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Nach einer weiteren Nacht in seiner
Besenkammer sieht Jupp die Welt endgültig wieder mit
anderen Augen. Er wird schon vor dem ersten Sonnenstrahl
wach – was allerdings auch am mit dunklen Schichtwolken
bedeckten Himmel liegen könnte – und springt in seine
bereitgestellten Laufschuhe. Den schon leicht
aufsteigenden, aber ziemlich strengen Geruch ignoriert er
geflissentlich. Jupp macht sich auf zu einem dreißig
Minuten langen Fettstoffwechsellauf, um sich noch besser
auf die Anforderungen seines heutigen Trainingsplans
vorzubereiten. Obwohl, es steht ja nur die Kleinigkeit von
– nach dem Prinzip der täglichen Steigerung – 150 km im
hügeligen Gelände auf dem Programm, wobei die Tachoanzeige
bitteschön nicht oft unter die 30 km/h sinken soll.
Raus aus dem Hotel, raus auf die Straße …gerade noch so
einen Zusammenstoß mit einem Vespafahrer vermieden, der im
halsbrecherischen Tempo versucht, die Kiste mit Brötchen
auf seinem Sozius heil an ihren Bestimmungsort zu bringen.
Das lautstarke spanische Gewitter, das nun über Jupp
hereinbricht, beantwortet er mit einem dämlichen Grinsen
und der wortlosen Formulierung des Gedankens…“du mich
auch“.
Jupp bringt so etwas natürlich nicht aus
der Ruhe. Er trabt 15 min die Straße entlang und
orientiert sich streng an seinen Pulswerten. Dass er durch
das lautstarke Piepsen seines hypermodernen HRM (für
Banausen: Heart-Rate-Monitor) beim einzigen Anstieg auf
der Strecke – o.k. eigentlich ist es nur eine kleine
Brücke über einen Verbindungskanal zwischen den Buchten,
beinahe rückwärts läuft, bestätigt Jupp in seiner Theorie,
dass nur gezieltes, auf modernste Technik basierendes
Training einen wirklich weiter bringt. Nicht überzocken,
streng nach Plan. Im Frühjahr liegt die Ruhe eben in der
Kraft, im Sommer wird man dann schon die Früchte ernten.
Dass auch Zitronen irgendwann geerntet werden, daran denkt
unser eiserner Held natürlich nicht.
Jupp ist noch wenige Minuten vom Hotel
entfernt, als er ein fieses Ziehen ganz tief in seinem
Darm bemerkt. Gleichzeitig macht sich ein lautes Grummeln
in seinen Eingeweiden bemerkbar. Ehe er darauf reagieren
kann, krampft sich Jupps Magen gewaltig zusammen. „Was
soll denn jetzt der Sch…?“ Jupp traut sich nicht, den
Gedanken zu Ende zu bringen. Sobald der Krampf nachlässt,
steigert er sukzessive seine Geschwindigkeit. Der Druck am
Ausgang seines Darms oder anders formuliert, unmittelbar
vor Beginn seiner Laufhose, lässt ihn die letzten Meter in
einem wahren Sprinttempo hinter sich bringen. Der
Pulsmesser an seinem Handgelenk droht zu explodieren. Jupp
pfeift im Moment auf seinen Trainingsplan, ignoriert das
heftige Piepsen und rast mit hochroter Birne die Treppe
hinauf. Nur nicht stehenbleiben. Wie James Bond in jungen
Jahren zückt er seinen Zimmerschlüsse aus der Seitentasche
und… stößt ihn am Schloss vorbei. Laut fluchend der
nächste Versuch, als Jupp schon spürt, dass sein Körper
stärker sein wird als sein Wille. Er kneift die Augen
zusammen und konzentriert sich mit aller Macht, den
lästigsten Muskel seines Körpers – zumindest im Augenblick
– unter Kontrolle zu bringen. Erst mit kurzer zeitlicher
Verzögerung registriert Jupp, dass die Tür einen Spalt
breit geöffnet ist. Mit einem filmreifen Satz, der jedem
Stuntmen zur Ehre gereicht hätte, hechtet Jupp in sein
Zimmer und durchschlägt beinahe die geschlossene Tür zum
Klo.
Jupp steht vor der Schüssel und versucht, den mühevoll
geknoteten Bändel zur Fixierung seiner Laufhose über dem
voluminösen Bauch, zu öffnen. „Was für eine verdammte…“
denkt Jupp noch, als er endgültig vor den Mächten seines
Darms kapitulieren muss. Mit letzter Energie und Tränen in
den Augen, reißt er die Hose ohne Rücksicht auf Verluste
nach unten und nimmt Platz. Nach wenigen Sekunden wird ihm
bewusst, dass er sich seit Jahren nicht mehr so wohl
gefühlt hat.
Nachdem Jupp alles zu seiner Zufriedenheit
erledigt, seine Laufhose mit viel Shampoo (wer denkt im
Trainingslager schon an Waschmittel!!!) eingeweicht und
frisch geduscht hat, begibt er sich in den geräumigen
Speisesaal des Hotels. Da sitzen sie ja schon alle. Die
Helden aus seiner Altersklasse, die er im Sommer allesamt
zu versägen gedenkt. Wie am Vortag steuert er auf die
Obsttheke zu, gönnt sich daneben noch zwei Scheiben
Knäckebrot und einen Kamillentee von der Sorte, durch den
man Zeitung lesen kann. Er setzt sich mit stolz
geschwellter Brust – damit auch ja jeder sein
Brockdorf-Challenge-Finisher-Shirt lesen kann alleine an
einen Tisch in der Nähe der Horde. Seine vermeintlichen
Konkurrenten machen sich einen Spaß daraus, ihn mit
frechen Sprüchen zu necken.
Da sind sie bei Jupp aber an den falschen
geraten. Wie von der Tarantel gestochen, spritzt Jupp von
hoch und baut sich am Nachbartisch vor dem Anführer der
alten Bande auf.
„Was fällt dir ein, du Kasper?“ spuckt Jupp ihm eine
Mischung aus Kiwi und Knäcke entgegen. „So Typen wie dich
verputze ich doch noch nach dem eigentlichen Training vor
dem Abendessen. Musst mir nur sagen, wann es dir passt,
Alter, dann mach ich dich platt.“
Der derartig nett angesprochene Seniorenfahrer des
Tri-Teams Lüneburger Heide wischt sich mit der Hand übers
Gesicht um die Spuren von Jupps Ergüssen zu beseitigen. Er
erhebt sich von seinem Stuhl und baut sich vor unserem
Helden auf. Jupp starrt dem Sitzzwerg, nun in voller
muskulöser Größe vor ihm drapiert, knapp über den
Bauchnabel. Mit leicht schlotternden Knien schiebt Jupp
seinen Kopf in den Nacken und blickt in zwei wütende
Augen.
„Hör gut zu, du Zwerg. Ich wollte dir mit unserer
flappsigen Art nur klar machen, dass du hier nicht alleine
rumkaspern musst, sondern dich uns gerne anschließen
kannst. Aber wenn du dein Ding durchziehen willst, dann
mach es eben. Nur soviel: 5 km die Straße nach Westen.
Kennst du den dort beginnenden10 km langen Anstieg?“
Jupp nickt zaghaft.
„Gut Großmaul – ich erwarte dich dort um 15.00 Uhr. Nur du
und ich.“ Er beugt sich langsam zu Jupp herunter. Wenige
Zentimeter verweilt sein Antlitz vor Jupps Gesicht (Kenner
denken nun sofort an ALIEN). „Ich werde dich so aus den
Schuhen fahren, dass du den Rest hier auf Malle heulend in
deinem Zimmer sitzen wirst.“ Sagt es, dreht sich um und
lässt den Jupp alleine stehen. Jupp wundert sich zunächst,
dass er von dem Riesen keine geknallt bekommen hat. Dann
fällt ihm auf, dass es mucksmäuschenstill um ihn herum
ist. Er blickt in die Runde und sieht, dass der ganze
Speisesaal ihn anstarrt. Würdevoll, aber mit knallroter
Birne sucht Jupp das Weite. Die Tür des Saals ist noch
nicht hinter ihm ins Schloss gefallen, als er das grölende
Gelächter der anderen hört. Wutentbrannt rennt er auf sein
Zimmer, zieht sich sein aerodynamisch optimiertes Outfit
an und fährt mit dem Rad los. 200 km Grundlagen stehen
heute auf dem Programm. Gut, aufgrund der ungeahnten
Belastung am späteren Tag würde er sein Programm auf 150
km reduzieren.
Jupp fährt so vor sich hin und schon
verblassen die Erinnerungen an den peinlichen Auftritt im
Hotel. Pfft, was bildet sich dieser Fettsack eigentlich
ein. Der hat doch gegen meine berggestählten Waden keine
Chance. Der wird sich wundern!
(to be continued)
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