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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Local Heros aufmischen
April 2008 - by Oliver Keck

Emsiges Rascheln dringt aus Jupps Büro. Wirft man einen zaghaften Blick in eben jenes, sieht man unseren Ironman-Hero beim konzentrierten Auspacken seines HighEnergy – Vollkorn – Bagel, belegt mit einer Mischung verschiedener Sorten Powertartar. Aus den Tiefen jenseits von Jupps Schreibtisch ertönt ein dumpfes Knurren und der geneigte Betrachter ist versucht, sein Haupt zu neigen, um das Untier unterhalb der Tischplatte zu suchen. Erst im letzten Moment wird einem klar, dass Jupps ausgehungerte Magen sich meldet. Immerhin ist sein Frühstück schon knapp dreieinhalb Stunden her. Eine unvorstellbar lange Zeit für Jupps gestählten Agie-Körper, eine Maschine unter den Ausdauergöttern.

Jupp betrachtet zufrieden sein Vormittagsmahl und öffnet die Kinnlade. Einem Krill einsaugenden Pottwal gleich will sich Jupp über den Bagel hermachen, mühsam den sich angesammelten Sabber zurückhaltend. Da klingelt das Telefon. Die friedliche Stille der morgendlichen „9-Uhr-Frühstückspause“ zerfetzend, rücksichtslos und brutal. Auch noch extern. Man kann es nicht mal ignorieren. Resigniert legt Jupp seinen Appetithappen zurück und nimmt, mit deutlichem Missfallen in der Stimme – oh Deutschland, du Dienstleistungsland - das Gespräch an.

Fröhlich quäkt es in Jupps Ohr. „Morsche Alter, hier Heinz. Unn??? Alles gschmeidig???“ Jupp wird wohl noch einige Zeit brauchen, um sich an das Pfälzisch der Eingeborenen hier zu gewöhnen. Er versteht den Anrufer jedoch dahingehend, dass es sich um den Radhändler seines Vertrauens handelt. Na immerhin, denkt sich Jupp, ist es kein dienstliches Gespräch. Muss ich meine Pause eben nachholen.
„Moin Heinz. Was geht ab?“ Die beiden Mittfünfziger plaudern ein wenig über ihre Heldentaten, die jedem Jugendlichen die Schamesröte ins Gesicht treiben würden. Nach rund zehnminütigen Schwanzvergleich, kommt Heinz zu des Pudels Kern.
„Hör zu, Jupp. Kommenden Samstag führen wir wieder unseren alljährlichen Trainings-Duathlon durch. Relativ kurz und entspannt. Ziel ist gemeinsam Spaß zu haben und das neue Material für die Saison zu testen. Wir treffen uns bei mir nachmittags am Geschäft, laufen 4 km, fahren knapp 20 km und laufen nochmals zwei. Bist du dabei?“
Jupp muss nicht lange überlegen. „Klar Alter. Das hört sich wirklich gut an. Du kannst auf mich zählen.“ Nach nun weiterem, mehrere Minuten andauerndem Versichern, wie mies man aber eigentlich in Form ist, beenden beide ihr Gespräch. Jupp knallt den Hörer auf die Gabel und beißt endlich genüsslich in sein Frühstück. Ein diabolisches Grinsen überzieht sein kauendes Gesicht.
Denen werde ich aber gewaltig den Arsch aufreißen, denkt sie Jupp zufrieden kauend und freut sich auf den kommenden Samstag.

Gegen 14.00 Uhr wuchtet Jupp sein Kannoteil-Aero-Superhammer in den Kombi, prüft nochmals seinen Tasche (Aero-Helm, Schuhe, Windschlüpfriger Einteiler, HyperEnergy-Drink), nickt zufrieden und braust los. Am Treffpunkt angekommen, begrüßt er die zahlreich erschienene Konkurrenz mit einem knappen Nicken. Was für eine Konkurrenz eigentlich. Die Jungspunde mit ihren Billigrädern, wahrscheinlich „sponsored by daddy“ werden ihn eh nicht lange sehen. Wie immer soll Jupp Recht behalten.

Nach einem gemeinsamen Einjoggen auf der Laufrunde fällt pünktlich um 15.00 Uhr der Startschuss und die Meute hetzt los. Die ganze Meute? Nein, einer der Heroen widersetzt sich dem Herdentrieb und trabt, begleitet von den stakkatoartigen Piepsgeräuschen seines Pulsmessers, der Meute hinterher. Nur nichts überstürzen, immer schön nach Puls, wie es die Trainingslehre vorsieht. Die werden schon sehen, was sie von ihrem todbringenden Anfangstempo haben. Stimmt, sehen sie auch. Fast alle wechseln mit einem gehörigen Vorsprung vor Jupp aufs Rad. Lediglich der über 80-jährigen ehemalige Dorfbäcker, der zufällig mit seinem Hollandrad auf der Hauptstraße entlang gefahren ist und sich spontan der Veranstaltung angeschlossen hat – was soll man Samstags nachmittags schon machen, wenn man seit einem Jahr den Führerschein abgegeben hat, kein Auto mehr zum Putzen besitzt und den Bürgersteig schon vormittags gefegt hat – wuchtet sich mit nur dreißig Sekunden Vorsprung in den Sattel.

Jupps knallrote Birne bildet einen scharfen Kontrast zu seinem neuen Klingel Aero-Superhelm. Zum Glück hat er monatelang heimlich geübt. Jeder Handgriff sitzt und nach knapp einer Minute hat Jupp den Klickverschluss des Kinnriemens geschlossen. Er schnappt sich sein Rad und springt elegant in den Sattel. Sein Aufstöhnen, verursacht durch ein dezentes, aber wirkungsvolles Aufschlagen seines besten Stücks und der sich darunter befindlichen, aber untrennbar damit verbundenen Bestandteile, geht in einem lauten Knarren unter. Jupp spürt unter seinem Allerwertesten ein heftiges Rucken und spürt, wie er die Gewalt über seinen Boliden verliert. Mit einer artistischen Meisterleistung gelingt es ihm, einen Fuß von dem auf dem Pedal fixierten High-Tech-Carbonschühchen wieder auf den sicheren Asphalt zu bringen. Er bremst und schaut verdattert auf den Boden hinter ihm. Da liegt er, sein nagelneuer Titan-Fliegen-Sattel. Ultradünn und nahezu unbezahlbar leicht. Am Gestell des Sattels befindet sich ein Stück einer hauchdünnen Stange. Die Hälfte seiner Sattelstütze. Preiswert zwar, aber laut Prospekt von hoher, unzerstörbarer Qualität. Das einzige Teil an seinem Rad, das er nicht von Heinz bezogen hat, da dieser solch ein High End Produkt nicht liefern konnte.

Jupp steigt vom Rad und hebt den Sattel auf und geht mit beschwichtigenden Gesten auf die Zuschauer zu, die eigentlich keine weitere Notiz von ihm nehmen.
„Keine Angst, Freunde. Es ist nichts passiert, mir geht es gut. Dank meiner herausragenden Radbeherrschung konnte ich Schlimmeres für mich und meine Konkurrenten vermeiden.“
„Welche Konkurrenten meinst Du, Jupp“, fragt ihn die Frau des Radhändlers spöttisch grinsend. „Die, die schon einige Minuten auf der Radstrecke sind?“
„Lach Du nur. In wenigen Minuten hätte ich das Loch geschlossen und das Feld von hinten aufgerollt. Oder zweifelt da jemand ernsthaft dran?“

Ein gemeinsames Prusten des umstehenden Anhangs der Athleten sind ihm Antwort genug. Beleidigt packt Jupp seinen Krempel ins Auto und fährt von dannen.

 

 

 

 

 

 

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