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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Schlammige Weihnachtsmänner
Dezember 2008 - by Oliver Keck

Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Die Menschen lassen alles ein wenig gemütlicher angehen. Viele wirken entspannter. Arbeitskollegen kommen auf einmal gut miteinander aus, alte Freundschaften werden auf den Weihnachtsmärkten bei Lebkuchen und dem glühweinischen All-You-Can-Drink für nur fünf Euronen aufgefrischt. Dass dabei auch glückliche Ehen zerstört werden können, weil der Partner auf einmal Wesenszüge annimmt, die man sich nie im Leben an ihm oder ihr vorstellen konnte, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Es wird also Zeit, besinnlich zu werden und das fast abgelaufene Jahr Revue passieren zu lassen. Jupp sitzt im Büro und liest in seiner Mittagspause die aktuelle Lokalpresse. Verwundert schüttelt er den Kopf. „Ja, spinnen die den Alle?“ brummelt er leise in seinen nicht vorhandenen Bart. „Zeit für Besinnlichkeit? Was soll denn der Scheiß??? Wenn ich zur Ruhe komme, habe ich es hinter mir. Dann ist alles aus. Nee, nee. Der Dezember ist ein Monat wie jeder andere auch. Da wird ordentlich geklotzt und nicht gekleckert.“

Jupp schaut durch die Bürotür, ob die Luft rein ist. Er klickt sich schnell ins Internet und wählt sich in die Starterliste des Nikolaus-Duathlon, bei dem er am kommenden Wochenende die Bankenmetropole rocken wird. Solange man dort noch rocken kann. Wenn das so weiter geht, sind dort ja eh bald alle pleite. Gut, wenn das eben nicht mehr geht, fährt er halt passend zur Jahreszeit Schlitten mit ihnen.
Bei dem Gedanken an den guten Witz schlägt er sich auf die Schenkel vor Lachen. Was für ein Brüller. Schlitten fahren, ahh, der war wirklich gut. Jupp wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und sieht sich die Starterliste für das kommende Wochenende an.

Apropos Träne – von denen stehen jede Menge in der Liste. Das wird ein leichtes Spiel für ihn werden. Ich werde mich beim ersten Läufchen ein bisschen zurückhalten, um sie in Sicherheit zu wiegen, dann mit meinem Hightech-Carbon-Boliden allen auf und davon zu fahren. Beim abschließenden Läufchen – was, 2.5 Kilometer nur, lohnt ja eigentlich nicht – kann er schon einen Glühwein vorbestellen. Wenigstens bei der Siegesfeier will er sich der Jahreszeit anpassen.

Was steht da noch??? MTB oder geländetaugliches Rad wird empfohlen… Aha. Nun, kannste knicken. Ist wohl wirklich eher eine Kindergartenveranstaltung. Bloß weiß wir ein wenig über Parkwege fahren, muss man doch nicht gleich mit Stützrädern auftauchen. Kein Wettkampf ohne mein Baby. Stylisch muss da schon alles stimmen.

Jupp loggt sich wieder aus und verbringt den Rest des Tages frohgelaunt. Noch ein wenig tapern für den Rest der Woche, dann kann ich am Sonntag erneut die Früchte meiner Arbeit einfahren.

Sonntag früh nach einer wilden Party will Jupp den Wecker erst einmal aus dem Fenster pfeffern, überlegt es sich dann aber doch anders und macht sich verkatert, aber doch gut gelaunt auf den Weg nach Main-City – wo er im übrigen im kommenden Jahr seinen diesjährigen Erfolg, den ihm sein Chef vermasselt hat, nachholen wird. Aber dazu natürlich später mehr.

Am Ort des Geschehens angekommen, sieht er gerade noch, wie die absoluten Anfänger, äh, sorry, Jedermänner, von der Radstrecke zum zweiten Lauf wechseln und schaut sich dieses erbärmliche Treiben an. Die hätten sich ruhig mal ein sauberes Trikot anziehen können, wenn sie hier schon einen Pseudo-Wettkampf veranstalten. Dass dies andere Hintergründe haben könnte, will unserem Hero natürlich mal wieder nicht in die Birne.

Frohgelaunt stellt sich unser Jupp mit seinem Carbonboliden in die Schlange zum Einchecken und hält dem Race Marshall seinen Helm zur Kontrolle hin. Der greift zwar automatisch zu, kann den fassungslosen Blick aber nicht von Jupp’s Rakete auf zwei Rädern nehmen. Mit Gewalt löst er sich aus seiner Erstarrung und versucht krampfhaft, den nun aufkommenden Lachanfall zu unterdrücken.
„Sag mal, Kumpel, du weißt schon, dass dies hier eine Cross-Veranstaltung ist. Und Cross bedeutet: Querfeldein – Mitten durch die Pampa – Ab ins Gelände!“

„Jau, Meister, das ist mir schon klar. Aber bei dieser niveaulosen Streckenführung sollte man mal auf dem Teppich bleiben. Bis dem Matsch klar wird, wer hier kommt, bin ich schon lange elastisch um die Ecken geflitzt. Antrittspower ist alles, mein Jung.“ Sprachs und lässt den leicht hyperventilierenden Kontrolleur und seinen vertrottelten Kumpel einfach stehen.

Der Rest ist schnell erzählt. Warmmachprogramm wie immer. Die Socken glühen, Jupp steht mit Siegergrinsen an der Startlinie. Die Prominenz wird begrüßt. Er wieder nicht, dafür ein gewisser Loddar Leddar! Kennt den Jemand? Muss so eine Art Eingeborener sein. Na ja, andere Länder, andere Sitten. Wäre mir in meiner Heimat nicht passiert.

Drei, Zwei, Eins…Peng!!! Und los geht die wilde Hatz durch den Stadtpark. Von wegen Cross. So ein paar Pfützen machen doch noch kein richtiges Rennen aus. Wie ein wilder Büffel stürmt Jupp den jungen Wilden hinterher. Er spürt ein komisches Zwicken um sein Körperzentrum herum. Komisch, vor ein paar Wochen hat sein Einteiler noch tadellos gesessen, jetzt will ihm das Mistding die Luft rauben. Die zwei bis drei Kilo Marzipan im Vorfeld des Wettkampfs auf der Nikolaus-Party gestern zum Carbo-Loading können daran ja wohl kaum Schuld sein. Oder doch???

Jupp wird aus seinen Gedanken gerissen, weil er um eine scharfe Kurve im Wald laufen muss und aufgrund seiner Primaballerina-Schnürlos-Profilarm-Schühchen im aufgewühlten Matsch seine Bodenhaftung verliert, eine recht unelegante Luftnummer hinlegt, bevor es ihn der Länge nach auf den Boden zimmert. „Verdammte Scheiße!“ ist noch der harmloseste Ausdruck, dem unserem Eiermän über die Lippen dringen will. Über den Rest hüllen wir mal lieber den Mantel des Schweigens. Hat ja eh keine Sinn. Jupp rappelt sich wieder auf und trippelt dem weitestgehend geschlossenen Feld hinterher.

Lauft nur, ihr Nasen. Habe ich mehr Platz in der Transitionarea und rolle das Feld von hinten auf. Kaum zu Ende gedacht, stülpt sich Jupp auch schon seinen Aero-Helm über die Birne, schnappt sein Bike und legt los. Nach wenigen Metern schon ist sein Liebling voller bösartigem Schlamm. Hilfe!!! Das bricht unserem Helden das Herz. Mit so was hat er ja wirklich nicht gerechnet. Er ist doch eigentlich viel zu schnell für den Matsch. Was soll er nur tun???

Abgelenkt von der krankhaften Sorge um sein Baby übersieht Jupp nach wenigen weiteren alles einschlammenden Metern eine haarige S-Kurve und fährt einfach gerade aus in den Wald. Er schafft es irgendwie, an einem plötzlich vor ihm auftauchenden Baum vorbeizulenken. Mit dem Erfolg, dass seinem Baby nichts passiert und sicher in einem neben stehenden Busch landet. Allerdings haut es Jupp erneut in den Matsch und durch den Schwung versucht er auch gleich noch, den dumm herumstehenden Baum aus den Angeln zu heben, was ihm natürlich nicht so wirklich gelingt.

Wie ein Karpfen auf dem Trockenen nach Luft schnappend richtet sich unser Hero langsam auf, blickt sich um und stellt erleichtert fest, dass niemand seinen Ausflug verfolgt hat. „Ist doch ein idealer Zeitpunkt, um sich strategisch effektiv zurückzuziehen. Ich hätte ja gekonnt, wenn mich einer davor gewarnt hätte, was hier auf mich wartet.“

Aber Jupp wäre nicht unser Jupp wenn er nicht sofort dran denken würde, im nächsten Jahr zurückzukommen und alles besser zu machen.

 

 

 

 

 

 

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