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Jupp
sitzt gramgebeugt in seinen vier Wänden und starrt sinnlos
Löcher in die Luft. Verflogen ist die Euphorie im Zeichen
der Adrenalinausschüttung beim Eiermän in seiner deutschen
Heimat, als er mit dem Sattel bewaffnet durch die
Wechselzone sprintete. Dummer-weise ohne das normalerweise
am unteren Ende des Sattels festgeschraubte Rad. Sein
hypermoderner, das UCI-Gewichts-limit gnadenlos
unterbietende, Rennhobel hatte ihn schmählich in Stich
gelassen. Spontan hat er noch vor Ort beschlossen, Ende
August in Kanada sein Ticket für den Pazifik zu lösen. Gar
nicht dumm, hat unser Hero auch sofort bei dem berühmt,
berüchtigten Reiseveranstalter Weber’s Hardcore-Trip sein
Ticket über den großen Teich gelöst. Jetzt – nachdem er
wieder klar in der Birne ist – wird ihm bewusst, dass er
sich die Reise gar nicht leisten kann. Eigentlich? Aber
wozu gibt es das klassische Sparschwein, dass er zu
Plündern bereit ist.
Jedenfalls vermiesen dieser Umstand und die Tatsache, dass
er quasi kampflos den Titel an irgendeine Pappnase abgeben
musste, unserem King of Kona ganz gewaltig die Stimmung.
Natürlich gibt es noch einen Umstand, der Jupp viel
stärker die Petersilie verhagelt, was er aber nie
öffentlich zugeben würde: Sein alter Intimfeind und
Ex-Nachbar hat auf Lanzarote das Hawaii-Ticket gelöst und
er noch nicht.
Das nagt an unserem Hero und er weiß momentan nicht, was
er dagegen tun kann. Mehr Training, damit es in Kanada
auch wirklich klappt? Nö, braucht Jupp nicht. Er ist doch
schon mit einem hochgezüchteten Formel 1 Motor
vergleichbar. Topfit war er hinter der Startlinie an
diesem schmutzigen Badetümpel in der Bankenmetropole
erschienen, hat der geneigte Zuschauer vor Ort ja nach
seiner Schwimmperformance feststellen können.
Nein, Training ist es nicht, was Jupp aus seiner Sinnkrise
befreien könnte. Sondern? Tja, genau das ist der
springende Punkt. Unser Hero weiß es selbst nicht. Er
sieht keinen Sinn mehr in den täglichen Mühen und würde
sich am liebsten vergraben. Da dies natürlich keine Option
ist, würde er sich gerne mit seinem Mädels auf seine
Terrasse legen und sich die Sonne auf sein One-Pack
scheinen lassen. Aber nicht einmal die Wärmequelle unseres
Heimatplaneten tut ihm den Gefallen. Seit Tagen regnet es
nahezu ununterbrochen. Dazu ein unangenehmer Wind, der
schon im Hochsommer die meisten Bäume entlaubt. Sommer in
Deutschland!!!
„Eine Urlaubsreise wäre jetzt nicht schlecht. Wenigstens
für eine Woche diese nasse Tristesse gegen feinsten
Sonnenschein tauschen und der Damenwelt den gestählten
Astralkörper präsentieren.“ Jupps Miene hellt sich bei dem
Gedanken kurz auf, um dann gleich drauf noch düsterer
dreinzublicken. Dafür fehlt im das Geld, das er ja in
seinen Trip nach Kanada investiert hat. Sicher könnte er
diesen stornieren, aber dann hätte er schon wieder keine
Chance, allen Freizeit-Triathleten auf Hawaii zu zeigen,
wo der Hammer hängt. Ein Teufelskreis. Und unser Hero
mittendrin, ohne Chance zu entkommen.
Er kann es drehen und wenden wie er will: Jupp sitzt in
der Falle. Keine Motivation. Keine zündende Idee. Was also
tun? Vielleicht bringt es ja was, über den Tellerrand
hinaus zu blicken. Immerhin ist er ein sportlicher
Allrounder, so dass er mal für ein paar Tage in eine
andere Sportart reinschnuppern könnte. Und da ja Sommer
ist – ja, ja, zumindest offiziell – und er seinen Beinen
sonst immer alles abverlangt, könnte er seinen eh schon
strammen Oberkörper noch ein wenig weiter stählen. Unser
Hero erhebt seinen trägen Body von der Wohnzimmercouch und
tänzelt aufgeregt durch seine Wohnung: er geht zu den
Kanuten.
Täglich auf dem Weg zur Arbeit fährt er mit dem Rad an
einem kleinen umzäunten Baggersee vorbei, an dessen
Eingangstor ein großes Schild auf den Verein der
Rennkanuten seiner Heimatstadt hinweist. Und er muss
zugeben, die Jungs die ihm da schon begegnet sind, sahen
im Schulterbereich furchteinflößend aus. Genau das
Richtige, um seine Schwimmmuskeln bei Laune zu halten.
Am nächsten Abend auf dem Heimweg sieht unser Hero, dass
auf dem Gelände Betrieb herrscht. Eine Vollbremsung
später, hat er sein „Geschäftsfahrzeug“ schon vor dem
Bootsschuppen geparkt und beginnt, auf der ihm
unnachahmlichen Weise Kontakt mit den vor Ort weilenden
Menschen zu knüpfen.
„Tach zusamen, ich bin de Jupp. Ich bin eigentlich
Triathlet, also genauer gesagt, Ironman. Ihr wisst schon,
die Könige der Athleten. Aber ich dachte mir, auch mal in
eine andere Sportart reinzuschnuppern wäre nicht schlecht.
Und voila, hier bin ich! Am Besten gebt ihr mir mal so ein
Paddel-Dings, äh, wie heißt dass…ah ja, Kanu und schaut
mir zu und lernt.“
Wie beinahe jedes Mal hinterlässt unser Hero mit seinen
gewohnt von Bescheidenheit durchzogenen Reden Eindruck bei
den Zuhörern. Sie grüßen ihn höflich.
„Die sind ja jetzt schon vor Ehrfurcht erstarrt“, denkt
Jupp „was gibt das wohl erst, wenn die mich über das
Wasser gleiten sehen. Massenaustritt aus dem Verein!“
Dämlich grinst Jupp vor sich hin und bemerkt, dass die
meisten sein Grinsen erwidern. Was er mal wieder nicht
merkt, ist die Tatsache, dass das Grinsen der Umstehenden
nicht dämlich, sondern leicht boshaft ist.
Vor Jupp wird es plötzlich dunkel. Aus seinen
triumphierenden Gedanken gerissen blickt Jupp auf und
start auf das obere Ende eines gewaltigen Sixpacks.
Darüber wird es breit, sehr breit. So breit sogar, dass er
nicht von einem Ende der Schulterpartie zur anderen
blicken kann, ohne den Kopf zu bewegen. Und diesen muss er
schon fast in den Nacken legen, um dem Mutanten vor ihm
ins Gesicht blicken zu können.
„Wer oder was ist das?“ fragt sich Jupp „The Incredible
Hulk in hautfarben, oder was?“
„Hallo Jupp. Ich bin Kevin und leite hier das Training.
Willkommen bei uns im Verein. Wir wissen Leute zu
schätzen, die genau wissen, was sie wollen. Am Besten
ziehst du dich da drüben mal um, ich bringe dir derweil
ein Boot ans Wasser, dann kannst du gleich loslegen.“
Jupp tut wie ihm geheißen – in der Größenordnung
signalisiert Jupps Überlebenstrieb – einfach mal die
Klappe zu halten. In seinem besten Triathlon-Einteiler,
der seine gottgleiche Figur noch besser betont, erscheint
er wieder aus der Umkleide und begibt sich zum Ufer, wo
alle anwesenden Kanuten sich schon versammelt haben und
auf ihn warten.
„So, dann komm mal her, Jupp“, ruft Kevin ihm schon
entgegen, „ich halte das Boot, damit du einsteigen kannst,
schieb dich ein Stück raus und dann kann es los gehen.“
Die scharfzüngige Erwiderung, dass er kein alter Sack sei
und keine Hilfe benötige, schluckt unser Eiermän beim
erneuten Blick auf die muskulösen Arme von Kevin wieder
hinunter.
Jupp krabbelt ins Boot, nimmt das Paddel in die Hand und
denkt, dass dies doch alles wieder ein Kindergeburtstag
sei.
„Kann los gehen.“ Brüllt Jupp, hebt das das Paddel, um mit
wuchtigen Schlägen für Vortrieb zu sorgen, als die Welt
vor seinen Augen eine unglaublich schnelle Kreisbewegung
durchführt und er völlig verblüfft beim nächsten Atemzug
eine gehörige Portion Wasser schluckt und ihm plötzlich
klar wird, dass er wohl gekentert sein muss.
„Gekentert? Scheiße, da muss ich mich ja befreien, sonst
könnte es ein Problem geben. Obwohl??? Da war doch was mit
so einer Eskimorol…“
Bevor Jupp klar denken kann, wird er von zwei Pranken an
den dürren Ärmchen gepackt und wieder an die
Wasseroberfläche gezerrt, wo er heftig prustend nach Luft
schnappt. Als das Wasser wieder aus seinen Ohren gelaufen
ist, hört er lautes Gelächter ums sich herum. Jupp wischt
sich das Wasser aus den Augen und erkennt, dass Kevins
Augen vor Tränen schwimmen. Als dieser sich einigermaßen
beruhigt hat, fragt er den klatschnassen Jupp.
„So Junge, das wäre mal geklärt. Willst Du es nochmals in
einem vernünftigen, für Anfänger geeigneten Boot probieren
oder bleibst du nicht besser bei deinem Triathlon?“
Jupp muss nicht lange überlegen. Leise fluchend eilt er zu
seinem Rad, im Rücken spürt er die spöttischen Blicke.
„Nur nicht umdrehen, alter Junge“, beruhigt er sich
selbst, „sollen diese Irren doch auf ihrer Wasserpfütze
glücklich werden. Ich weiß jetzt wieder, wo ich hingehöre.
Ab sofort wird meine gesamt Aufmerksamkeit wieder Kanada
gehören.“
Wütend schnappt Jupp sein Rad und heizt davon. Zu Hause
angekommen, zieht unser Hero folgendes Resümee. „Schwimmen
war ich ja heute schon, Intervalle auf dem Rad habe ich
auch absolviert und einen Berglauf zum und vom Ufer habe
ich auch hinter mich gebracht. Also Zeit für ein Weizen.“
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