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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Teutoneninsel nimm dich in Acht! (Teil 2)
März 2008 - by Oliver Keck

Nach einer weiteren Nacht in seiner Besenkammer sieht Jupp die Welt endgültig wieder mit anderen Augen. Er wird schon vor dem ersten Sonnenstrahl wach – was allerdings auch am mit dunklen Schichtwolken bedeckten Himmel liegen könnte – und springt in seine bereitgestellten Laufschuhe. Den schon leicht aufsteigenden, aber ziemlich strengen Geruch ignoriert er geflissentlich. Jupp macht sich auf zu einem dreißig Minuten langen Fettstoffwechsellauf, um sich noch besser auf die Anforderungen seines heutigen Trainingsplans vorzubereiten. Obwohl, es steht ja nur die Kleinigkeit von – nach dem Prinzip der täglichen Steigerung – 150 km im hügeligen Gelände auf dem Programm, wobei die Tachoanzeige bitteschön nicht oft unter die 30 km/h sinken soll.
Raus aus dem Hotel, raus auf die Straße …gerade noch so einen Zusammenstoß mit einem Vespafahrer vermieden, der im halsbrecherischen Tempo versucht, die Kiste mit Brötchen auf seinem Sozius heil an ihren Bestimmungsort zu bringen. Das lautstarke spanische Gewitter, das nun über Jupp hereinbricht, beantwortet er mit einem dämlichen Grinsen und der wortlosen Formulierung des Gedankens…“du mich auch“.

Jupp bringt so etwas natürlich nicht aus der Ruhe. Er trabt 15 min die Straße entlang und orientiert sich streng an seinen Pulswerten. Dass er durch das lautstarke Piepsen seines hypermodernen HRM (für Banausen: Heart-Rate-Monitor) beim einzigen Anstieg auf der Strecke – o.k. eigentlich ist es nur eine kleine Brücke über einen Verbindungskanal zwischen den Buchten, beinahe rückwärts läuft, bestätigt Jupp in seiner Theorie, dass nur gezieltes, auf modernste Technik basierendes Training einen wirklich weiter bringt. Nicht überzocken, streng nach Plan. Im Frühjahr liegt die Ruhe eben in der Kraft, im Sommer wird man dann schon die Früchte ernten. Dass auch Zitronen irgendwann geerntet werden, daran denkt unser eiserner Held natürlich nicht.

Jupp ist noch wenige Minuten vom Hotel entfernt, als er ein fieses Ziehen ganz tief in seinem Darm bemerkt. Gleichzeitig macht sich ein lautes Grummeln in seinen Eingeweiden bemerkbar. Ehe er darauf reagieren kann, krampft sich Jupps Magen gewaltig zusammen. „Was soll denn jetzt der Sch…?“ Jupp traut sich nicht, den Gedanken zu Ende zu bringen. Sobald der Krampf nachlässt, steigert er sukzessive seine Geschwindigkeit. Der Druck am Ausgang seines Darms oder anders formuliert, unmittelbar vor Beginn seiner Laufhose, lässt ihn die letzten Meter in einem wahren Sprinttempo hinter sich bringen. Der Pulsmesser an seinem Handgelenk droht zu explodieren. Jupp pfeift im Moment auf seinen Trainingsplan, ignoriert das heftige Piepsen und rast mit hochroter Birne die Treppe hinauf. Nur nicht stehenbleiben. Wie James Bond in jungen Jahren zückt er seinen Zimmerschlüsse aus der Seitentasche und… stößt ihn am Schloss vorbei. Laut fluchend der nächste Versuch, als Jupp schon spürt, dass sein Körper stärker sein wird als sein Wille. Er kneift die Augen zusammen und konzentriert sich mit aller Macht, den lästigsten Muskel seines Körpers – zumindest im Augenblick – unter Kontrolle zu bringen. Erst mit kurzer zeitlicher Verzögerung registriert Jupp, dass die Tür einen Spalt breit geöffnet ist. Mit einem filmreifen Satz, der jedem Stuntmen zur Ehre gereicht hätte, hechtet Jupp in sein Zimmer und durchschlägt beinahe die geschlossene Tür zum Klo.
Jupp steht vor der Schüssel und versucht, den mühevoll geknoteten Bändel zur Fixierung seiner Laufhose über dem voluminösen Bauch, zu öffnen. „Was für eine verdammte…“ denkt Jupp noch, als er endgültig vor den Mächten seines Darms kapitulieren muss. Mit letzter Energie und Tränen in den Augen, reißt er die Hose ohne Rücksicht auf Verluste nach unten und nimmt Platz. Nach wenigen Sekunden wird ihm bewusst, dass er sich seit Jahren nicht mehr so wohl gefühlt hat.

Nachdem Jupp alles zu seiner Zufriedenheit erledigt, seine Laufhose mit viel Shampoo (wer denkt im Trainingslager schon an Waschmittel!!!) eingeweicht und frisch geduscht hat, begibt er sich in den geräumigen Speisesaal des Hotels. Da sitzen sie ja schon alle. Die Helden aus seiner Altersklasse, die er im Sommer allesamt zu versägen gedenkt. Wie am Vortag steuert er auf die Obsttheke zu, gönnt sich daneben noch zwei Scheiben Knäckebrot und einen Kamillentee von der Sorte, durch den man Zeitung lesen kann. Er setzt sich mit stolz geschwellter Brust – damit auch ja jeder sein Brockdorf-Challenge-Finisher-Shirt lesen kann alleine an einen Tisch in der Nähe der Horde. Seine vermeintlichen Konkurrenten machen sich einen Spaß daraus, ihn mit frechen Sprüchen zu necken.

Da sind sie bei Jupp aber an den falschen geraten. Wie von der Tarantel gestochen, spritzt Jupp von hoch und baut sich am Nachbartisch vor dem Anführer der alten Bande auf.
„Was fällt dir ein, du Kasper?“ spuckt Jupp ihm eine Mischung aus Kiwi und Knäcke entgegen. „So Typen wie dich verputze ich doch noch nach dem eigentlichen Training vor dem Abendessen. Musst mir nur sagen, wann es dir passt, Alter, dann mach ich dich platt.“
Der derartig nett angesprochene Seniorenfahrer des Tri-Teams Lüneburger Heide wischt sich mit der Hand übers Gesicht um die Spuren von Jupps Ergüssen zu beseitigen. Er erhebt sich von seinem Stuhl und baut sich vor unserem Helden auf. Jupp starrt dem Sitzzwerg, nun in voller muskulöser Größe vor ihm drapiert, knapp über den Bauchnabel. Mit leicht schlotternden Knien schiebt Jupp seinen Kopf in den Nacken und blickt in zwei wütende Augen.
„Hör gut zu, du Zwerg. Ich wollte dir mit unserer flappsigen Art nur klar machen, dass du hier nicht alleine rumkaspern musst, sondern dich uns gerne anschließen kannst. Aber wenn du dein Ding durchziehen willst, dann mach es eben. Nur soviel: 5 km die Straße nach Westen. Kennst du den dort beginnenden10 km langen Anstieg?“
Jupp nickt zaghaft.
„Gut Großmaul – ich erwarte dich dort um 15.00 Uhr. Nur du und ich.“ Er beugt sich langsam zu Jupp herunter. Wenige Zentimeter verweilt sein Antlitz vor Jupps Gesicht (Kenner denken nun sofort an ALIEN). „Ich werde dich so aus den Schuhen fahren, dass du den Rest hier auf Malle heulend in deinem Zimmer sitzen wirst.“ Sagt es, dreht sich um und lässt den Jupp alleine stehen. Jupp wundert sich zunächst, dass er von dem Riesen keine geknallt bekommen hat. Dann fällt ihm auf, dass es mucksmäuschenstill um ihn herum ist. Er blickt in die Runde und sieht, dass der ganze Speisesaal ihn anstarrt. Würdevoll, aber mit knallroter Birne sucht Jupp das Weite. Die Tür des Saals ist noch nicht hinter ihm ins Schloss gefallen, als er das grölende Gelächter der anderen hört. Wutentbrannt rennt er auf sein Zimmer, zieht sich sein aerodynamisch optimiertes Outfit an und fährt mit dem Rad los. 200 km Grundlagen stehen heute auf dem Programm. Gut, aufgrund der ungeahnten Belastung am späteren Tag würde er sein Programm auf 150 km reduzieren.

Jupp fährt so vor sich hin und schon verblassen die Erinnerungen an den peinlichen Auftritt im Hotel. Pfft, was bildet sich dieser Fettsack eigentlich ein. Der hat doch gegen meine berggestählten Waden keine Chance. Der wird sich wundern!

(to be continued)

 

 

 

 

 

 

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