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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Weltrekord!!!
Januar 2008 - by Oliver Keck

Einen Weltrekord im Schwimmen, das wär’s doch. Und warum sollte mir, Jupp, dem eisernsten aller „Ironmänner“ das nicht gelingen. In meiner AK50 sind sie doch eh schon alle weggestorben. Wer sollte sich mir als letztem Mohikaner dann in den Weg stellen.

Jupp hat sich in einer Nachbargemeinde seines neuen Wohnsitzes in der Pfalz einem Schwimmverein angeschlossen, über den er seine neue Triathlonlizenz gelöst hat. Und weil er gerade dabei war, hat er sich auch eine Schwimmlizenz besorgt. Den sportärztlichen Test im Vorfeld empfand er zwar als persönlichen Affront, aber was soll’s. Letztlich spürt Jupp eine immense Befriedigung, als er die Verwunderung des Mediziners spürt. Mit Sicherheit bekommt er solch eine Granate über 50 selten in seiner Praxis zu Gesicht. Ganz zu Schweigen von den notgeilen Helferinnen, die ihm unbedingt an die Wäsche wollten.
Nun ja, Jupp verwechselt da wieder Ursache und Wirkung. Der behandelnde Doc zeigt sich eher von Anfang an besorgt und lässt durch seine rechte Hand ein EKG und Herzecho durchführen, um sicherzustellen, dass man diesen durch geknallten Alten nicht aus dem Verkehr ziehen muss. Dass die Arzthelferin Jupp aufgefordert hat, das viel zu enge T-Shirt auszuziehen, um ihn zu verkabeln, kann wohl jeder nachvollziehen. Na ja, jeder außer Jupp…
Die letzten Bedenken vor Ausstellung der Bescheinigung über die uneingeschränkte Sporttauglichkeit zerstreute Privat- und Vorzugspatient Jupp mit dem Hinweis, dass ihn der Doc im nächsten Jahr bestimmt nicht mehr sehen werde und einem größeren Geldschein in die Kaffeekasse, die dezent auf dem Schreibtisch des Mediziners platziert war.

Mit seinem Attest erscheint Jupp am selben Abend im Training des Vereins. Sein sportlicher Leiter runzelt etwas die Stirn, was Jupp einfach übergeht. Auch den deutlichen Hinweis, dass man nur an Wettkämpfen teilnehmen sollte, wenn man ein gewisses Niveau erreicht hat, ignoriert er. Er möchte seine Lizenz beantragen und beim nächsten Masters-Schwimmen dazu beitragen, die seiner Meinung nach mäßige Bilanz des Vereins aufzupolieren. Genervt nimmt der Verantwortliche des Vereins die Startwünsche von Jupp auf, weigert sich aber, offizielle Zeitnehmer für Jupp’s geplante Weltrekordversuche über 100 m Freistil und 100 m Lagen zu bestellen. Christian – so der Name der guten Seele – macht Jupp erst einmal klar, dass beim Lagenschwimmen auf der Seite liegen, ein Arm nach vorne gestreckt, der andere am Körper vorbeiziehend und so für etwas Vortrieb sorgend, nichts zu suchen hat. Jupp zeigt sich ein wenig irritiert und verzichtet dann auf einen Start in dieser Disziplin. Ist vielleicht auch besser so, somit kann er seine ganze Kraft auf die Freistilstrecke richten.

Alle Überredungsversuche prallen am Ironman Jupp ebenso ab wie die Störversuche der Konkurrenten in den Wechselzonen dieser Welt im Sommer. Schneller als gedacht kommt der große Tag. Der Verein bestreitet das Masters-Schwimmen und Jupp steht abgezockt, wie für einen Profi üblich, vor dem Startblock. Der Hallensprecher kündigt ihn an. Triumphierend blickt Jupp rechts und links auf seine Konkurrenz. Komisch, denkt er, die sehen für 50-jährige aber Recht mitgenommen aus. Der Pfiff des Starters, der die Schwimmer auffordert, auf den Block zu klettern – was Jupp schon ein wenig Mühe bereitet – reißt ihn aus seinen Gedanken. Das Kommando kommt und Jupp stößt sich kraftvoll ab. Der Aufschlag auf dem Wasser und der damit verbundene, ziehende Schmerz zwischen seinen Beinen ignoriert er tapfer. Schnell kreiseln seine Arme, seine von ungezählten Rad- und Laufkilometern gestählten Beine sorgen wie stampfende Pneulkolben für unheimlichen Vortrieb. Ehe Jupp denken kann „lang bleiben“, wuchtet er seine Astralkörper mit Schwimmhilfe in der Körpermitte, notdürftig verborgen durch seinen ultramodernen „subzero – Schwimmanzug“ per Rollwende um die erste Wende. Die Helferin, die auf korrekte Wenden achtet, flucht laut. So nass hat sie schon lange keiner mehr gespritzt. Sie überlegt, diesen Idioten anzuhalten, der sich wie ein Nilpferd im Wasser wälzt und sich abgeschlagen daran macht, seine Konkurrenten hinterher zu schwimmen. Sie kann sich gerade noch beherrschen.
Jupp fühlt sich derweil bärenstark. OK, ihm ist bei seinem Startsprung die Brille ein wenig verrutscht und er sieht alles noch ein wenig verschwommener. Aber ein kurzer Blick zur Seite beim Atmen zeigt ihm: allein auf weiter Flur. Die Gegner schon auf den ersten 50 m abgehängt. Die nächste Wende perfekt genommen und weiter geht’s. Ruckzuck ist auch Bahn 3 Geschichte und Jupp spürt, dass seine Beine und Arme langsam schwer werden. Klar, wer Weltrekord schwimmen will, muss sich quälen können. Er denkt an den guten alten Rocky Balboa und was der immer aus seinem Körper herausgeholt hat. Noch zwei Züge – perfekter Anschlag – Geschafft.

Prustend hebt Jupp die Birne aus dem Wasser und hört gerade noch über Lautsprecher: „wir dürfen einen neuen Weltrekord vermelden.“ Ein Grinsen huscht über Jupp’s erschöpfte Gesichtszüge. Na also! Jupp richtet sich auf und will die Arme aus dem Wasser reißen, als er die blecherne Stimme erneut hört:
„Bahn 4 – Helmut Krämer, Jahrgang 1928, hat die 100 m Freistil in einer Zeit von 1:20,42 min absolviert und einen neuen Weltrekord aufgestellt. Herzlichen Glückwunsch! Und ein Hinweis sei uns noch an die Schwimmfreunde aus der Pfalz erlaubt. Wir möchten sie zukünftig bitten, ihre Schwimmer gemäß ihrer realen Zeiten zu melden. Der Teilnehmer auf Bahn 3, immerhin über 25 Jahre jünger als seine Konkurrenten in dem Lauf, hat mit einer Zeit von 2:01,97 deutlich seine Meldeergebnis verfehlt. Wir bitten solche Meldungen zu unterlassen, da man ja auch dem Aktiven gegenüber eine Verantwortung hat.“
Jupp blickt hoch zum Startblock und starrt ernüchtert auf die dort prangende Ziffer – „3“.

 

 

 

 

 

 

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