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Jupp hat sich ein seinem
Umfeld gut eingelebt – zu gut wie sich an diesem frühen
Morgen im Mai des Jahres 2008 herausstellen sollte. Es
verspricht ein schöner Frühlingstag zu werden, aber um
diese gottlose Uhrzeit ist es noch empfindlich kühl. Der
Blick auf die Uhr entlarvt Jupp als ein hemmungsloses
Weichei, ist es doch bereits 06.30 Uhr. Eine Uhrzeit, bei
der wahre „Eironmänner“ bereits schlappe 15 km im 7:38er
Schnitt hinter sich gebracht haben und noch auf weitere 15
unter die strapazierten Laufschuhe auf dem Weg ins Büro
nehmen wollen.
Jupp kann sich mit diesem
Gedöns, wie er immer zu sagen pflegt, nicht anfreunden.
Vergeudete Zeit und überhaupt – dieses ewige lang und
langsam. Macht man das etwa auch im Wettkampf. Nun – auch
hier würde der Schreiber dieser Zeilen die Beantwortung
der Frage besser niemand anderem als Jupp überlassen, aber
das ginge ja auch wieder am Thema vorbei.
Jedenfalls nimmt Jupp
freudestrahlend einen kräftigen Schritt Anlauf und springt
in den Kemii Babylione – Sattel seines
FullCarbonHyperEnd-MTB, das ihn zuverlässig in die Firma
tragen soll. Durch den übertrieben Schwung seines rechten
Beines, der ihn beinahe wieder vom Rad befördert, spürt
Jupp ein kleines, eigentlich kaum wahrnehmbares „Klicken“
in seiner linken Kniekehle.
Jupp ist überzeugt, dass
jeder Normalbürger dies nicht mitbekommen hätte. Hier ist
schon wieder ein Wort, das bei Jupp überhaupt nicht
funktioniert – Normalbürger. Jupp steht über dem normalen
Volk, er ist Triathlet. Und als ob dies noch nicht genug
wäre, er ist der König dieser Spezies, der Primus unter
Pares: Er ist ein wahrer Eironmän und als solcher
registriert er natürlich sehr wohl diesen Vorgang in
seiner Fossa poplitea - vergisst ihn aber noch schneller.
Jupp radelt froh gelaunt zur
Arbeit und breitet sich an seinem Schreibtisch aus. Kurz
die Mails checken, einen – na ja leicht illegalen – Blick
auf die einschlägigen Triathlon-Seiten im weltweiten Netz
und los geht es mit dem Tageswerk.
Jupp brütet gerade über einer nicht gerade trivialen
Kalkulation, die ihn seine Chefin mit der süffisanten
Bemerkung an die Backe gedrückt hat, dass dies genau das
Richtige für einen Überflieger wie ihn sei. Jupp in seiner
Ehre verletzt, stürzt sich natürlich drauf und merkt
plötzlich, dass sein linker Fuß irgendwie keinen Platz
mehr im Schuh hat.
Jupp lässt von seiner Aufgabe ab und zieht den Schuh aus
und…wird kreidebleich. Das da unten hat nichts mehr mit
seinem schlanken Fuß zu tun, den er heute früh noch von
der Toilette aus bewundert hat.
Er blickt nur noch auf einen Klumpen, der in den
verschiedensten Farben funkelt. Die Zehen sehen aus wie
fette, blaue Würmer, die irgendwie nicht an den Klumpen
ähh Fuß passen wollen.
Bevor Jupp sich weitere
Gedanken machen kann, kippt er nach vorne über. Den
dumpfen Schlag, den sein wertvollstes Körperteil – nein,
nicht das, was sie jetzt denken – beim Aufschlag auf die
Tischplatte abbekommt, spürt unser Held nicht mehr.
Als er wieder die Augen
aufschlägt, blinzelt Jupp verträumt. Vor ihm steht ein
Engel. Anders kann es nicht sein. So schön, so gleichmäßig
die Züge, das kann kein weibliches Wesen auf Erden sein.
Aber, das heißt ja…
„Hallo! Hallo, Herr Meier!
Geht es wieder?“
Wie durch einen Schleier
vernimmt Jupp die quäkende Stimme des Engels. Moment mal,
quäkende Stimme – Engel. Da passt was nicht. Jupp
schüttelt den brummenden Schädel und wird augenblicklich
daran erinnert, so Aktionen besser sein zu lassen. Dafür
sieht er nun klarer. Von wegen Engel – es ist seine Chefin
und die kommt laut Jupps Auffassung eher aus der anderen
Richtung. Jetzt erst bemerkt Jupp einen kleinen,
untersetzten Mann in weißem Kittel, der an seinem
Schreibtisch sitzend ein Formular ausfüllt.
„Ah, Herr Meier. Schön, sie
wieder unter den Lebenden zusehen.“ Sagt er mit einem
fiesen Grinsen. „Soweit ich mich noch erinnere, haben Sie
mir bei unserer ersten Bekanntschaft erzählt, dass Sie
irgendeinen seltsamen Sport ausüben.“ Er wirft ihm erneut
einen staunenden Blick zu. „Konnte es erst nicht glauben.“
Jupp überhört dezent die Kritik dieses Halbgottes in Weiß,
den er bei seiner Einstellungsuntersuchung kennengelernt
hatte. „Wie auch immer, “ fährt der Medizinmann fort,
„jetzt ist erst einmal Schluss mit Lustig. Sie haben sich
einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Was haben Sie
denn gemacht?“
„Keine Ahnung, “ entgegnet Jupp, „höchstens, dass ich
heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit auf mein Rad
gesprungen bin.“
„So einen Stumpfsinn sollten Sie in Ihrem Alter auch sein
lassen. Jetzt halten Sie erst einmal für die nächsten
Wochen die Füße still. No Sports“ Spricht’s und wendet
sich zum Gehen.
Jupp glaubt, nicht richtig
zu hören. Kein Sport??? Mitten in der Saison??? Hat der
sie noch alle. Das werden wir schon sehen. Der hat den
Willen eines Eironmänn noch nicht kennengelernt.
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