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Jupp blickt verzweifelt auf den Kalender und stellt fest,
dass schon der Monat August angebrochen ist. Der Monat,
der sich durch beständigen Sonnenschein über mindestens
zehn Stunden am Tag an wiederum sieben Tagen in der Woche
bei rund 30° Celsius auszeichnet.
Jupp hat irgendwann davon gelesen, so wirklich erinnern
kann er sich hingegen nicht mehr. Vielleicht gibt es ein
Land auf diesem unseren Planeten, denkt sich Jupp, aber
Deutschland gehört wohl definitiv nicht dazu. Kaum ist es
mal einen Tag trocken, sonnig und heiß, muss man an den
folgenden Tagen damit rechnen, beim Training auf dem Grill
der Götter zu landen.
Wirklich schlimm, wie soll sich der gemeine Triathlet da
nur auf die erfolgreichen Endspurt einer gnadenlos guten
Saison vorbereiten. Pfff, denkt Jupp, was interessiert
mich der gemeine Triathlet.
Nachdem ich dank meines Chefs dieses Jahr nicht bei meinem
geplanten Saisonhöhepunkt werde starten können, ist eine
sinnvolle Alternative zu suchen. Ich hoffe nur für ihn,
dass mein Rekord in der Altersklasse, den ich mir für
dieses Jahr vorgenommen habe, nicht geknackt wird. Sonst
lernt der Alte mich wirklich einmal kennen.
Jupp hat sich bei Kollegen in seiner nicht mehr ganz so
neuen Firma mit den vier großen Buchstaben umgehört und
erzählt bekommen, dass es einen Kurzstreckentriathlon in
Viernheim Ende August gibt. Flaches Schwimmen, flache
Laufstrecke, aber dazwischen, mein Gott, eine Radstrecke
durch den Odenwald, die für Normalsterbliche ein schier
unüberwindbares Hindernis darstellt.
Da war ja schon wieder dieser dämliche Begriff –
Normalsterblich!!! Verächtlich hat Jupp seinen Kollegen
mit eiskalten Blicken zu verstehen gegeben, dass für ihn
andere Maßstäbe gelten. Zurück an seinem Arbeitsplatz, hat
er erst einmal das große weite um den Globus gesponnene
Netz über diesen ach so wunderbaren Triathlon befragt.
Die Homepage des ausrichtenden Vereins ist sehr
informativ. Na, wenigstens keine Dilettanten, geht es ihm
durch den Kopf, als er den Button „Radstrecke“ anklickt.
Auf einem Video fährt Jupp nun virtuell die Strecke durch
den Odenwald ab und kann danach kaum noch an sich halten
vor lauter Lachen.
Mein Gott, was Weicheier, diese Maulwurfshügel drücke ich
doch mit dem großen Blatt nieder. Abgehakt. Laufen – auch
abgehakt. Brettflacher Kurs! Bleibt das Schwimmen. Im See.
OK, da muss selbst ich noch was tun. Also ab, heute nach
Feierabend an den Baggersee meiner Wahl. Den Astralkörper
in den Neo gepresst – wie, wahrscheinlich Neo-Verbot am
Wettkampftag??? Vergiss es, wenn Jupp kommt, werden die es
nicht wagen, so eine Blasphemie zu begehen.
Wo war ich??? Ach ja, Astralkörper in den Neo und dann die
Mädels beeindruckt…kann’s kaum noch abwarten.
Endlich Feierabend, im Laufschritt aus der Firma und
schwuppdiwupp am Baggersee. Das Wetter hält gerade noch
so. Einteiler an, schön die Luft anhalten und den
Schwimmring um die Hüften Richtung obere Hälfte des
Oberkörpers ziehen. Jetzt den Neo an, erst die Beine, dann
den Rest und nach gefühlten fünf Minuten wieder ausatmen.
So, jetzt nur noch zumachen.
Nach ungefähr fünfzehn Minuten gibt Jupp das Unterfangen
schweißgebadet auf. Er wendet sich an ein blondes Gerät,
das nebenan auf einem Handtuch amüsiert zugesehen hat und
bittet sie, ihm den Reisverschluss zu schließen. Sie
grinst ihn unverschämt an und meint: „Klar, Opi, mache ich
gerne. Aber bist du sicher, dass das Ding nicht platzt.
Schein ja ganz schön zu spannen um die Hüften.“ Jupp
ignoriert ihr unverschämt, dämliches Grinsen, grummelt
etwas wie „des g’hört so“ und bedankt sich übertrieben
freundlich und stakst ins Wasser. Blöde blonde Zicke,
denkt er sich, die gehört mal so richtig… (das darf man
hier jetzt nicht schreiben!!!).
Schwimmbrille auf und los geht’s. Elegant wie einst
Flipper – hach, das waren noch Zeiten – gleitet Jupp durch
die Fluten und muss erst einmal anhalten, weil seine
Brille total beschlagen ist. Zu seiner Verwunderung hat er
noch immer Boden unter den Füßen. Verdammt flach hier,
wundert er sich dreht sich um und ist gerade mal 3.5 m von
der Stelle entfernt, von der aus er vor knapp zwei Minuten
mit einem eleganten Kopfsprung sein unwiderstehliches
Workout eingeleitet hat.
Okay, den Durchblick wieder hergestellt und los geht’s.
Elegant wie einst Flipper – halt das steht ja schon ein
paar Zeilen weiter oben – und wird durch ständiges
Wiederholen auch nicht wahrheitsgemäßer. Jupp drischt mit
wild schlagenden Armen auf die Wasseroberfläche ein, ruckt
heftig mit dem Kopf von einer Seite zur anderen und
vollführt mit seinen wie ein Fremdkörper hinterher
gezogenen Beinen die Bewegung einer Wasserschlange. Nur
eben nicht so schnell wie dieses Reptil.
Jupp wird eins mit dem nassen Element und verliert sein
Gespür für die Zeit. In Windeseile kommt er am
gegenüberliegenden Ufer an und macht sich schon bereit,
nach einer Blitzwende unmittelbar wieder an Fahrt
aufzunehmen, als er einen Schatten unter sich wahrnimmt.
Im Bruchteil einer Sekunde später hat er das Gefühl, dass
er seine wild und hektisch schlagende Pumpe beim Ausatmen
ins Wasser spuckt. Er spürt, wie es an seinen Beinen
schlagartig wärmer wird. Jupp zuckt zurück und reißt den
Kopf aus dem Wasser. Heftig prustend versucht er, trotz
der geschätzten fünf Liter Wasser, die er soeben
verschluckt hat, um Hilfe zu rufen, da sein Leben wirklich
akut von einem ALIEN aus der Tiefe bedroht ist. Da braucht
selbst ein Eiermän mal Hilfe. Der Versuch ist natürlich
zum kläglichen Scheitern verurteilt. Von einem heftigen
Hustenanfall geschüttelt, zuckt Jupps Kopf erneut unter
die Wasseroberfläche und da sieht er den ALIEN langsam und
träge davonschwimmen. Kein Namensschild ist zu sehen, aber
Jupp kennt auch so sofort seinen Namen: Cyprinus carpio
Linnaeus, dem gemeinen Volk (nicht schon wieder…) auch als
Spiegelkarpfen bekannt, taucht in aller Seelenruhe wieder
Richtung Boden des Baggersees ab. Jupp ist sicher, könnte
er nun den Kopf des Fisches sehen, würde ein Lächeln sein
kaltes Maul umspielen und in seinen Augen könnte er lesen:
„was ist denn das für ein Trottel, der versucht schnell zu
schwimmen.“
Aber glücklicherweise sieht er ihn nur von hinten. Jupp
streckt erneut den Kopf aus dem Wasser, schaut sich um.
Keine Menschenseele weit und breit. Noch einmal Glück
gehabt. Er paddelt die wenigen Meter zum Ufer wie ein Hund
und nur langsam beruhigt sich sein heftig gehender Atem.
Schwimmen im See ist extrem gefährlich, so viel steht
fest. Vielleicht sollte er den Triathlon in Viernheim dann
doch nicht so auf die leichte Schulter nehmen.
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