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Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen.
Die Menschen lassen alles ein wenig gemütlicher angehen.
Viele wirken entspannter. Arbeitskollegen kommen auf
einmal gut miteinander aus, alte Freundschaften werden auf
den Weihnachtsmärkten bei Lebkuchen und dem glühweinischen
All-You-Can-Drink für nur fünf Euronen aufgefrischt. Dass
dabei auch glückliche Ehen zerstört werden können, weil
der Partner auf einmal Wesenszüge annimmt, die man sich
nie im Leben an ihm oder ihr vorstellen konnte, steht auf
einem ganz anderen Blatt.
Es wird also Zeit, besinnlich zu werden und das fast
abgelaufene Jahr Revue passieren zu lassen. Jupp sitzt im
Büro und liest in seiner Mittagspause die aktuelle
Lokalpresse. Verwundert schüttelt er den Kopf. „Ja,
spinnen die den Alle?“ brummelt er leise in seinen nicht
vorhandenen Bart. „Zeit für Besinnlichkeit? Was soll denn
der Scheiß??? Wenn ich zur Ruhe komme, habe ich es hinter
mir. Dann ist alles aus. Nee, nee. Der Dezember ist ein
Monat wie jeder andere auch. Da wird ordentlich geklotzt
und nicht gekleckert.“
Jupp schaut durch die Bürotür, ob die Luft rein ist. Er
klickt sich schnell ins Internet und wählt sich in die
Starterliste des Nikolaus-Duathlon, bei dem er am
kommenden Wochenende die Bankenmetropole rocken wird.
Solange man dort noch rocken kann. Wenn das so weiter
geht, sind dort ja eh bald alle pleite. Gut, wenn das eben
nicht mehr geht, fährt er halt passend zur Jahreszeit
Schlitten mit ihnen.
Bei dem Gedanken an den guten Witz schlägt er sich auf die
Schenkel vor Lachen. Was für ein Brüller. Schlitten
fahren, ahh, der war wirklich gut. Jupp wischt sich eine
Träne aus dem Augenwinkel und sieht sich die Starterliste
für das kommende Wochenende an.
Apropos Träne – von denen stehen jede Menge in der Liste.
Das wird ein leichtes Spiel für ihn werden. Ich werde mich
beim ersten Läufchen ein bisschen zurückhalten, um sie in
Sicherheit zu wiegen, dann mit meinem
Hightech-Carbon-Boliden allen auf und davon zu fahren.
Beim abschließenden Läufchen – was, 2.5 Kilometer nur,
lohnt ja eigentlich nicht – kann er schon einen Glühwein
vorbestellen. Wenigstens bei der Siegesfeier will er sich
der Jahreszeit anpassen.
Was steht da noch??? MTB oder geländetaugliches Rad wird
empfohlen… Aha. Nun, kannste knicken. Ist wohl wirklich
eher eine Kindergartenveranstaltung. Bloß weiß wir ein
wenig über Parkwege fahren, muss man doch nicht gleich mit
Stützrädern auftauchen. Kein Wettkampf ohne mein Baby.
Stylisch muss da schon alles stimmen.
Jupp loggt sich wieder aus und verbringt den Rest des
Tages frohgelaunt. Noch ein wenig tapern für den Rest der
Woche, dann kann ich am Sonntag erneut die Früchte meiner
Arbeit einfahren.
Sonntag früh nach einer wilden Party will Jupp den Wecker
erst einmal aus dem Fenster pfeffern, überlegt es sich
dann aber doch anders und macht sich verkatert, aber doch
gut gelaunt auf den Weg nach Main-City – wo er im übrigen
im kommenden Jahr seinen diesjährigen Erfolg, den ihm sein
Chef vermasselt hat, nachholen wird. Aber dazu natürlich
später mehr.
Am Ort des Geschehens angekommen, sieht er gerade noch,
wie die absoluten Anfänger, äh, sorry, Jedermänner, von
der Radstrecke zum zweiten Lauf wechseln und schaut sich
dieses erbärmliche Treiben an. Die hätten sich ruhig mal
ein sauberes Trikot anziehen können, wenn sie hier schon
einen Pseudo-Wettkampf veranstalten. Dass dies andere
Hintergründe haben könnte, will unserem Hero natürlich mal
wieder nicht in die Birne.
Frohgelaunt stellt sich unser Jupp mit seinem
Carbonboliden in die Schlange zum Einchecken und hält dem
Race Marshall seinen Helm zur Kontrolle hin. Der greift
zwar automatisch zu, kann den fassungslosen Blick aber
nicht von Jupp’s Rakete auf zwei Rädern nehmen. Mit Gewalt
löst er sich aus seiner Erstarrung und versucht
krampfhaft, den nun aufkommenden Lachanfall zu
unterdrücken.
„Sag mal, Kumpel, du weißt schon, dass dies hier eine
Cross-Veranstaltung ist. Und Cross bedeutet: Querfeldein –
Mitten durch die Pampa – Ab ins Gelände!“
„Jau, Meister, das ist mir schon klar. Aber bei dieser
niveaulosen Streckenführung sollte man mal auf dem Teppich
bleiben. Bis dem Matsch klar wird, wer hier kommt, bin ich
schon lange elastisch um die Ecken geflitzt. Antrittspower
ist alles, mein Jung.“ Sprachs und lässt den leicht
hyperventilierenden Kontrolleur und seinen vertrottelten
Kumpel einfach stehen.
Der Rest ist schnell erzählt. Warmmachprogramm wie immer.
Die Socken glühen, Jupp steht mit Siegergrinsen an der
Startlinie. Die Prominenz wird begrüßt. Er wieder nicht,
dafür ein gewisser Loddar Leddar! Kennt den Jemand? Muss
so eine Art Eingeborener sein. Na ja, andere Länder,
andere Sitten. Wäre mir in meiner Heimat nicht passiert.
Drei, Zwei, Eins…Peng!!! Und los geht die wilde Hatz durch
den Stadtpark. Von wegen Cross. So ein paar Pfützen machen
doch noch kein richtiges Rennen aus. Wie ein wilder Büffel
stürmt Jupp den jungen Wilden hinterher. Er spürt ein
komisches Zwicken um sein Körperzentrum herum. Komisch,
vor ein paar Wochen hat sein Einteiler noch tadellos
gesessen, jetzt will ihm das Mistding die Luft rauben. Die
zwei bis drei Kilo Marzipan im Vorfeld des Wettkampfs auf
der Nikolaus-Party gestern zum Carbo-Loading können daran
ja wohl kaum Schuld sein. Oder doch???
Jupp wird aus seinen Gedanken gerissen, weil er um eine
scharfe Kurve im Wald laufen muss und aufgrund seiner
Primaballerina-Schnürlos-Profilarm-Schühchen im
aufgewühlten Matsch seine Bodenhaftung verliert, eine
recht unelegante Luftnummer hinlegt, bevor es ihn der
Länge nach auf den Boden zimmert. „Verdammte Scheiße!“ ist
noch der harmloseste Ausdruck, dem unserem Eiermän über
die Lippen dringen will. Über den Rest hüllen wir mal
lieber den Mantel des Schweigens. Hat ja eh keine Sinn.
Jupp rappelt sich wieder auf und trippelt dem
weitestgehend geschlossenen Feld hinterher.
Lauft nur, ihr Nasen. Habe ich mehr Platz in der
Transitionarea und rolle das Feld von hinten auf. Kaum zu
Ende gedacht, stülpt sich Jupp auch schon seinen Aero-Helm
über die Birne, schnappt sein Bike und legt los. Nach
wenigen Metern schon ist sein Liebling voller bösartigem
Schlamm. Hilfe!!! Das bricht unserem Helden das Herz. Mit
so was hat er ja wirklich nicht gerechnet. Er ist doch
eigentlich viel zu schnell für den Matsch. Was soll er nur
tun???
Abgelenkt von der krankhaften Sorge um sein Baby übersieht
Jupp nach wenigen weiteren alles einschlammenden Metern
eine haarige S-Kurve und fährt einfach gerade aus in den
Wald. Er schafft es irgendwie, an einem plötzlich vor ihm
auftauchenden Baum vorbeizulenken. Mit dem Erfolg, dass
seinem Baby nichts passiert und sicher in einem neben
stehenden Busch landet. Allerdings haut es Jupp erneut in
den Matsch und durch den Schwung versucht er auch gleich
noch, den dumm herumstehenden Baum aus den Angeln zu
heben, was ihm natürlich nicht so wirklich gelingt.
Wie ein Karpfen auf dem Trockenen nach Luft schnappend
richtet sich unser Hero langsam auf, blickt sich um und
stellt erleichtert fest, dass niemand seinen Ausflug
verfolgt hat. „Ist doch ein idealer Zeitpunkt, um sich
strategisch effektiv zurückzuziehen. Ich hätte ja gekonnt,
wenn mich einer davor gewarnt hätte, was hier auf mich
wartet.“
Aber Jupp wäre nicht unser Jupp wenn er nicht sofort dran
denken würde, im nächsten Jahr zurückzukommen und alles
besser zu machen.
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