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Fasziniert starrt Jupp auf den Bildschirm. Es ist August,
die heiße Vorbereitungsphase für seinen Überraschungscoup
bei der berühmt-berüchtigten Kurzdistanz im Bundesland des
Äppelwois Ende des Monats sind abgeschlossen. Der clevere
Athlet – personifiziert als Jupp, der Schrecken aller
Altersklassen-Heroen – kennt sich natürlich aus und
tapert. Zuhause, auf der Couch, mit Chips und Bier
bewaffnet und schaut sich die Zusammenfassung der
Olympischen Schwimmwettbewerbe an.
Live kann er die Entscheidungen natürlich nicht verfolgen
– wie auch, zu Nacht schlafender Zeit, wenn sich der
geschundene Athletenkörper von den 20 x 5 min
Laufintervallen des Vortages erholen muss. Kaum ein
anderer wie Jupp ist in die Tiefen der Trainingslehren
vorgedrungen auf der Suche nach den ultimativen
Erkenntnissen. Aus den unendlichen Weiten…halt, stopp,
Entschuldigung – das war ja eine andere Geschichte.
Jedenfalls lümmelt Jupp auf seiner Couch und sieht, wie so
ein amerikanischer Lümmel in so einem lächerlichen
Strampelanzug mit Sternen und Streifen durchs Wasser
prügelt. Eigentlich gleitet er ja durchs nasse Element,
als sei er darin geboren und hätte Probleme, sich aufrecht
an Land fortzubewegen. Aber so etwas kann Jupp natürlich
nicht zugeben. Nicht einmal gegenüber seiner Katze, die
durch sein angeschältes Grummeln immer wieder aus dem
Schlaf gerissen wird.
Jupp kann diesen ganzen Hype um diesen hässlichen Ami
nicht nachvollziehen. Dem jubeln die Frauen zu? Unfassbar.
Der besteht doch nur aus Haut und Knochen. Und das
bisschen Schwimmen kann doch wirklich jeder. Für Jupp wird
schnell klar: er muss den ultimativen Beweis erbringen,
dass dieses angeblich formvollendete Rumgewackel im
Planschbecken nichts ist, womit man Super-Jupp auch nur
die Bohne beeindrucken könnte.
Da fällt ihm siedendheiß ein, dass der Schwimmverein, dem
er sich hier angeschlossen hat und dessen Aushängeschild
er nach wenigen Monaten schon geworden ist, alljährlich
einen Wettbewerb für die Altersklassen ab 20 veranstaltet.
Und wenn er sich recht erinnert, wird dies kommendes
Wochenende sein. Schnell das Internet befragt, richtig,
kommenden Samstag. Gut, er hat eh nichts vor, warum dann
nicht einfach einen neuen Weltrekord in der AK50
aufstellen. Oder besser noch eine Zeit für die Ewigkeit.
Mal schauen, denkt der Gute, was die so anbieten…50 m
Freistil, nee, dafür ziehe ich die Badehose nicht an…ahh,
da, na ja, wenigstens 100 m Freistil bieten sie an. Besser
als nix. Jupp hängt den Hörer aus und klärt alle
Formalitäten mit dem Trainer. Den beinahe flehentlichen
Unterton bei der Rückfrage, ob er wirklich sicher sei,
fällt Jupp gar nicht weiter auf.
„Natürlich, Chris, was denkst du denn??? Ich bin momentan
so was von in Form. Ha. Ihr könnt froh sein, wenn noch
Wasser im Becken ist, nachdem ich da durchgepflügt bin!
Was??? Ja, klar. AK50. Kannst den anderen Gurken sagen,
dass sie sich ihr Benzingeld sparen können. Wie??? Ja geht
klar, komme pünktlich. Bis Samstag…“ Jupp legt auf und
strahlt wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. Ha, denkt
er sich, das wird was geben. Ein Gemetzel.
Und erneut wird sich zeigen, wie Recht der gute Jupp mal
wieder hat.
Samstagabend trifft Jupp pünktlich am Freibad ein. In
seiner Tasche neben der klassischen Badehose – sollte für
die Pfeifen ja genügen – auch seine neue Geheimwaffe. Nö,
kein Speedy LCD GAnzkörperkondom, was viel besseres: ein
aus feinstem, hauchdünn geschnittenen Neopren gefertigter
Shorty, mit dem schon der zweitbeste Athlet nach ihm im
Pazifik geschwommen ist und alle seine Mitstreiter vor
zwei Jahren verblüfft hat. Nur eben ein noch besseres
Update, absolut bug-frei im Gegensatz zu mancher Software
eines großen Verkaufshauses jenseits des großen Teiches.
Jupp hat das Teil nur zur Zierde dabei. Zum einen braucht
er für die lächerliche Konkurrenz nur eine Badehose, zum
anderen ist der Anzug viel zu Schade, um ihn dem
schädlichen Chlorwasser auszusetzen. Vielleicht, aber
wirklich nur vielleicht, wenn es nachher kurz vor 22.00
Uhr ein wenig frischer geworden ist, zieht er ihn
vielleicht doch an. Der Wärme und nicht des Rekords wegen.
Den packt er auch so.
Als Jupp durch den Eingang schlendert, sieht er die an die
Wand getackerte Meldeliste. Ah, denkt er sich, da wollen
wir doch mal einen Blick auf meine Opfer werfen. Jupp
blickt gelangweilt auf die Listen, fährt mit dem Finger
daran entlang, um seine Altersklasse zu suchen und
erstarrt. Er wischt sich über die Augen und starrt
nochmals völlig fassungslos auf die Liste. OK, denkt er
sich, Badehose pur hat sich erledigt. Die Ansage von
1:03,54 min von einem Olek Irgendwie sind ein Brett. Das
wird schwer, das weiß auch Jupp.
Der Wettkampf nimmt seinen Lauf und ehe Jupp es sich
versieht, muss er sich schon warm machen. Wie befürchtet
wird es empfindlich kühl, wir erinnern uns, dass wir
August haben, aber der Wettergott das irgendwie
verwechselt hat, aber so hat Jupp wenigstens eine Ausrede.
Da, der Aufruf zum Start. Jupp zwängt sich, wie er es bei
Olympia gesehen hat, in seine perfekt sitzende zweite
Haut. Dank seiner Badekappe, die er schon einmal
aufgezogen hat, hört Jupp das Gekicher der drei jungen
Damen hinter ihm am Beckenrand nicht. Während im TV die
Figuren der Schwimmer in den Anzügen gottgleichen Statuen
herüberkommen, erinnert seine Figur eher an die einer
Birne. Nun dringt doch Gemurmel durch das Gummi über
seinem schütteren Haupthaar und er dreht sich um und
blickt in ausdruckslose Gesichter, die irgendwo am
Horizont schräg über ihm im Nachthimmel einen imaginären
Punkt fixieren. Der Wettkampfrichter scheint irgendwelche
Schmerzen zu haben, so grimassenhaft wie er das Gesicht
verzieht. Lusche, denkt Jupp, steht da mit langer Hose und
Pullover und pienst wegen dem bisschen Kälte.
Ein Pfiff ertönt und Jupp steigt auf den Startblock. Das
Kommando kommt und Jupp stößt sich mit aller Kraft vom
Startblock ab. Leider rutscht er auf der nassen Unterlage
aus und fällt kopfüber ins Wasser. Als er prustend wieder
auftaucht, richtet er flugs seine verrutschte
Schwimmbrille und jagt der Konkurrenz mit heftig rudernden
Armbewegungen hinterher. Beinschlag – ja, da war etwas,
aber das lässt Jupp lieber, braucht er nicht. Nach
ungefähr 35 m wundert sich Jupp, wo auf einmal die ganzen
Wellen her kommen. Er ahnt nicht, dass diese Wellen ihm
eigentlich signalisieren, dass seine Gegner schon auf dem
Rückweg sind. Jupp verzichtet auf eine Rollwende, da er
zeitlich genug Spielraum hat, um sich auf eine klassische
Kippwende einzulassen.
Leider hat er vergessen, dass er Beckenrand mit einem
Gitter erhöht wurde, wie es bei Schwimmwettkämpfen eben
üblich ist. Irgendwie packt er es doch und macht sich auf
den Rückweg. Durch seine leicht beschlagene Brille sieht
Jupp nur noch stilles Wasser rechts und links. Na also,
wer sagt’s denn. Frohgelaunt macht sich Jupp auf den
Rückweg. Nach rasend schnell absolvierten zweiten 50 m
schlägt Jupp am Becken an. Jupp reißt sich die Brille vom
Kopf und blickt in das verärgerte Gesicht der
Zeitnehmerin. „Ach, auch schon da? Los, kommen Sie schon
aus dem Becken. Die anderen sind längst in der Pause und
mir ist auch kalt.“
Schwups dreht sie sich um und lässt einen verständnislosen
Jupp im Becken zurück…
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