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denkt
Jupp verärgert, als ihm wieder einer dieser Touri-Fahrer
mit seinem 33 Jahre alten Stahlbock vor der Nase herum
eiert. Rechts Brennnessel-Gestrüpp, links Blechkiste
hinter Blechkiste, keine Chance zügig und standesgemäß,
halt einem Eiermän würdig, zu überholen. Fehlt eigentlich
nur noch, dass mein Carbon-Hyper-Dyper-Highspeed-Pferdchen
durch lautes Wiehern auf die vertrackte Situation und auf
sich aufmerksam macht, denkt Jupp fast ein wenig amüsiert.
Aber der Ärger und gekränkter Stolz wiegen schwerer.
Nicht nur das Rad ist eine Beleidigung für das Auge, nee,
auch die kalkweißen, haarigen Waden, die aus noch
kalkweißeren, die Hälfte der haarigen Wade bedeckenden
orthopädischen Stützstrümpfen herausquellen, sorgen für
ein leicht flaues Gefühl in der Magengegend unseres Hero.
Um nicht zu sagen: sorgen für Brechreiz. Sein Blick
wandert leicht nach oben und jetzt haut es Jupp wirklich
fast aus dem Sattel. Der Fuzzy hat neben seinem Radtrikot
tatsächlich noch Armlinge an und eine Windweste
drübergezogen. Bei 35°C im Schatten. Das ist zu viel, das
geht gegen Jupps Kodex.
Unverhofft kommt oft und der Verkehrsstrom neben Jupp
reißt ab. Gar nicht faul und voller Testosteron in der
haarlosen (!) Hühnerbrust schert unser Hero aus, nimmt
neben diesem strampelnden, Augenkrebs erzeugenden
Möchtegern-Radler die Beine hoch, holt tief Luft und
schwadroniert dann los:
„Jetzt hör mal gut zu, mein Jung. So, wie du, kann man
nich rumfahren. Ey, das geht ja wirklich gar nicht. Was
sollen denn die Leute denken, wenn die dich so sehen. Und
dann bei der Hitze Armlinge und Weste. Frierst du etwa?
Bist wohl der letzte Saurier aus dem Peloton der
berufsfahrenden Deppen der 50er Jahre, oder? Noch immer
voll bis unter die Haarspitzen, daher auch die
Schüttelfröste. Ein Wunder, dass du dich überhaupt noch im
Sattel halten kannst. Jetzt mach dich vom Acker und lass
die wahren Helden des neuen Jahrtausends ihrer Wege
ziehen.“
Der dermaßen blöd von der Seite angeraunzte, schaut einen
Moment verwundert, blickt auf die braunen, aber relativ
schlaffen Waden unseres Eiermän, schaltet einen Gang höher
und schließt mühelos wieder zum Meister aller Meister
aller Altersklassen auf.
„Hör mal gut zu, Alterchen. Wie ich rum fahre, musst du
schon mir überlassen. Ich habe extrem empfindliche Haut
und muss mich vor zu intensiver Sonneneinstrahlung
schützen. Das hat nichts mit irgendwelchem Stoff zu tun,
den ich mir deiner Meinung nach reindröhne. Ich bin mein
Leben lang sauber gefahren. Aber wenn wir uns doch gerade
so schön unterhalten, wie sieht das denn bei dir aus? Ihr
Triathleten wisst doch gar nicht mehr, wie ihr ohne Drogen
die Treppen hochkommen sollt!“
Jupp’s Birne ähnelt in Bruchteilen einer Sekunde
verdächtig dem Antlitz einer überreifen Tomate, die beim
geringsten Anritzen der Haut zu platzen droht. Zutiefst
erschüttert über diese haltlosen Verleumdungen und
Vorurteile holt er tief Luft und lässt mit leicht
überschlagender Stimme Dampf ab. „Das ist ja wohl die
Oberhärte. Kommt dieser weiße Wurm und meint, mir
Vorhaltungen machen zu müssen. Dem King von Kona
überhaupt. Sach mal, du weißt wohl wirklich nicht, wenn du
vor dir hast, oder?“
„Nee, ist mir auch egal. Ich sehe eine aufgeblasene
Luftpumpe mit absoluten Blendermaterial und schlaffen
Waden, die meint, sie könne Radfahren. Wie wär’s? Da vorne
beginnt der Aufstieg. 5 km bis zu Bergwertung. Dann werden
wir sehen, wer von uns der Blender ist.“
Fairerweise gibt Jupp erst gar keine Antwort mehr, wirft
blitzschnell die Kette auf die Schreibe und rast mit
mindestens Lichtgeschwindigkeit davon. „Dir werde ich es
zeigen“, denkt er verschmitzt grinsend, „noch heute Abend
wirst du deinen Stahlesel auf den Schrottplatz bringen und
mit Hallen-Halma anfangen.“
Jupp ist noch nicht am Einstieg des Berges angelangt, als
er sich triumphierend umdreht, um das erwartete Nichts
hinter ihm zu bewundern. Fassungslos glotzt unser Eiermän
in das grinsende, bleiche Gesicht seines Verfolgers, der
wie eine Klette an seinem Hinterrad klebt.
„Toll, Junge. Und wann fängst du mit Rad fahren an?“
Sprach’s, attackiert vom Hinterrad des Carbon-Boliden und
beschleunigt seinerseits mit kräftigen Tritten. Jupp spürt
einen scharfen Luftzug und kann erneut die weißen,
haarigen Waden von hinten bewundern. Aber dieses Mal hat
das Ganze einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: es
dauert nicht so lange. Denn ehe sich unser Hero versieht,
hat diese modische Fehlentwicklung ihn am Berg stehen
lassen und ist seinen Blicken entronnen.
Das kann nicht sein. Jupp ist zutiefst in seiner
Triathlonehre gekränkt, schaltet unter wütendem Schnauben
auf die Mörderübersetzung von 53/17 und tritt mit allem
was er hat, in die Pedale. Der geneigte Leser weiß
natürlich schon lange, dass dies nicht allzu viel sein
wird. Und somit hat Jupp das Rennen verloren, bevor es
eigentlich begonnen hat. Aber Jupp wäre nicht Jupp, hätte
er nicht sofort einige Ausreden für sich und die Nachwelt
parat. Zum einen ist der Typ erwiesenermaßen voll bis
unter die Haarspitzen. Das hat er ihm natürlich vorhin
schon nach dem ersten Blick angesehen. Zum zweiten ist
Berge fahren für den König von Kona ja auch gar nicht so
wichtig. Dort im Pazifik sind andere Qualitäten gefragt.
Hitzverträglichkeit, aerodynamisches Equipment, braune
Waden, um nur einmal die wichtigsten Punkte zu nennen. Und
davon hat er ja wohl wirklich genug.
Pfff, soll der Irre doch gewinnen. Im Training bei Hitze
kann jeder schnell, es kommt darauf an, im Wettkampf bei
Hitze schnell zu fahren. So wie er. Aber erst in wenigen
Wochen in Frankfurt, wenn er sich sein Ticket für Hawaii
lösen tun wird. Bis dahin nimmt sich Jupp fest vor, auf
keine noch so gemeine Provokation mehr zu reagieren.
Eigentlich steht er ja über solch einer blöden Anmache.
Aber warum musste ihn der Kerl auch so provozieren?
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