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03.30 Uhr. Nein, ich habe mich nicht
verschrieben. Es ist Samstagmorgen im März und es ist auch
nicht der Lenz gekommen, wie in einer alten Volksweise
besungen wird. Sondern der gute Jupp. Und zwar in
Frankfurt, genauer am Flughafen ist er angekommen. Gut der
Flieger nach Malle hebt zwar erst in fünf Stunden ab, aber
dank diesem Osama-Penner weiß man ja nie. Da kann man nie
vorsichtig genug sein.
Jupp zieht seinen riesigen Bike-Koffer – an
dessen Seite der für normale Menschen peinliche –
Aufkleber „Papas Liebling“ prangt, ächzend hinter sich
her. Ein hoffnungslos übermüdeter Flughafenmitarbeiter,
der mit seiner Kehrmaschine die Überbleibsel des
Reiseverkehrs vom Freitagabend zu beseitigen versucht,
nähert sich dem guten Stück auf einen knappen halben
Meter. Zu viel für Jupps Geschmack. Eiligst faltet er den
Arbeiter zusammen, der ihm nur ein dämliches Grinsen
schenkt und schreitet würdevoll zum Check-Inn. Noch keiner
da, er ist also der erste in der Schlange, die sich
sicherlich bald bilden wird. Die Minuten verrinnen, die
Stunden jedoch nicht. Gerade als es Jupp heftig die Augen
zuzieht und er gefährlich zu schwanken beginnt – worauf
die mittlerweile zigfach postierten Poser hinter ihm nur
warten, um sich an ihm vorbei zu drängen – erscheint ein
himmlisches Wesen jenseits des Tresens und fragt ihn
verbindlich lächelnd nach seinem Ticket. Jupp reicht es
rüber und will gerade von seinen schon jetzt gestählten
Waden schwärmen, als sein gegenüber mit einer
schneidenden, gar nicht ins Bild passenden Stimme
abwimmelt:
„Der Koffer ist übergroß. Das macht € 50. —extra.“
„Was, das ist ja Wucher.“ Sie ignoriert seinen Einwand und
blickt über ihn hinweg zur Nr. 2 in der Masse der
reisewilligen Teutonen. „Ja, schon gut“, jammert Jupp
kleinlaut und schiebt den Schein über den Tresen. Maulend
begibt er sich zum Gate, wo dann endlich nach zwei
weiteren Stunden der Flieger abhebt.
Jupp hat es sich gerade bequem gemacht –
den Thrombosestrümpfen sei dank – als sie schon wieder auf
der Insel aufsetzen. Und siehe da – all dass, was er in
der Heimat vermisst hat. Wärme, Sonne…und ein paar Deppen,
die meinen, sie wären besser drauf als er. Na, die werden
ihr blaues Wunder erleben. Jupp hat seinen
Selfmade-Hyper-Success-Trainingsplan, nach dem er in den
nächsten 14 Tagen leben wird.
Im Hotel angekommen, schraubt er seine
Kannichdenn-Maschine zusammen und ab geht die Post. 80 km
zum einrollen – im 35er ähhh 25er Schnitt. In der Ruhe
liegt die Kraft. Nach einem spartanischen Abendessen
begibt sich Jupp gleich in sein aufs notwendige begrenzt
eingerichtetes Einzelzimmer – böse Zungen behaupte, eine
Abstellkammer des Hotels – in Wahrheit die Heimat eines
wahren Gladiatoren.
Am nächsten Morgen klingelt um 05.00 Uhr
der Wecker. Jupp braucht ein paar Minuten, bevor er
kapiert, was los ist. Er schlüpft in seinen hydroaktiven
Einteiler – manche Menschen haben eben überhaupt keine
Scham – und quält sich die Stufen hinab ins hoteleigene
Schwimmbad um festzustellen, dass es erst gegen acht Uhr
öffnet. Sauber. Aber das kann einen Ironman nicht
aufhalten. Mutigen Schrittes schwebt Jupp über den Strand,
nimmt kurz Anlauf und stürzt sich ins Meer. Ungefähr
doppelt so schnell hat Jupp das Wasser wieder verlassen.
Schnell schaut er sich um, nee, es hat ihn keiner gesehen.
Jupp beschließt, morgen Laufen zu gehen.
Gestärkt von 2 Scheiben Knäckebrot, schnappt er sich
seinen Bock und macht sich auf die Reise. Nach dem
Einrollen gestern wollen wir heute mal Tacheles reden. Mit
kräftigen Pedaltritten nähert sich Iron-Jupp dem Aufstieg
zum Puig Major. Er hängt gerade seinen Gedanken nach, ob
er den Anstieg nun mit 53/12 oder gleich mit 53/11 in
Angriff nehmen soll, als er ein lautes Sirren vernimmt.
Gerade als er sich umblicken will, schnurrt ein U23 Team
mit wild hupendem Begleitfahrzeug an ihm vorbei. Vor
Schreck fährt Jupp beinahe dich Böchung hinunter. Die
schamlosen Lästereien des jungen Pöbels lassen die Ader an
Jupps Stirn gefährlich anschwellen.
So nicht, meine Herren, denkt sich Jupp und
macht sich auf die Verfolgung. Nach 2 km mit fast 50
Sachen auf dem Tacho und tiefster Aero-Haltung hat er es
tatsächlich gepackt. Er klemmt am Ende der weiterhin in
schöner Formation fahrenden Nachwuchs-Epo-Konsumenten.
Die beiden in letzter Reihe fahrenden
Fahrer blicken irritiert nach hinten, setzen sie das
heftige Schnaufen von Jupp mit dem Ankommen einer
Dampfwalze gleich. Der Blick in ein kreideweißes Gesicht
und den an einen Maikäfer erinnernden Jupp entlockt ihnen
ein weiteres spöttisches Grinsen.
„Na Alterchen, bist du sicher, dass du dir
nicht ein wenig zu viel vornimmst?“
„Warts nur ab, Jüngelchen, dich lasse ich noch vor der
Bergwertung hinter mir.“ Jupp presst die Worte mühsam
hervor.
„Gut Alter, dann mal los“ Der Junge hebt seinen dünnen
Hintern aus dem Sattel und tritt an. Nach wenigen Sekunden
kann Jupp durch seine stahlblau getönten Burkly-Gläser
nicht einmal mehr den Schriftzug des Teamsponsors auf dem
Rücken seines neuen Intimfeindes entdecken. Knurrend wie
ein in die Enge getriebenes Tier wuchtet sich Jupp aus dem
Sattel und versucht dem Kameraden hinterher zu stiefeln.
Das Gelächter der anderen Fahrer ignoriert Jupp. Nach 150
m sackt Jupp in den Sattel zurück und die Geschwindigkeit
auf seinem Tacho sinkt rapide von 12 auf 5 km/h. Jupp
schwankt bedächtig und schafft es gerade noch so, aus dem
Pedal zu kommen. Sonst hätte er sich auch noch auf die
Nase gelegt. Wutentbrannt, mit Tränen in den Augen, muss
er die grölende Meute ziehen lassen.
Na wartet, denkt er sich grimmig, in ein paar Tagen sehen
wir uns wieder. Dann drehe ich den Spieß um. Jupp fährt
die gleiche Strecke zurück ins Hotel. 35 km Tagesleistung
– ein wenig dürftig.
Jupp zieht die Laufschuhe an, schnallt den
Trinkgürtel mit 8 Flaschen mit je einem halben Liter
Iso-Getränk um die breite Hüfte und begibt sich in die
nahegelegenen Pinienwälder zum Fettstoffwechsellauf. In
dem für ihn gehörigen Marathonschnitt von 7:35 min/km
läuft er nach Can-ich-nicht-aussprechen, hat dabei keinen
Blick für die grandiose Küstenlandschaft und dreht nach 95
min um.
Zurück im Hotel ist Jupp mit sich und der Welt wieder im
Reinen. Es kommt ja nicht nur aufs Radfahren an. So ein 18
km Lauf knapp unter der Grenze seines
Ironman-Marathon-Tempos hat ja auch was. Jupp duscht und
macht ein kurzes Mittagsschläfchen. Dann begibt er sich in
den Speisesaal und labt sich erneut an zwei Scheiben
Knäckebrot. Bei einem kohlesäurearmen Mineralwasser
beschließt Jupp, ab morgen alles besser zu machen und die
Schande auszumerzen.
Wir werden sehen…(to be continued)
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