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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Die Gefahr, die aus der Tiefe kam…
August 2008 - by Oliver Keck

Jupp blickt verzweifelt auf den Kalender und stellt fest, dass schon der Monat August angebrochen ist. Der Monat, der sich durch beständigen Sonnenschein über mindestens zehn Stunden am Tag an wiederum sieben Tagen in der Woche bei rund 30° Celsius auszeichnet.
Jupp hat irgendwann davon gelesen, so wirklich erinnern kann er sich hingegen nicht mehr. Vielleicht gibt es ein Land auf diesem unseren Planeten, denkt sich Jupp, aber Deutschland gehört wohl definitiv nicht dazu. Kaum ist es mal einen Tag trocken, sonnig und heiß, muss man an den folgenden Tagen damit rechnen, beim Training auf dem Grill der Götter zu landen.

Wirklich schlimm, wie soll sich der gemeine Triathlet da nur auf die erfolgreichen Endspurt einer gnadenlos guten Saison vorbereiten. Pfff, denkt Jupp, was interessiert mich der gemeine Triathlet.
Nachdem ich dank meines Chefs dieses Jahr nicht bei meinem geplanten Saisonhöhepunkt werde starten können, ist eine sinnvolle Alternative zu suchen. Ich hoffe nur für ihn, dass mein Rekord in der Altersklasse, den ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, nicht geknackt wird. Sonst lernt der Alte mich wirklich einmal kennen.

Jupp hat sich bei Kollegen in seiner nicht mehr ganz so neuen Firma mit den vier großen Buchstaben umgehört und erzählt bekommen, dass es einen Kurzstreckentriathlon in Viernheim Ende August gibt. Flaches Schwimmen, flache Laufstrecke, aber dazwischen, mein Gott, eine Radstrecke durch den Odenwald, die für Normalsterbliche ein schier unüberwindbares Hindernis darstellt.

Da war ja schon wieder dieser dämliche Begriff – Normalsterblich!!! Verächtlich hat Jupp seinen Kollegen mit eiskalten Blicken zu verstehen gegeben, dass für ihn andere Maßstäbe gelten. Zurück an seinem Arbeitsplatz, hat er erst einmal das große weite um den Globus gesponnene Netz über diesen ach so wunderbaren Triathlon befragt.

Die Homepage des ausrichtenden Vereins ist sehr informativ. Na, wenigstens keine Dilettanten, geht es ihm durch den Kopf, als er den Button „Radstrecke“ anklickt. Auf einem Video fährt Jupp nun virtuell die Strecke durch den Odenwald ab und kann danach kaum noch an sich halten vor lauter Lachen.

Mein Gott, was Weicheier, diese Maulwurfshügel drücke ich doch mit dem großen Blatt nieder. Abgehakt. Laufen – auch abgehakt. Brettflacher Kurs! Bleibt das Schwimmen. Im See. OK, da muss selbst ich noch was tun. Also ab, heute nach Feierabend an den Baggersee meiner Wahl. Den Astralkörper in den Neo gepresst – wie, wahrscheinlich Neo-Verbot am Wettkampftag??? Vergiss es, wenn Jupp kommt, werden die es nicht wagen, so eine Blasphemie zu begehen.
Wo war ich??? Ach ja, Astralkörper in den Neo und dann die Mädels beeindruckt…kann’s kaum noch abwarten.

Endlich Feierabend, im Laufschritt aus der Firma und schwuppdiwupp am Baggersee. Das Wetter hält gerade noch so. Einteiler an, schön die Luft anhalten und den Schwimmring um die Hüften Richtung obere Hälfte des Oberkörpers ziehen. Jetzt den Neo an, erst die Beine, dann den Rest und nach gefühlten fünf Minuten wieder ausatmen. So, jetzt nur noch zumachen.
Nach ungefähr fünfzehn Minuten gibt Jupp das Unterfangen schweißgebadet auf. Er wendet sich an ein blondes Gerät, das nebenan auf einem Handtuch amüsiert zugesehen hat und bittet sie, ihm den Reisverschluss zu schließen. Sie grinst ihn unverschämt an und meint: „Klar, Opi, mache ich gerne. Aber bist du sicher, dass das Ding nicht platzt. Schein ja ganz schön zu spannen um die Hüften.“ Jupp ignoriert ihr unverschämt, dämliches Grinsen, grummelt etwas wie „des g’hört so“ und bedankt sich übertrieben freundlich und stakst ins Wasser. Blöde blonde Zicke, denkt er sich, die gehört mal so richtig… (das darf man hier jetzt nicht schreiben!!!).

Schwimmbrille auf und los geht’s. Elegant wie einst Flipper – hach, das waren noch Zeiten – gleitet Jupp durch die Fluten und muss erst einmal anhalten, weil seine Brille total beschlagen ist. Zu seiner Verwunderung hat er noch immer Boden unter den Füßen. Verdammt flach hier, wundert er sich dreht sich um und ist gerade mal 3.5 m von der Stelle entfernt, von der aus er vor knapp zwei Minuten mit einem eleganten Kopfsprung sein unwiderstehliches Workout eingeleitet hat.

Okay, den Durchblick wieder hergestellt und los geht’s. Elegant wie einst Flipper – halt das steht ja schon ein paar Zeilen weiter oben – und wird durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrheitsgemäßer. Jupp drischt mit wild schlagenden Armen auf die Wasseroberfläche ein, ruckt heftig mit dem Kopf von einer Seite zur anderen und vollführt mit seinen wie ein Fremdkörper hinterher gezogenen Beinen die Bewegung einer Wasserschlange. Nur eben nicht so schnell wie dieses Reptil.

Jupp wird eins mit dem nassen Element und verliert sein Gespür für die Zeit. In Windeseile kommt er am gegenüberliegenden Ufer an und macht sich schon bereit, nach einer Blitzwende unmittelbar wieder an Fahrt aufzunehmen, als er einen Schatten unter sich wahrnimmt. Im Bruchteil einer Sekunde später hat er das Gefühl, dass er seine wild und hektisch schlagende Pumpe beim Ausatmen ins Wasser spuckt. Er spürt, wie es an seinen Beinen schlagartig wärmer wird. Jupp zuckt zurück und reißt den Kopf aus dem Wasser. Heftig prustend versucht er, trotz der geschätzten fünf Liter Wasser, die er soeben verschluckt hat, um Hilfe zu rufen, da sein Leben wirklich akut von einem ALIEN aus der Tiefe bedroht ist. Da braucht selbst ein Eiermän mal Hilfe. Der Versuch ist natürlich zum kläglichen Scheitern verurteilt. Von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt, zuckt Jupps Kopf erneut unter die Wasseroberfläche und da sieht er den ALIEN langsam und träge davonschwimmen. Kein Namensschild ist zu sehen, aber Jupp kennt auch so sofort seinen Namen: Cyprinus carpio Linnaeus, dem gemeinen Volk (nicht schon wieder…) auch als Spiegelkarpfen bekannt, taucht in aller Seelenruhe wieder Richtung Boden des Baggersees ab. Jupp ist sicher, könnte er nun den Kopf des Fisches sehen, würde ein Lächeln sein kaltes Maul umspielen und in seinen Augen könnte er lesen: „was ist denn das für ein Trottel, der versucht schnell zu schwimmen.“

Aber glücklicherweise sieht er ihn nur von hinten. Jupp streckt erneut den Kopf aus dem Wasser, schaut sich um. Keine Menschenseele weit und breit. Noch einmal Glück gehabt. Er paddelt die wenigen Meter zum Ufer wie ein Hund und nur langsam beruhigt sich sein heftig gehender Atem. Schwimmen im See ist extrem gefährlich, so viel steht fest. Vielleicht sollte er den Triathlon in Viernheim dann doch nicht so auf die leichte Schulter nehmen.

 

 

 

 

 

 

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