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Jupp schaute verwundert auf seinen schicken
Tischkalender an seinem neuen Arbeitsplatz. Mitte Januar.
Gerade hatte er die Heizung abgedreht, weil er spürte, wie
kleine Rinnsale von Schweiß seine gestählte Hühnerbrust
hinab flossen. Er hätte wohl doch sein
Liebslings-Ironman-Finisher-Langarmshirt nicht unter sein
dickes Fleece-Hemd ziehen sollen. Allerdings betonte
letzteres seine Figur, na ja, es trug eher ein wenig dick
auf, aber damit konnte er seine neuen Kollegen
beeindrucken.
Er hatte schon bemerkt, wie sie bewundernd hinter seinem
Rücken über ihn redeten. Na ja, einen Ironman sieht man
eben nicht alle Tage. Er hatte zwar im Intranet schon
gelesen, dass es in der großen Firma in Ludwigshafen
zahlreiche Gleichgesinnte gab, aber er würde den Teufel
tun und sich in diesen Foren melden. Sollten sie doch zu
ihm kommen und ihn bitten, mit ihnen zu trainieren. Sie
konnten vom Meister nur lernen.
Ein kurzes „Pling“ aus den Lautsprechern
neben seinem 22“ TFT riss ihn aus seinen Träumen. Eine
E-Mail von einer ihm noch unbekannten Kollegin.
Interessant. Schnell öffnete er die Mail und grinste still
vor sich hin. Wer sagt’s denn. Es geht schon los. Eine
Sabine lud ihn ein, mit ihrer Trainingsgruppe am
Wochenende eine Radtour zu unternehmen. Nichts wirklich
Großes für einen Extrem-Hardcore-Biker, knapp 3 Stunden
durch den Pfälzer Wald, den man bei diesen
Witterungsbedingungen bei fast 15°C durchaus mit dem
Rennrad befahren konnte.
Samstagnachmittag Punkt 14.00 Uhr rollte
Jupp mit seinem, zumindest als er ihn aus dem Keller
holte, auf Hochglanz polierten Servelat-Renner beim
Treffpunkt ein und sah sich einer ernst dreinblickenden
Horde von mindestens 25 Rennern gegenüber. Keine
Triathleten weit und breit, scheinbar reine Radamateure,
deren Räder der Witterung entsprechend mit Schutzblechen
ausgestattet waren. Er schaute herunter zu seinem schon
mit einer dicken Schlammschicht bedeckten Rahmen. Eine
Frau löste sich aus der Gruppe und kam lässig auf ihn
zugerollt. „Bist du der Jupp.“ „Jau, das will ich meinen.
Wo soll’s denn hingehen? Sag mir einfach das Ziel, ich
fahre dann schon einmal vor und gebe euch Windschatten.“
Sabine verzog ihr Gesicht zu einem, Jupps Meinung nach
unverschämt überheblichem Grinsen. „Danke für das Angebot.
Aber du bist doch fremd hier, oder? Dann hänge dich lieber
mal hinten rein. Außerdem hast du keine Schutzbleche an
deinem…RAD (sie sagte dies in einem Tonfall, dass er sie
am liebsten übers Knie gelegt hätte, immerhin hätte sie
seine Tochter sein können) und die Jungs hier sind da ein
wenig empfindlich bei so einem Wetter.“ Um die
Aussagekraft ihre Worte zu unterstreichen, zeigte sie zu
dem Wolken verhangenen Himmel, aus dem es aus wie aus
Kübeln goss. Jupp folgte mit seinem Blick ihrem
ausgestreckten Zeigefinger, konnte aber Dank seiner
topmodischen,
Black-Strontium-Ganzverspiegelten-Radaranlagen-Brille nur
eine dunkle Masse erkennen. Egal, es gab ja bekanntermaßen
kein schlechtes Wetter.
Die Gruppe fuhr los und er ordnete sich am
Ende des Feldes ein. In Zweierreihen fuhren sie gleich
recht rasant durch das Dorf. Uaah, das wird ja eine
richtige Bummeltour, dachte sich Jupp. Null
Trainingseffekt, ich muss zusehen, dass ich recht schnell
nach vorne komme, um diesen Pennern zu zeigen, wie
Triathleten Rad fahren. Schließlich hat ein bekannter
Profi aus dem Nachbarort bei ihm das Radfahren gelernt.
Kaum ließen sie die letzten Häuserreihen hinter sich,
fuhren sie in eine Windwand aus Windstärke 5. Ha, da
schalte ich doch mal ein wenig dünner, um meine Muskulatur
nicht gleich zu überlasten und warte, bis die Jungs müde
sind, dann fahre ich sie aus den Schuhen. Es blieb aber
erst bei dem Versuch, die Kette rasselte lauthals, wollte
den Schaltbefehl aber partout nicht ausführen. Jupp musste
erst einmal härter Schalten, um dann zwei Schaltschritte
auf einmal auszuführen. Na, also, geht doch. Jupp schaute
wieder vom Schaltwerk auf und sah – nichts. Die Gruppe
hatte mittlerweile eine Distanz von rund 100 m zwischen
ihn gebracht. Augenblicklich spürte er diesen Orkan erst
richtig. Ein Blick auf den Tacho bestätigte ihm das Gefühl
von geschätzten 12 km/h. Jupp hob seinen Hintern aus dem
Sattel, schaltete auf sein 55er Kettenblatt und konnte mit
viel Mühe gerade noch ausklicken, bevor er im Stand
beinahe umgefallen wäre. Sollen sie doch fahren, dachte er
trotzig. Mit diesen bescheuerten, zugedröhnten
Radamateuren kann man doch eh nicht fahren. Da bleibe ich
lieber für mich. Jupp drehte auf der Stelle um und fuhr
zurück nach Hause. Bei dem Rückenwind fühlte er sich wie
Supermann und wenige Minuten später war die peinliche
Situation auch schon wieder vergessen.
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