|
Jupp
leidet. Jupp wimmert. Jupp ist sicher, dass ihm bald der
Himmel auf den Kopf fallen wird. Und seine beiden Mädels
zuhause sind extrem genervt und würden am liebsten den WWF
alarmieren, wenn sie doch nur telefonieren könnten.
Was ist geschehen? Unser Eiermän schlägt sich mit einer
Erkältung herum. Und das Mitten im Juni. Lutscher am
Hinterrad? Typen, die versuchen, im Eifer des Gefechts
einem den Neo aufzureißen? Alles kein Problem. Aber gegen
so etwas ist kein Held der Landstraße gefeit. Hier muss
selbst unser Hero klein beigeben und schauen, dass er sich
vor lauter Frust nicht hinter einen Zug wirft.
Jupp versucht mit letzter Kraft, seine eine Katze Pepples
zu schnappen und „Zwangs-zu-kraulen“. Da er dieses
Vorhaben allerdings quasi mit einer Postkarte angekündigt
hat, ist es ihr ein leichtes, seinen grabschenden Händen
auszuweichen. Jupp heult verzweifelt auf: „Buhuuu, keiner
mag mich. Nicht einmal ihr beide haltet in der Zeit
größter Not zu mir. Weiber!“
Das zuletzt scharf akzentuierte Schimpfwort ging in einem
gehusteten Röcheln – oder war es ein röchelndes Husten –
unter. Mit theatralischer Geste greift sich unser Hero an
die geschwollene Hühnerbrust. Eine Geste, die seine beiden
vierbeinigen Mitbewohnerinnen in keiner Weise beeindruckt.
Im Gegenteil, sie versuchen ihm mit zielstrebigem Lauf
Richtung Küche zu suggerieren, dass Zeit für die nächste
Fütterung sei.
„Vergesst es, ihr blöden Viecher. Wenn ihr gemein zu mir
seid, bin ich auch gemein zu euch. Oh mein Gott, ich
glaube, ich muss sterben. Diese Schmerzen…“
Jupp versucht zu schlucken und gibt dieses Vorhaben aber
auf halben Weg wieder auf. Husten, Schnupfen, Kopf- und
Gliederschmerzen und gefühlte 57,3° C Körpertemperatur. Er
könnte jetzt eine ganze Wanne NICKINACKI MEDIATTACKI leer
saufen, sich ins Bett legen und hoffen, dass er alles bald
hinter sich hat. Aber was macht unser Eiermän. Er muss
zunächst in der Firma mit den vier großen Buchstaben
anrufen und mitteilen, dass er heute und wahrscheinlich
den Rest des Jahres nicht mehr kommen wird.
Nach endlosem Klingeln…wo ist denn nur die
Vorzimmerschlampe?…nimmt die Sekretärin seines Herrn und
Meisters endlich ab. Sicher hat sie auf ihrem Display
schon seine Nummer erkannt. Ansonsten wäre es eine
Frechheit, wenn sie sich jedem Anrufer gegenüber mit einer
derart arroganten Stimme melden würde.
„Ja, hallo Frau, ähh, Müller. Hier Jupp…was??? Ja,
natürlich der Jupp aus dem Controlling!“ krächzt Jupp
verärgert in die Muschel, was er sofort mit einem weiteren
krampfartigen Gebell quittieren muss. Empört stöhnt er in
den Hörer.
„Sagen Sie mal, wollen Sie mich umbringen? Sagen Sie bitte
meinem Chef, dass ich heute nicht kommen kann. Mich hat
eine Erkältung dahin gerafft. Wie lange schon? Na seit
heute natürlich. Ich versuche morgen wieder zu kommen,
aber ehrlich gesagt, ich bereite eher mein Ableben vor.
Wie??? Das freut Sie??? Dachte ich mir, daher war es auch
nur ein Scherz. Also, falls es morgen nicht besser ist,
gehe ich zum Arzt. Ja, morgen. Wiederhören.“
Was mit einem lauten Knall einhergehen soll, der ihr
signalisiert, dass sie mit ihm, dem König der Athleten, so
nicht umspringen darf, endet mit einem blinden Stochern
nach der Gabel, bis ihm der Hörer schließlich aus der Hand
rutscht und auf den Boden knallt. Unmöglich sich zu
bücken. Jupp nästelt am Kabel herum, zieht mit einem
gewaltigen Kraftakt den Hörer nach oben und schafft es
schließlich, doch aufzulegen. Das ohrenbetäubende Pfeifen,
das sich wie ein Presslufthammer durch seine Gehörgänge
gebohrt hat, verschwindet endlich.
Völlig erschöpft schleppt sich Jupp zurück ins Wohnzimmer
und drapiert seinen Astralkörper im Wohnzimmer. Um sich in
seinen letzten verbleibenden Stunden von seinen Schmerzen
abzulenken, zappt unser Hero ein wenig durch das
morgendliche Fernsehprogramm. Und siehe da,
erstaunlicherweise bleibt er bei CONTINENTALSPORTS hängen.
Wie es der Zufall so will, bringen die doch tatsächlich
eine rund dreißig Minuten dauernde Zusammenfassung vom
Ironman Lanzarote, der letzten Monat stattfand.
Jupp überlegt gerade, ob er sein Testament auf dem
aktuellen Stand hat und zieht geräuschvoll die Nase hoch,
als er wie von der Tarantel gestochen vom Sofa hochspritzt
und Luna, die gerade Kurs auf seinen noch immer
beträchtlichen Bauch genommen hat, in wilder Panik
davonläuft. Unser Hero traut seinen Augen nicht.
Auf der Mattscheibe ist ganz deutlich die widerliche
Fresse seines ehemaligen Nachbarn aus seiner Heimat zu
erkennen, der immer meinte, Jupp könne von ihm noch was
lernen. Und was denn jetzt noch? Die halten dem doch
tatsächlich ein Mikro unter die Nase. Fassungslos glotzt
Jupp auf den Bildschirm und nimmt das Gesprochene zunächst
nur bruchstückhaft wahr, aber dann…
„Sicher doch, war eine astreine Show von mir.
Konkurrenten, was für Konkurrenten? Habe ich keine mehr in
meiner Altersklasse. Die sind schon alle gestorben. Ziele?
Was für Ziele? Superman hat keine Ziele, der hat schon
alles erreicht.“ Der arme Irre schlägt sich lachend auf
die Schenkel. „Nee, mal im Ernst. Im Oktober werde ich
Hawaii rocken. Es gibt da in meiner Heimat nämlich so’n
Weichei, das meint, es hätte unseren geliebten Sport
erfunden. Dabei bringt er eigentlich nur Schande über uns.
Den will ich vernichtend schlagen. Obwohl, wie soll der es
eigentlich nach Hawaii schaffen?“ Gut gelaunt schlägt er
dem ziemlich doof schauenden Reporter auf die Schulter und
wackelt von dannen. Doof schauend, weil er auf ein
Statement in Englisch gewartet hat. Aber da kann man bei
dem Trottel lange warten.
Aber die Message kam ja an. Und wie! Jupps Birne hat eine
verblüffende Ähnlichkeit mit einer Tomate angenommen und
ihm wird auf einmal so richtig heiß. Unser Hero denkt gar
nicht daran, dass es Fieber sein könnte. Dafür ist sein
Hals jetzt sicher 10 cm mehr angeschwollen.
„Dieses Arschloch. Na warte, wir werden im Pazifik sehen,
wer hier wen vernichtet. Liebesgrüße sende ich dir schon
in wenigen Wochen aus Frankfurt.“ Blitzschnell entledigt
sich Jupp seines heimatlichen Schlabberlooks und fährt in
seinen Einteiler. Gefühlte 2 Sekunden später ist er im
Keller und trägt seinen Hightech-Carbon-Hyper-Dyper-Hobel
nach oben. „Und dann wollen wir doch gleich mal loslegen.
160 km mit anschließendem 25 km Koppellauf. Das alles in
einem Tempo, in dem kein Auge trocken bleibt…“
Wie war das mit leidend? Sicher, anfangs der Geschichte
konnte man durchaus daran denken, dass dies die letzte
Geschichte über unseren Helden auf dem Weg in den Olymp
sein wird. Jetzt, da die niederen Instinkte wieder geweckt
wurden, kann man nur sagen: Männer!!!
|