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Emsiges Rascheln dringt aus Jupps Büro.
Wirft man einen zaghaften Blick in eben jenes, sieht man
unseren Ironman-Hero beim konzentrierten Auspacken seines
HighEnergy – Vollkorn – Bagel, belegt mit einer Mischung
verschiedener Sorten Powertartar. Aus den Tiefen jenseits
von Jupps Schreibtisch ertönt ein dumpfes Knurren und der
geneigte Betrachter ist versucht, sein Haupt zu neigen, um
das Untier unterhalb der Tischplatte zu suchen. Erst im
letzten Moment wird einem klar, dass Jupps ausgehungerte
Magen sich meldet. Immerhin ist sein Frühstück schon knapp
dreieinhalb Stunden her. Eine unvorstellbar lange Zeit für
Jupps gestählten Agie-Körper, eine Maschine unter den
Ausdauergöttern.
Jupp betrachtet zufrieden sein
Vormittagsmahl und öffnet die Kinnlade. Einem Krill
einsaugenden Pottwal gleich will sich Jupp über den Bagel
hermachen, mühsam den sich angesammelten Sabber
zurückhaltend. Da klingelt das Telefon. Die friedliche
Stille der morgendlichen „9-Uhr-Frühstückspause“
zerfetzend, rücksichtslos und brutal. Auch noch extern.
Man kann es nicht mal ignorieren. Resigniert legt Jupp
seinen Appetithappen zurück und nimmt, mit deutlichem
Missfallen in der Stimme – oh Deutschland, du
Dienstleistungsland - das Gespräch an.
Fröhlich quäkt es in Jupps Ohr. „Morsche
Alter, hier Heinz. Unn??? Alles gschmeidig???“ Jupp wird
wohl noch einige Zeit brauchen, um sich an das Pfälzisch
der Eingeborenen hier zu gewöhnen. Er versteht den Anrufer
jedoch dahingehend, dass es sich um den Radhändler seines
Vertrauens handelt. Na immerhin, denkt sich Jupp, ist es
kein dienstliches Gespräch. Muss ich meine Pause eben
nachholen.
„Moin Heinz. Was geht ab?“ Die beiden Mittfünfziger
plaudern ein wenig über ihre Heldentaten, die jedem
Jugendlichen die Schamesröte ins Gesicht treiben würden.
Nach rund zehnminütigen Schwanzvergleich, kommt Heinz zu
des Pudels Kern.
„Hör zu, Jupp. Kommenden Samstag führen wir wieder unseren
alljährlichen Trainings-Duathlon durch. Relativ kurz und
entspannt. Ziel ist gemeinsam Spaß zu haben und das neue
Material für die Saison zu testen. Wir treffen uns bei mir
nachmittags am Geschäft, laufen 4 km, fahren knapp 20 km
und laufen nochmals zwei. Bist du dabei?“
Jupp muss nicht lange überlegen. „Klar Alter. Das hört
sich wirklich gut an. Du kannst auf mich zählen.“ Nach nun
weiterem, mehrere Minuten andauerndem Versichern, wie mies
man aber eigentlich in Form ist, beenden beide ihr
Gespräch. Jupp knallt den Hörer auf die Gabel und beißt
endlich genüsslich in sein Frühstück. Ein diabolisches
Grinsen überzieht sein kauendes Gesicht.
Denen werde ich aber gewaltig den Arsch aufreißen, denkt
sie Jupp zufrieden kauend und freut sich auf den kommenden
Samstag.
Gegen 14.00 Uhr wuchtet Jupp sein
Kannoteil-Aero-Superhammer in den Kombi, prüft nochmals
seinen Tasche (Aero-Helm, Schuhe, Windschlüpfriger
Einteiler, HyperEnergy-Drink), nickt zufrieden und braust
los. Am Treffpunkt angekommen, begrüßt er die zahlreich
erschienene Konkurrenz mit einem knappen Nicken. Was für
eine Konkurrenz eigentlich. Die Jungspunde mit ihren
Billigrädern, wahrscheinlich „sponsored by daddy“ werden
ihn eh nicht lange sehen. Wie immer soll Jupp Recht
behalten.
Nach einem gemeinsamen Einjoggen auf der
Laufrunde fällt pünktlich um 15.00 Uhr der Startschuss und
die Meute hetzt los. Die ganze Meute? Nein, einer der
Heroen widersetzt sich dem Herdentrieb und trabt,
begleitet von den stakkatoartigen Piepsgeräuschen seines
Pulsmessers, der Meute hinterher. Nur nichts überstürzen,
immer schön nach Puls, wie es die Trainingslehre vorsieht.
Die werden schon sehen, was sie von ihrem todbringenden
Anfangstempo haben. Stimmt, sehen sie auch. Fast alle
wechseln mit einem gehörigen Vorsprung vor Jupp aufs Rad.
Lediglich der über 80-jährigen ehemalige Dorfbäcker, der
zufällig mit seinem Hollandrad auf der Hauptstraße entlang
gefahren ist und sich spontan der Veranstaltung
angeschlossen hat – was soll man Samstags nachmittags
schon machen, wenn man seit einem Jahr den Führerschein
abgegeben hat, kein Auto mehr zum Putzen besitzt und den
Bürgersteig schon vormittags gefegt hat – wuchtet sich mit
nur dreißig Sekunden Vorsprung in den Sattel.
Jupps knallrote Birne bildet einen scharfen
Kontrast zu seinem neuen Klingel Aero-Superhelm. Zum Glück
hat er monatelang heimlich geübt. Jeder Handgriff sitzt
und nach knapp einer Minute hat Jupp den Klickverschluss
des Kinnriemens geschlossen. Er schnappt sich sein Rad und
springt elegant in den Sattel. Sein Aufstöhnen, verursacht
durch ein dezentes, aber wirkungsvolles Aufschlagen seines
besten Stücks und der sich darunter befindlichen, aber
untrennbar damit verbundenen Bestandteile, geht in einem
lauten Knarren unter. Jupp spürt unter seinem
Allerwertesten ein heftiges Rucken und spürt, wie er die
Gewalt über seinen Boliden verliert. Mit einer
artistischen Meisterleistung gelingt es ihm, einen Fuß von
dem auf dem Pedal fixierten High-Tech-Carbonschühchen
wieder auf den sicheren Asphalt zu bringen. Er bremst und
schaut verdattert auf den Boden hinter ihm. Da liegt er,
sein nagelneuer Titan-Fliegen-Sattel. Ultradünn und nahezu
unbezahlbar leicht. Am Gestell des Sattels befindet sich
ein Stück einer hauchdünnen Stange. Die Hälfte seiner
Sattelstütze. Preiswert zwar, aber laut Prospekt von
hoher, unzerstörbarer Qualität. Das einzige Teil an seinem
Rad, das er nicht von Heinz bezogen hat, da dieser solch
ein High End Produkt nicht liefern konnte.
Jupp steigt vom Rad und hebt den Sattel auf
und geht mit beschwichtigenden Gesten auf die Zuschauer
zu, die eigentlich keine weitere Notiz von ihm nehmen.
„Keine Angst, Freunde. Es ist nichts passiert, mir geht es
gut. Dank meiner herausragenden Radbeherrschung konnte ich
Schlimmeres für mich und meine Konkurrenten vermeiden.“
„Welche Konkurrenten meinst Du, Jupp“, fragt ihn die Frau
des Radhändlers spöttisch grinsend. „Die, die schon einige
Minuten auf der Radstrecke sind?“
„Lach Du nur. In wenigen Minuten hätte ich das Loch
geschlossen und das Feld von hinten aufgerollt. Oder
zweifelt da jemand ernsthaft dran?“
Ein gemeinsames Prusten des umstehenden
Anhangs der Athleten sind ihm Antwort genug. Beleidigt
packt Jupp seinen Krempel ins Auto und fährt von dannen.
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