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Jupp ist nervös. Er spürt ein Kribbeln. Anders als vor dem
Start eines Eiermän. Das ist ja schon Routine für unseren
Hero, den Quäler sämtlicher High-Tech-Carbon-Fasern und
Zertreter aller Rennsemmeln. Auch die Jahreszeit will
nicht so richtig zu einem Wettkampfgefühl passen, denn wir
nähern uns Mitte November. Also eher der dunklen,
frustrierenden Jahreszeit.
Die allerdings auch ihre Vorzüge hat. Lebkuchen,
Dominosteine, Glühwein…um nur einige wenige zu nennen. Zu
den Nachteilen zählen die nicht übersehbaren Rettungsringe
– ja man muss in Jupps Fall schon im Plural sprechen – um
die Hüften. Was unseren Helden aber nicht weiter stört.
Wie gesagt, dunkle Jahreszeit, Kälte. Nichts, was einen
herausragenden Triathleten dazu bringen würde, seinen
Astralkörper auf der abendlichen Laufrunde zur Schau zu
stellen. Aber man passt sich eben dem Mainstream an, trägt
lange Funktions-Dry-Lite-Laufklamotten und wundert sich,
dass man auf der 23.6 km langen Laufrunde nicht geschwitzt
hat.
Dass dies auch an Jupps bevorzugten Speed von 8:14 min auf
den Kilometer liegen könnte, weißt er bei
Podiumsdiskussionen auf diversen Seminaren einer lokalen
Trainingsagentur stets weit von sich. Diese Jungs hat er
ja gefressen. Meinen es angeblich gut, mit ihrem Klientel.
Dabei sind das alles nur Abzocker – reine Ackermänner.
Ziehen dem hilflosen Triathleten das letzte Geld aus der
Tasche, wo er doch umsonst sein ultimatives Wissen
weitergeben will. Jupp ist schließlich ein herzensguter
Mensch…und Eiermän.
Aber gut, er hat sich das am Wochenende angetan und was
soll er sagen, die haben die eierlegende Woll-Milch-Sau
auch nicht erfunden. Alles olle Kamellen. Da Jupp aber im
Grunde seiner Seele ein herzensguter Mensch ist, hat er
sich dazu herabgelassen, zu dem Sportdirecteur der Agentur
vor Ort zu sprechen und seine Hilfe angeboten. Dieser
zeigte sich schwer beeindruckt von dem Angebot und ordnete
sogleich ein umfangreiches Testprogramm an, um ihn, den
ungeschlagenen König der Altersklasse der Mitte
50-jährigen, sozusagen des goldenen Jahrgangs, auf Herz
und Nieren zu prüfen. Als ob er das nötig hätte. Aber da
wären wir wieder bei dem herzensguten Menschen.
Nach all den – zugegeben – lächerlichen Tests wie 50 m
Delphinschwimmen – wo sollte er schon in der Kürze der
Zeit einen solchen Meeressäuger her bekommen – und einem
Trailrun – die Karte zur Orientierung hat Jupp beleidigt
abgelehnt –war unser Hero Dank der Hilfe eines
Forstmitarbeiters aus der Nachbarstadt seiner noch recht
neuen Heimat auch rechtzeitig zum Abschieds-Kaffee wieder
beim Seminar. Es erstaunte ihn dann aber doch, dass sie
ihn nicht sofort mit Kusshand nahmen, sondern ihm in den
nächsten Tagen eine Nachricht zukommen lassen wollten.
Banausen.
Aber der wahre Grund für seine Nervosität ist ein anderer.
11.11. und gleich dazu 11.11 Uhr – was will der gebürtige
Rheinländer mehr als den Beginn der fünften, alles
entscheidenden Jahreszeit kräftig zu feiern. Die Kollegen
in seiner Firma mit den vier großen Buchstaben schauen ihn
zwar alle an, wie eine Kuh, wenn’s blitzt, als er heftig
in eine Tröte blasend und laut „Hellau“ schreiend
pünktlich auf die Sekunde aus seinem Büro stürmt. Er wird
sich diese verkrampften Pfälzer schon noch zurechtbiegen.
Banausen.
Jupp will gerade die kesse Blondine aus dem Controlling zu
einer Blankenese auffordern, als die Tür zum
Allerheiligsten aufgerissen wird.
„Meier, sofort zu mir.“ Die Tür fährt gewaltig krachend
ins Schloss, so dass sich alle im Umkreis von 30 Metern
fragen, wie groß wohl das Ausmaß der gefühlten Detonation
gewesen wäre, hätte man bei ihrer Anbringung auf den
schallschluckenden Lederbezug verzichtet. Alle drehen sich
zu Jupp und starren ihn an. Jupp ist es gewohnt im
Rampenlicht zu stehen, aber das ist selbst ihm ein wenig
zu viel Aufmerksamkeit. Als er das hämische Grinsen in
immer mehr Gesichtern erkennt, passt sich der Großteil
seiner Gesichtsfarbe seiner überdimensional großen
Pappnase an.
„Was ist, Leute? Seit ihr noch nie zum Chef gerufen
worden? Ich bin jetzt seit einigen Monaten hier und es
wird Zeit für eine spürbare Verbesserung und Anerkennung
meiner guten Leistungen. Also, noch Fragen???“
Jupp schreitet so würdevoll als möglich durch das
Großraumbüro Richtung Sekretariat. Der Vorzimmerdrachen
erwartet ihn schon mit strengem Blick.
„Mensch Meier. Ich habe Ihnen ja nie über den Weg getraut,
aber dass Sie so daneben sind, hätte selbst ich nicht
erwartet.“
Klar, du vertrocknete Ziege, denkt unser Hero, was soll
man von dir auch schon erwarten. Keinen Blick fürs
Wesentliche. Keiner hier von euch Banausen. Aber spottet
ihr nur, meine Zeit wird kommen.
Und während er durch die Tür schreitet und sich der
grenzenlosen Wut seines Chefs aussetzt – womit ein
weiterer Vorteil der Isolierung geklärt wäre – beginnt
Jupp erneut zu Träumen. Dieses Mal wieder vom Eiermän, der
ihn ans Ziel seiner Träume bringen wird…dem
unangefochtenen Champ von Hawaii.
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