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Einen Weltrekord im Schwimmen, das wär’s
doch. Und warum sollte mir, Jupp, dem eisernsten aller „Ironmänner“
das nicht gelingen. In meiner AK50 sind sie doch eh schon
alle weggestorben. Wer sollte sich mir als letztem
Mohikaner dann in den Weg stellen.
Jupp hat sich in einer Nachbargemeinde
seines neuen Wohnsitzes in der Pfalz einem Schwimmverein
angeschlossen, über den er seine neue Triathlonlizenz
gelöst hat. Und weil er gerade dabei war, hat er sich auch
eine Schwimmlizenz besorgt. Den sportärztlichen Test im
Vorfeld empfand er zwar als persönlichen Affront, aber was
soll’s. Letztlich spürt Jupp eine immense Befriedigung,
als er die Verwunderung des Mediziners spürt. Mit
Sicherheit bekommt er solch eine Granate über 50 selten in
seiner Praxis zu Gesicht. Ganz zu Schweigen von den
notgeilen Helferinnen, die ihm unbedingt an die Wäsche
wollten.
Nun ja, Jupp verwechselt da wieder Ursache und Wirkung.
Der behandelnde Doc zeigt sich eher von Anfang an besorgt
und lässt durch seine rechte Hand ein EKG und Herzecho
durchführen, um sicherzustellen, dass man diesen durch
geknallten Alten nicht aus dem Verkehr ziehen muss. Dass
die Arzthelferin Jupp aufgefordert hat, das viel zu enge
T-Shirt auszuziehen, um ihn zu verkabeln, kann wohl jeder
nachvollziehen. Na ja, jeder außer Jupp…
Die letzten Bedenken vor Ausstellung der Bescheinigung
über die uneingeschränkte Sporttauglichkeit zerstreute
Privat- und Vorzugspatient Jupp mit dem Hinweis, dass ihn
der Doc im nächsten Jahr bestimmt nicht mehr sehen werde
und einem größeren Geldschein in die Kaffeekasse, die
dezent auf dem Schreibtisch des Mediziners platziert war.
Mit seinem Attest erscheint Jupp am selben
Abend im Training des Vereins. Sein sportlicher Leiter
runzelt etwas die Stirn, was Jupp einfach übergeht. Auch
den deutlichen Hinweis, dass man nur an Wettkämpfen
teilnehmen sollte, wenn man ein gewisses Niveau erreicht
hat, ignoriert er. Er möchte seine Lizenz beantragen und
beim nächsten Masters-Schwimmen dazu beitragen, die seiner
Meinung nach mäßige Bilanz des Vereins aufzupolieren.
Genervt nimmt der Verantwortliche des Vereins die
Startwünsche von Jupp auf, weigert sich aber, offizielle
Zeitnehmer für Jupp’s geplante Weltrekordversuche über 100
m Freistil und 100 m Lagen zu bestellen. Christian – so
der Name der guten Seele – macht Jupp erst einmal klar,
dass beim Lagenschwimmen auf der Seite liegen, ein Arm
nach vorne gestreckt, der andere am Körper vorbeiziehend
und so für etwas Vortrieb sorgend, nichts zu suchen hat.
Jupp zeigt sich ein wenig irritiert und verzichtet dann
auf einen Start in dieser Disziplin. Ist vielleicht auch
besser so, somit kann er seine ganze Kraft auf die
Freistilstrecke richten.
Alle Überredungsversuche prallen am Ironman
Jupp ebenso ab wie die Störversuche der Konkurrenten in
den Wechselzonen dieser Welt im Sommer. Schneller als
gedacht kommt der große Tag. Der Verein bestreitet das
Masters-Schwimmen und Jupp steht abgezockt, wie für einen
Profi üblich, vor dem Startblock. Der Hallensprecher
kündigt ihn an. Triumphierend blickt Jupp rechts und links
auf seine Konkurrenz. Komisch, denkt er, die sehen für
50-jährige aber Recht mitgenommen aus. Der Pfiff des
Starters, der die Schwimmer auffordert, auf den Block zu
klettern – was Jupp schon ein wenig Mühe bereitet – reißt
ihn aus seinen Gedanken. Das Kommando kommt und Jupp stößt
sich kraftvoll ab. Der Aufschlag auf dem Wasser und der
damit verbundene, ziehende Schmerz zwischen seinen Beinen
ignoriert er tapfer. Schnell kreiseln seine Arme, seine
von ungezählten Rad- und Laufkilometern gestählten Beine
sorgen wie stampfende Pneulkolben für unheimlichen
Vortrieb. Ehe Jupp denken kann „lang bleiben“, wuchtet er
seine Astralkörper mit Schwimmhilfe in der Körpermitte,
notdürftig verborgen durch seinen ultramodernen „subzero –
Schwimmanzug“ per Rollwende um die erste Wende. Die
Helferin, die auf korrekte Wenden achtet, flucht laut. So
nass hat sie schon lange keiner mehr gespritzt. Sie
überlegt, diesen Idioten anzuhalten, der sich wie ein
Nilpferd im Wasser wälzt und sich abgeschlagen daran
macht, seine Konkurrenten hinterher zu schwimmen. Sie kann
sich gerade noch beherrschen.
Jupp fühlt sich derweil bärenstark. OK, ihm ist bei seinem
Startsprung die Brille ein wenig verrutscht und er sieht
alles noch ein wenig verschwommener. Aber ein kurzer Blick
zur Seite beim Atmen zeigt ihm: allein auf weiter Flur.
Die Gegner schon auf den ersten 50 m abgehängt. Die
nächste Wende perfekt genommen und weiter geht’s. Ruckzuck
ist auch Bahn 3 Geschichte und Jupp spürt, dass seine
Beine und Arme langsam schwer werden. Klar, wer Weltrekord
schwimmen will, muss sich quälen können. Er denkt an den
guten alten Rocky Balboa und was der immer aus seinem
Körper herausgeholt hat. Noch zwei Züge – perfekter
Anschlag – Geschafft.
Prustend hebt Jupp die Birne aus dem Wasser
und hört gerade noch über Lautsprecher: „wir dürfen einen
neuen Weltrekord vermelden.“ Ein Grinsen huscht über
Jupp’s erschöpfte Gesichtszüge. Na also! Jupp richtet sich
auf und will die Arme aus dem Wasser reißen, als er die
blecherne Stimme erneut hört:
„Bahn 4 – Helmut Krämer, Jahrgang 1928, hat die 100 m
Freistil in einer Zeit von 1:20,42 min absolviert und
einen neuen Weltrekord aufgestellt. Herzlichen
Glückwunsch! Und ein Hinweis sei uns noch an die
Schwimmfreunde aus der Pfalz erlaubt. Wir möchten sie
zukünftig bitten, ihre Schwimmer gemäß ihrer realen Zeiten
zu melden. Der Teilnehmer auf Bahn 3, immerhin über 25
Jahre jünger als seine Konkurrenten in dem Lauf, hat mit
einer Zeit von 2:01,97 deutlich seine Meldeergebnis
verfehlt. Wir bitten solche Meldungen zu unterlassen, da
man ja auch dem Aktiven gegenüber eine Verantwortung hat.“
Jupp blickt hoch zum Startblock und starrt ernüchtert auf
die dort prangende Ziffer – „3“.
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