichnet hat. Gleichzeitig explodieren Blitze vor seinen
schlagartig weitaufgerissenen Augen, irgendwelche
hinterhältigen Zwerge scheinen mit massiven
Vorschlaghämmern sein Trommelfell zu bearbeiten und sein
abrupt aufgerichteter Astralkörper gibt ihm das sofortige
Feedback, sich augenblicklich wieder flach im Bett
auszustrecken, falls er nicht seinen gesamten Mageninhalt
loswerden will. Ein gequältes Stöhnen dringt über Jupps
Lippen.
„Wo…wo bin ich?“ fragt sich Jupp leise und versucht
widerstrebend den ekelerregenden Geschmack in seinem Mund
herunterzuwürgen. „Ich vermute mal, mitten in der Hölle.“
Gibt er sich selbst eine Antwort. Jupp registriert wieder
das nervige Quäken an seinem rechten Ohr und öffnet
erneut…aber um hunderttausend Prozent vorsichtiger…ein
Auge. Ein Radiowecker?!? Jupp öffnet nun auch das linke
Auge und starrt den elektronischen Quälgeist ratlos an.
„Seit wann habe ich denn einen Radiowecker am Bett stehen?
Und überhaupt, das ist nicht mein Bett…“ Jupp kämpft die
aufkommende Panik nieder und versucht, sein Hirn weiter in
Schwung zu versetzen. Was ihm sichtlich Mühe bereitet. So
langsam fällt es ihm wieder ein.
Langer Flug…Hotel…Absacker…Blondine. Und warum ist er in
einem Hotel…an welchem Ort nochmals? „Ach ja, in Kanada“
Kanada? Kanada? Da war doch was? Schlagartig fällt Jupp
alles wieder ein und er saust erneut in die Höhe. Dieses
Mal bekämpft er den hinterhältigen Schwindel, der nur auf
die Chance einer neuerlichen Attacke gewartet hat,
erfolgreich…einem König der Athleten gebührend…nieder.
Ironman…Ticket fürs Grande Finale…das war’s doch. Jupp
greift sich an den Schädel und versucht den Brummkreisel
erfolglos festzuhalten.
„Verdammte Scheiße! Was ist gestern bloß passiert?“
grübelt unser schwer in den Seilen hängender Hero. Langsam
lichten sich die Nebelschleier. Er ging in die Bar und
wollte sich einen Absacker gönnen, damit er das Jetlag
überlistet, zeitig und gut schläft und heute mit einer
letzten Einheit seine Fitness nachweist. Aber dazu kam er
nicht wirklich. Aus einem Absacker ist mindestens ein
Dutzend geworden, die er sich zusammen mit dieser blonden
Schönheit hinter die Binde gegossen hat. Beim Gedanken an
das Rasseweib zuckt Jupp erneut zusammen. Ein dümmliches
Grinsen macht sich langsam auf seinen Zügen breit.
„Na dann, haken wir die Einheit eben ab, gehen mal
gediegen Frühstücken…so eine Art Carbo-Vor-Loading und
schauen mal, ob wir den blonden Engel nochmals finden.“
Fünf Minuten später betritt ein deutlich besser gelaunter
Jupp die Hotellobby und macht sich auf den Weg in den
Speisesaal. Irgendwie scheinen die Nachwirkungen des
Saufgelages seine Wahrnehmungsfähigkeiten anders als
erwartet sogar geschärft zu haben und Jupp fällt auf, dass
die beiden Jungs hinter dem Empfangstresen tuschelnd auf
ihn zeigen. Man kann unserem gottgleichen Helden ja
vorwerfen, was man will, aber nicht, dass er eine
Konfrontation scheut. Also hin zu den Jungs und auf mehr
oder weniger verständlichem Englisch gefragt, was denn so
lustig sei. Ob sie noch nie die Nachfahren echter Germanen
erlebt hätten. Die Antwort war so schockierend wie
überraschend zugleich, so dass Jupp auf jegliche weitere
Diskussionen verzichtet und sich wieder leicht schwankend
Richtung Frühstücksraum aufmacht. In den wenigen Schritten
dahin beschließt er, sich nicht vom guten Glauben
abbringen zu lassen, was eigentlich die logische
Konsequenz nach der Aussage dieses Typen dort in der Halle
gewesen wäre: Blondie war ein Kerl und er war so ziemlich
der Einzige im Hotel, der dies nicht bemerkt hat.
Also Haltung bewahren. Jupp betritt den Frühstückraum und
schaut sich um. Keiner schenkt ihm große Aufmerksamkeit.
Kein hämisches Grinsen oder spöttisches Gelächter. Jupp
entspannt sich langsam und sorgt dafür, dass er den
morgigen Höhepunkt seiner schon beachtlichen sportlichen
Laufbahn nicht mit Unterernährung beginnen muss. Und den
Rest des Tages bringt der Gute auch unfallfrei über die
Bühne.
Einchecken, die Örtlichkeiten des Wettkampfortes
inspizieren und ein wenig die Stadt erkunden. Gegen Abend
dann erneutes Carboloading, damit auch ja nichts schief
geht. Das leicht spannende Gefühl an seinem Oberhemd
ignoriert Jupp dann geflissentlich. Er verkneift sich aus
sämtlich Extra-Touren und liegt früh, nüchtern und alleine
im Bett. Der große Tag kann kommen, Jupp fühlt sich
unbezwingbar.
Geraume Zeit bevor ihn die quäkende Stimme erneut aus
seinen Träumen reißen kann, ist Jupp wach und spritzt aus
dem Bett. Schnell die Jalousien nach oben gerissen und
siehe da, der frühmorgendliche Himmel lässt kein Wölkchen
am Himmel erkennen. Kaiserwetter für seinen königlichen
Auftritt! Schnell eine Hand voll Wasser ins Gesicht
geworfen und erneut seinen Lieblingsraum des Hotels, den
Speisesaal, aufgesucht. Nur nicht ausgehungert über die
Strecke quälen. Zwei Kaffee und drei Brötchen später
stürmt unser Hero nach oben in sein Zimmer und sucht die
alles entscheidende Örtlichkeit auf. Nachdem auch dieses
Geschäft mit Bravour erledigt ist, kann dem Unternehmen
Hawaii-Ticket wirklich rein gar nichts mehr
entgegenstehen.
Ein Shuttle-Bus bringt die Teilnehmer aus ihren Hotels zum
Schwimmstart. Eigentlich eine einerseits relaxte Sache,
andererseits stressig, weil man sich immer in den
Fahrzeugen drängen muss wie eine Ölsardine in der Büchse.
Jupp fällt gar nicht auf, dass zahlreiche Athleten zögern
als er einsteigt und in Kauf nehmen, noch ein paar Minuten
zu warten, als sich seinen endlosen Lobeshymnen auf seine
strammen Waden auszusetzen. Nur ein paar Japaner sitzen
letztlich mit ihm im Bus, die sein Geblubber zum Einen
nicht verstehen und zum Anderen ganz ihrer fernöstlichen
Tradition geschuldet, es einfach mit stoischer Ruhe
unbeeindruckt über sich ergehen lassen. Fokussierung nennt
man so etwas wohl, was Jupp sehr zu schätzen weiß. Nahezu
väterlich-fürsorglich legt er einem der Söhne Nippons den
Arm um die Schultern, während er ihm verbal das Fürchten
zu lehren versucht. Erst als der Bus am See hält und unser
Eiermän als Erster…welch ein Omen für den bevorstehenden
Tag…aus selbigen stürmt, wirft ihm der junge Japaner einen
Blick hinterher, der jedem Samurai zur Ehre gereicht
hätte. Ein Samurai, der zum tödlichen Hieb ausholt,
versteht sich!!!
Jupp checkt die Lage und erkennt sofort, dass er noch
ausreichend Zeit bis zum Start hat. Er macht sich also auf
die Socken und besucht seinen Hyper-Dyper-Carbon-Boliden,
den er sorgsam in einer Dackelgarage für die Nacht
verbracht hat. Ein wenig nervös war er gestern nach dem
Einchecken ja schon. Es kommt ja nicht so oft vor, dass
sein Kleiner von ihm getrennt wird. Aber Gott sei Dank ist
alles gut gegangen. Ausreichend Luft in die Reifen
gebügelt…was schreiben die…max. 12 bar??? Viel zu wenig…15
bar sollten es schon sein, sorgt ja bekanntlich für
weniger Rollwiderstand. Nachdem unser Hero tatsächlich den
optimalen Reifendruck erreicht hat, wird ihm wieder ein
wenig flau im Magen und seine Arme fühlen sich an, als
hätte er die ganze Nacht Holz gehackt.
„Uff, schnell mal ein Monster-Bar gegen den Energieverlust
und 0,5 cl Gigant-Concentrate-Drink hinterher“, denkt Jupp
und fühlt sich danach gleich viel besser.
So, jetzt noch die letzten Vorbereitungen treffen.
Ungefähr zwanzig der leckeren, süßen Riegel aufs Oberrohr
geklebt, das sollte reichen. Dass man die Dinger
eigentlich wieder mit einer Spachtel abkratzen muss,
ignoriert unser Superman. Mit den Getränken geht er dann
doch ein wenig sparsamer um, denn erstens gibt es ja genug
von derselben Plörre, die er im Training trinkt und
zweitens ist Essen immer mit Vorrang zu betrachten. Die
Laufsachen nochmals gecheckt und dann ins schwarze
Ganzkörperkondom gezwängt, das wiederum mit seiner
gewohnten Bockigkeit aufwartet, als es darum geht, den
Reißverschluss zu schließen. Aber dank der gnädigen
Mithilfe von fünf weiteren Athleten gelingt auch dieses
Unterfangen.
Jupp tritt ans Ufer des Sees und seufzt erleichtert. Noch
wenige Minuten, dann kann er dieser in Köln sitzenden Made
von einem Ex-Nachbarn zeigen, aus welchem Material der
wahre Mitfünfziger gestrickt ist
…to be continued…
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