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Es
ist Freitagabend und Jupp lehnt sich nach einer
arbeitsreichen Woche in der Firma mit den vier großen
Buchstaben und einer ultrabrutalen Trainingswoche, die
ihre Krönung noch am Wochenende erfahren soll, zufrieden
zurück. Jupp lächelt selbstzufrieden, hat er doch
ungezählte Kilometer im Wasser, auf dem Rad und in den
Laufschuhen verbracht. Natürlich hat er die Kilometer doch
gezählt. Es sind genau genommen: 1,33 km mehr Brust als
Kraul – was kann Jupp für die starken Wellen??? Eben, gar
nichts – 73,59 km auf seinem Hightech-Carbonboliden und
9,47 km in Laufschuhen. Also alles im Lot auf dem Weg zum
Ticket nach Hawaii.
Sicher mag dem geneigten Beobachter der absolvierte Umfang
eine dramatische Diskrepanz zwischen Trainings und
Wettkampfanforderungen aufweisen, aber zum einen legt Jupp
gesteigerten Wert auf Qualität im Training und zum anderen
hat er das Ticket schon in der Tasche. Die Quali in
Frankfurt in wenigen Wochen…reine Formsache. Eine
Frechheit, dass er überhaupt starten muss. Sie könnten ihm
das Ticket auch gleich so schicken. Da könnte wenigsten so
eine andere arme Wurst in seiner Altersklasse versuchen,
wenigstens den EM-Titel einzuheimsen. Unser Hero hat ja
schließlich nichts mit diesem belgischen Kannibalen
gemein, der in früheren Jahren einen Gegner nach dem
anderen aus den Schuhen fuhr.
Leben und Leben lassen…so eins der vielen
Lebenseinstellungen von unserem Eiermän. Und damit das am
Wochenende mit den super-knallharten Intervalleinheiten
auch was wird, hat Jupp beschlossen, heute Abend „Fünfe
Gerade“ sein zu lassen und in seiner Lieblingskneipe ein
Weizenbierchen zu trinken. Oder auch zwei, oder drei.
Welche Auswirkungen solch ein Entschluss auf den
Gemütszustand eines Weltmeisters in spe haben kann, sollen
die folgenden Zeilen dem geneigten Leser verdeutlichen.
Jupp putzt sich fein heraus – es könnten ja auch Damen
anwesend sein, nein Jupp meint nicht die gemeinen
Thekenschlampen, die noch vom Vortag da stehen und die nur
vergessen wurden – und macht sich auf den Weg zu seiner
Lieblingskneipe. Dort angekommen, bahnt er sich den Weg
zur Theke. Dass dafür ein Nebelscheinwerfer gute Dienste
versehen würde, ignoriert unser Jupp. Und über die
Belastung der gequälten Lungenflügel reden wir erst gar
nicht. Jupp erkämpft sich seinen Platz am Tresen und
denkt: „Prima Extraeinheit. Kann man wunderbar das
Gerangel beim Schwimmstart beim Ironman simulieren und übt
Atmung unter verschärften Bedingungen“ und bestellt beim
knorrigen Barkeeper ein helles Hefeweizen. Lautes
Gelächter zu seiner Linken erregt seine Aufmerksamkeit. Er
blickt halb gelangweilt, halb in dem Wissen, der
menschlichen Rasse haushoch überlegen zu sein, zu vier
Männern, die eine angeregte Diskussion führen.
Jupp schaltet seine Lauscher auf Empfang und glaubt
denselben nicht zu trauen, bei dem Schwachfug, den er sich
da anhören muss.
„Also, ich sach ja, Fußballer sind die Könige aller
Athleten.“
Zustimmendes Nicken und Murmeln der übrigen drei
Flachzangen, die unterwürfig dem Wortführer lauschen. Der
legt seine linke Hand demonstrativ auf seine riesige
Wäschetrommel, die er vor sich her schiebt und stemmt mit
der rechten sein wahrscheinlich 17. Pils des Abends.
„An diese athletischen Körper, die vor Kraft und Dynamik
geradezu sprühen, kommt einfach keiner vorbei. Schaut doch
mal, nehmen wir die Boxer. Gut, die sind teilweise auch
recht muskulös, aber können die rennen? Nee, müssen
aufpassen, dass sie sich nicht die Beine brechen.“
Alle lachen wieder laut prustend los und genehmigen sich
einen tiefen Schluck ihres gold schimmernden Getränks.
„Oder noch schlimmer. Diese Ausdauer-Fuzzys. Glauben echt,
sie seien etwas besonderes, weil sie mehr als drei Meter
am Stück rennen können. Jeder passable Mittelfeldmotor in
der Liga läuft an jedem Wochenende weiter. Und in den
Trainingseinheiten, was da geleistet wird, da brauchen wir
uns erst gar nicht drüber zu unterhalten.“
Gut das mit dem Laufstil der Boxer mag ja noch angehen,
aber sollen die Jungs laufen oder boxen??? Eben. Aber
diese überbezahlten Schauspieler als Sportler zu
bezeichnen, ist nun doch ein wenig zu viel für unseren
Hero. Jupp nimmt einen langen Zug aus dem Glas seines gut
gekühlten Gerstensaftes, das dennoch irgendwie schal
schmeckt, holt tief Luft und schwadroniert auf der ihm
angeborenen, sanften Weise, die im übrigen keinem
Bluthochdruckkandidaten zur Nachahmung empfohlen wird,
los:
„Jetzt reicht es aber, ihr Schwachmaten. Fußballer und
Sportler, also, das schließt sich per Definition schon mal
aus. Und dann noch die Könige der Athleten. Wenn es nicht
so traurig wäre, würde ich ja jetzt laut loslachen. Wenn
ihr den wahren König der Athleten sehen wollt, wendet eure
krummen Hälse nach rechts. Steht direkt vor euch,
sozusagen.“
Der derartig derb angepflaumte, bierglasschwingende
Hauptredner und seine drei Sklaven drehen sich auch
gehorsam um und schauen verdattert auf unseren Eiermän,
der natürlich völlig unbewusst den Bauch eingezogen, die
Brust herausgestreckt und auf Pressatmung umgestellt hat.
Die vier Kampftrinker mustern ihn von oben bis unten, ehe
der Wortführer fragt:
„Was bist du denn für ein komischer Vogel. Willst du
Hänfling dich etwa in Gesprächen unter richtigen Männern
einmischen?“
„Ich geb dir gleich Hänfling. So was muss ich mir von
einem rollenden Fass wie dir nicht bieten lassen. Aber ich
will heute nochmals Gnade vor Recht ergehen lassen, weil
es so ein gemütlicher Abend ist und das Bier schön kalt
ist. Aber hört mal, Männer, dass mit den Fußballern geht
ja wohl überhaupt nicht. Könige der Athleten??? Na sach
mal, wie kommt ihr denn auf den Blödsinn? Der König der
Athleten steht vor Euch. Der Triathlet, das obere Ende der
Nahrungskette, Gottes definitives Ebenbild, der Mann, nach
dem sich alle Frauen verzehren…kurzum ein Eiermän.“
Den vier Pilskennern fällt die Kinnlade gewaltig Richtung
Bierbauch und alle können froh sein, dass der Schwerkraft
ein massives Gelenk im Kopfbereich des menschlichen
Körpers entgegenwirkt, sonst wären im nächsten Moment vier
heftige Einschläge auf dem Fußboden der Kneipe zu
verzeichnen gewesen. Die Gesichtszüge der Typen, deren
behaarten Stelzen aus hypermodernen Shorts herausschauen
und in ebenfalls stets trendigen Sandalen mit weißen
Tennissocken enden, können einfach nicht fassen, was sie
da eben gehört haben. Dieser Wicht wagt es tatsächlich,
die Leistung der alles verzaubernden Ballakrobaten zu
kritisieren und hält sich selbst für einen, der nicht mehr
getoppt werden kann. Das ist zu viel. Die Typen schauen
sich an und öffnen stumm ihre Münder, weil sie immer noch
nicht wissen, ob sie sich das Gehörte einfach schön saufen
sollen oder lauthals los lachen.
Jupp ist beflügelt dank der sich ihm darbietenden Reaktion
und holt weiter aus. Er rezitiert die Vorzüge des
Ausdauersports, seinen Lebenslauf, vergisst seine früheren
Duelle mit seinem Nachbarn nicht, den er stets versägt hat
und empfiehlt ihnen, in wenigen Wochen nach Frankfurt zu
kommen, um im bei seinem Triumphzug Richtung Hawaii live
zu begleiten. Jupp redet sich geradezu in Rage und hört
plötzlich tief in seinem Kopf die Erkennungsmelodie von
Star Wars. Entzückt lauscht er den Klängen, während er
unentwegt weiter redet.
„…und so will ich euch sagen, kommt einfach mal bei mir im
Training oder Wettkampf vorbei und ihr werdet nie mehr
einen Gedanken an einen Locco Tona und wie sie alle
heißen, verschwenden. Barkeeper, noch ein helles Hefe,
bitte.“
Die vier Totgequatschten lösen sich aus ihrer Starre und
nutzen die Gunst der Stunde, in der unser Hero kurz
abgelenkt ist. Sie suchen fluchtartig in einer
Geschwindigkeit, die ihnen wirklich keiner zugetraut
hätte, das Weite. Als Jupp, mit neuem Hefe bewaffnet, sich
wieder umdreht, ist der Platz neben ihm verwaist. „Hmm“,
denkt unser Hero, „kann mich mal wieder nur selbst loben.
Sind die Jungs doch direkt los, eine kleine Laufrunde ums
Lokal zu absolvieren. Großartig.“
Ein wirklich gelungener Tag. Gut trainiert, ein paar
Ungläubige bekehrt und jetzt noch ein kaltes Bier in der
Hand. Das Wochenende kann also kommen.
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