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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Winter…oder was???
Januar 2008 - by Oliver Keck

Jupp schaute verwundert auf seinen schicken Tischkalender an seinem neuen Arbeitsplatz. Mitte Januar. Gerade hatte er die Heizung abgedreht, weil er spürte, wie kleine Rinnsale von Schweiß seine gestählte Hühnerbrust hinab flossen. Er hätte wohl doch sein Liebslings-Ironman-Finisher-Langarmshirt nicht unter sein dickes Fleece-Hemd ziehen sollen. Allerdings betonte letzteres seine Figur, na ja, es trug eher ein wenig dick auf, aber damit konnte er seine neuen Kollegen beeindrucken.
Er hatte schon bemerkt, wie sie bewundernd hinter seinem Rücken über ihn redeten. Na ja, einen Ironman sieht man eben nicht alle Tage. Er hatte zwar im Intranet schon gelesen, dass es in der großen Firma in Ludwigshafen zahlreiche Gleichgesinnte gab, aber er würde den Teufel tun und sich in diesen Foren melden. Sollten sie doch zu ihm kommen und ihn bitten, mit ihnen zu trainieren. Sie konnten vom Meister nur lernen.

Ein kurzes „Pling“ aus den Lautsprechern neben seinem 22“ TFT riss ihn aus seinen Träumen. Eine E-Mail von einer ihm noch unbekannten Kollegin. Interessant. Schnell öffnete er die Mail und grinste still vor sich hin. Wer sagt’s denn. Es geht schon los. Eine Sabine lud ihn ein, mit ihrer Trainingsgruppe am Wochenende eine Radtour zu unternehmen. Nichts wirklich Großes für einen Extrem-Hardcore-Biker, knapp 3 Stunden durch den Pfälzer Wald, den man bei diesen Witterungsbedingungen bei fast 15°C durchaus mit dem Rennrad befahren konnte.

Samstagnachmittag Punkt 14.00 Uhr rollte Jupp mit seinem, zumindest als er ihn aus dem Keller holte, auf Hochglanz polierten Servelat-Renner beim Treffpunkt ein und sah sich einer ernst dreinblickenden Horde von mindestens 25 Rennern gegenüber. Keine Triathleten weit und breit, scheinbar reine Radamateure, deren Räder der Witterung entsprechend mit Schutzblechen ausgestattet waren. Er schaute herunter zu seinem schon mit einer dicken Schlammschicht bedeckten Rahmen. Eine Frau löste sich aus der Gruppe und kam lässig auf ihn zugerollt. „Bist du der Jupp.“ „Jau, das will ich meinen. Wo soll’s denn hingehen? Sag mir einfach das Ziel, ich fahre dann schon einmal vor und gebe euch Windschatten.“
Sabine verzog ihr Gesicht zu einem, Jupps Meinung nach unverschämt überheblichem Grinsen. „Danke für das Angebot. Aber du bist doch fremd hier, oder? Dann hänge dich lieber mal hinten rein. Außerdem hast du keine Schutzbleche an deinem…RAD (sie sagte dies in einem Tonfall, dass er sie am liebsten übers Knie gelegt hätte, immerhin hätte sie seine Tochter sein können) und die Jungs hier sind da ein wenig empfindlich bei so einem Wetter.“ Um die Aussagekraft ihre Worte zu unterstreichen, zeigte sie zu dem Wolken verhangenen Himmel, aus dem es aus wie aus Kübeln goss. Jupp folgte mit seinem Blick ihrem ausgestreckten Zeigefinger, konnte aber Dank seiner topmodischen, Black-Strontium-Ganzverspiegelten-Radaranlagen-Brille nur eine dunkle Masse erkennen. Egal, es gab ja bekanntermaßen kein schlechtes Wetter.

Die Gruppe fuhr los und er ordnete sich am Ende des Feldes ein. In Zweierreihen fuhren sie gleich recht rasant durch das Dorf. Uaah, das wird ja eine richtige Bummeltour, dachte sich Jupp. Null Trainingseffekt, ich muss zusehen, dass ich recht schnell nach vorne komme, um diesen Pennern zu zeigen, wie Triathleten Rad fahren. Schließlich hat ein bekannter Profi aus dem Nachbarort bei ihm das Radfahren gelernt.
Kaum ließen sie die letzten Häuserreihen hinter sich, fuhren sie in eine Windwand aus Windstärke 5. Ha, da schalte ich doch mal ein wenig dünner, um meine Muskulatur nicht gleich zu überlasten und warte, bis die Jungs müde sind, dann fahre ich sie aus den Schuhen. Es blieb aber erst bei dem Versuch, die Kette rasselte lauthals, wollte den Schaltbefehl aber partout nicht ausführen. Jupp musste erst einmal härter Schalten, um dann zwei Schaltschritte auf einmal auszuführen. Na, also, geht doch. Jupp schaute wieder vom Schaltwerk auf und sah – nichts. Die Gruppe hatte mittlerweile eine Distanz von rund 100 m zwischen ihn gebracht. Augenblicklich spürte er diesen Orkan erst richtig. Ein Blick auf den Tacho bestätigte ihm das Gefühl von geschätzten 12 km/h. Jupp hob seinen Hintern aus dem Sattel, schaltete auf sein 55er Kettenblatt und konnte mit viel Mühe gerade noch ausklicken, bevor er im Stand beinahe umgefallen wäre. Sollen sie doch fahren, dachte er trotzig. Mit diesen bescheuerten, zugedröhnten Radamateuren kann man doch eh nicht fahren. Da bleibe ich lieber für mich. Jupp drehte auf der Stelle um und fuhr zurück nach Hause. Bei dem Rückenwind fühlte er sich wie Supermann und wenige Minuten später war die peinliche Situation auch schon wieder vergessen.

 

 

 

 

 

 

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