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Jetzt
ist es endlich so weit. Das Feld ist längst bestellt und
es wird Zeit, die Früchte der harten Arbeit zu ernten.
Jupp ruht quasi in sich selbst, denn er weiß, auf dem Weg
in den triathletischen Olymp kann ihn niemand aufhalten.
Was ihn aber nicht daran hindern wird, bei den
Europameisterschaften in Frankfurt beim dortigen
Teutonen-Eiermän die Lorbeeren einzuheimsen. Da werden
wieder viele weinend am Streckenrand stehen.
Da wären zunächst die ganzen Frauen, na ja gut, sind wir
mal ehrlich, seine ganze Groupies, die schon das ganze
Jahr über seine Heimatdomizil belagern würden, wenn es ihm
nicht gelänge strikte Anonymität zu wahren. Damit erklärt
unser Hero die – sagen wir wohlwollend – bescheidenen
Trainingsleistungen. Gute Tarnung ist eben alles. Aber
einmal im Jahr muss er sich eben als Eiermän auf einem
Eiermän seinen ihn huldigenden weiblichen Fans zeigen.
Seine einzige Sorge gilt dann, wie kommt er
verletzungsfrei und noch einigermaßen bekleidet auf der
Ziellinie an.
Dann gibt es da natürlich die Männer, meist sogar
Ehemänner oder zumindest doch Lebensabschnittsgefährten
seiner Groupies. Jupp kann sich sogar ein wenig in sie
hineinversetzen. Muss wirklich verdammt schwer sein, wenn
man sich das ganze Jahr über für die holde Weiblichkeit
zum Affen macht und dennoch immer im Hinterkopf ein
kleines Teufelchen sitzen hat, dass einem die drohende
Chancenlosigkeit am Tag X permanent souffliert. Und wenn
man nicht gleich mit einem Schreiben von sabbernden, weil
viel Kohle witternden, Scheidungsanwälten konfrontiert
werden will, hält man am Besten dennoch die Füße still.
Letztlich noch die Konkurrenz…wer??? Na ja, Jupp zuckt
gelangweilt mit den Schultern. So heißt das Wort eben. Was
kann er dafür. In Jupps Augen sind es eigentlich mehr die
Spielbälle, die dafür sorgen, dass er nicht alleine über
die weiträumigen Wettkampfstrecken hechelt. Nebenbei
sichern sie auch den Veranstaltern ihr wirtschaftliches
Überleben. Aber irgendjemanden, der ihn in den letzten
fünf Jahrzehnten, in welcher Situation auch immer,
ernsthaft bei irgendetwas hätte gefährden können? Absolute
Fehlanzeige. Dazu ist unser Hero einfach viel zu gut.
Dementsprechend entspannt reißt Jupp in der hessischen
Bankenmetropole an. Banken??? Banken??? Da war doch was.
Jupps Halsschlagader schwillt bedrohlich an, aber dann
atmet er doch ganz entspannt wieder aus. Er will sich die
schönste Zeit des Jahres nicht von einem drohenden Schwarm
Heuschrecken verhageln lassen. Wobei wir bildlich
gesprochen wieder bei der Ernte wären. Flugs das
Hyper-Dyper-Cabon-Boliden-Pferdchen an seinen Stellplatz
gebracht und das Laufequipment bei den freundlichen
Helfern abgegeben.
Anschließend noch den Körper mit dem Verzehr einer
mittleren, drei Kilogramm schweren Portion Spaghetti
verwöhnt, die Jupp mit fünf dunklen Hefeweizen
heruntergespült hat. Das fördert den Schlaf, denn die
Nacht am Race-Day ist schneller vorbei, als man sich das
wünschen kann.
Um 04.00 Uhr am Sonntagmorgen reißt ein schrilles Klingeln
unseren Hero aus seinen Träumen. Laut fluchend schält sich
Jupp aus seiner Decke. Gerade hat ihm Veranstaltungschef
Karl von Grübel die Goldmedaille und Siegerkranz für seine
heroische Leistung überreicht und mit tiefem Bedauern
seine Empfindungen zum Ausdruck gebracht, dass Jupp nicht
in der Pro-Kategorie gestartet sei. Gerne hätte er ihm den
Extra-Scheck für den neuen Streckenrekord überreicht. Jupp
wollte gerade zu einer seinem göttlichen Wesen
angemessenen Dankesrede ansetzen, als dieser hässliche
Wecker ihn aus dem Schlaf gerissen hat.
Jupp grinst müde und ist sicher, dass er heute alles daran
setzen wird, um seine Träume real werden zu lassen. Ein
kurzes Frühstück, ein gewaltiger Knall auf dem eigentlich
stillen Örtchen und ab an den Tümpel, der bald kochen
wird. Schnell das Pferdchen kontrolliert, Getränke und
geschätzte 25 Energieriegel auf dem Oberrohr des Rahmens
in buntem Muster drapiert. Danach in den Neo quetschen und
die optimale Ausgangsposition suchen. Jupp findet sie am
Rande der geschätzten fünfzehn Profis, die zusammen mit
rund 200 pfeilschnellen Agegroupern vor dem restlichen
Feld losgelassen werden.
Noch wenige Sekunden, dann fällt der Startschuss. Jupp
gibt alles, um bei diesem angeblichen Top-Favoriten – da
wäre dieses Känguru von Down Under - dran zu bleiben. Nach
wenigen Metern tendiert die Klarsicht gen Null und unser
Hero schwimmt das Rennen seines Lebens. Auf Gefühl
versteht sich, aber darin ist Jupp, wie in so fast allen
eben, ein wahrer Meister. Nach etwas mehr als der Hälfte
steht ein erster Landgang an. Jupp torkelt prustend aus
dem Wasser, dreht sich um und sieht voller
Freude…niemanden mehr.
„Was für einen riesigen Vorsprung ich heute habe…“ schießt
es ihm durch den Kopf und er blickt wieder nach vorne, um
sich erneut in die viel zu warme Brühe zu schmeißen. Jupp
kneift die Augen zusammen.
„Verdammt, was ist das?“
Der geneigte Leser kann sich lebhaft vorstellen, dass sich
vor Jupp bereits der Rest des rund 2000 Teilnehmer starken
Feldes auf den Weg zur zweiten Runde gemacht hat. Jupp
bleibt cool, absolviert den zweiten Teil der
Schwimmstrecke und gerade, als die begleitenden Kanuten
ihn aus dem Wasser ziehen wollen, weil sie schließlich
auch mal nach Hause wollen, erreicht er den Ausstieg.
Jetzt aber schnell zu seinem Rad und mal ordentlich den
Asphalt glühen lassen.
Unser Eiermän hat selbstverständlich keinerlei Probleme
mit der Orientierung. Schließlich ist sein Bolide, der
einzige im weiten Rund, der noch auf seinen Fahrer wartet.
Also raus aus der schwarzen Pelle, Aerohelm auf die Birne,
das Rad am Sattel gepackt und Richtung Wechselbalken
gesprintet.
Jupp wundert sich, warum das Rad in seiner Hand so leicht
ist. Natürlich kann man 6,9337 kg nicht als schwer
bezeichnen, aber so leicht? Widerwillig senkt Jupp leicht
seinen Kopf und riskiert einen ersten aerodynamischen
Konflikt, weil die Spitze seines Helmes nun knallhart im
Wind steht. Als wäre er an die Wand gelaufen, bleibt Jupp
stehen. Wasserfallartiges Rauschen dröhnt in seinem Kopf
und blendet jegliches Geräusch der Umgebung aus. Unser
Hero hat seinen blendend weißen Sattel in der Hand, sonst
nichts. Langsam dreht Jupp sich um. Sein Bolide steht
immer noch an seinem Platz und scheint ihn traurig
anzuflehen:
„Na los, auf was wartest du denn. Nimm mich endlich und
reite mich wie der Wind so Geschwind“
Der einzige Gedanke, der sich schnell wie der Wind in
seinem Kopf breit macht, ist, dass die Besteigung des
Olymps ein weiteres Jahr warten muss. Allerdings wäre dann
sein alter Kontrahent und Nachbar aus Köln vor ihm
dort…wenn er das Ziel erreicht. Die Gefahr, dass er aber
mit einer noch so lausigen Zeit durchkommt, ist einfach zu
groß.
Jupp braucht eine Alternative…Kanada im August ist doch
auch ganz schön…
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