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Es ist vollbracht – im wahrsten Sinne des
Wortes – die Bodensee-Challenge 2006 und Jupps
Triathlonsaisonfinale auch. Er kam als Hero, der den
Rookies und dem Rest der dreikämpfenden Weltgemeinde
beweisen wollte, aus welchem Holz er geschnitzt oder
besser aus welchem Stahl er geschmiedet ist.
Alles hatte gut angefangen und stand unter
einem guten Stern – genau so, wie Jupp seinen Triumph
geplant hatte. In Roth hatte er Anfang Juli, beflügelt vom
Elan von Klinsis Buben, seine bisherige Bestzeit auf
unvorstellbare 12:15:47 Stunden verbessert. Seine
Trainingsresultate der letzten Wochen ließen keine Zweifel
zu: er näherte sich der absoluten Top-Form. Am Wochenende
vor der Challenge lief er beim seinem letzten
Wettkampftest beim Pulheimer Volkslauf über 10 km glatte
46 Minuten – bei einem von seinem Polar 725i ermittelten
Durchschnittpuls von 187 blieb da kein Auge trocken. Gut,
Herbert war diesmal mit Bestzeit drei Minuten vor ihm im
Ziel, aber der hatte ja nur kurze Sachen gemacht, während
er richtig trainiert hatte: richtige Trainingseinheiten
für richtige Männer mit jenseits der 200 km auf dem Rad
und jenseits der 35 km zu Fuß. Deshalb konnte ihn Herberts
offensichtlicher Zufallstreffer nicht wirklich
beunruhigen, auch wenn der diesen Triumph natürlich
auskostete und abends kurzfristig eine Grillparty
ausrichtete. Doch Jupp rückte die Verhältnisse wieder
gerade. Er parkte seinen Jeep Cherokee prominent vor der
Einfahrt seines Nachbarn Herbert, philosophierte stolz im
Finisher-Shirt von Roth über die Herausforderung eines
Ironman im Vergleich zu einem 10km-Lauf und alle
eingeladenen Frauen hatten natürlich nur Augen für ihn.
Die Woche vor dem Schweizer Megaevent hatte
er richtig getapert. Nun gut, er hatte sich auch noch eine
letzte Überprüfung seiner Form verordnet. Das Gewissen
will beruhigt und das Selbstvertrauen will gestärkt sein.
Montags nach dem Pulheimer Lauf checkte Jupp seine
Schwimmform. Wegen der wettkampfnahen Bedingungen sprang
er einfach in Fühlingen auf die Regatta-Bahn und schwamm
einmal hin und zurück. Sehr zum Missfallen der Ruderer,
die dort trainierten, aber einen echten Eisenmann bringt
nichts von seinem Weg ab. Die 4 km taten schon ein wenig
weh, aber eben nur in den Armen. Von daher sprach nichts
dagegen, am Dienstag einen „Submax-Test“ über 150 km auf
dem Carbonboliden im Bergischen Land zu unternehmen. Das
Wetter spielte mit und bei knapp 30 Grad im Schatten
fühlte sich unser Jupp wie Ulle zu seinen besten Zeiten.
Mit viel Druck wuchtete er sich die Anstiege hinauf und
tat das heftige Piepsen seines Pulsers als eine Störung in
der Elektronik ab. Mittwoch dann noch flugs ein lockerer
Long-Jog über 32 km im 7er-Schnitt – ganz locker eben. Ja,
Jupp fühlte sich wirklich gut und war bereit, den Rookies
im direkten Vergleich zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Locker wollte er ihnen beim Überrunden die
hang-loose-Faust zeigen. Er übte nach jedem Lauftraining
auf der Straße vor seinem Haus seinen triumphalen
Zielsprung und lies sich schnell noch die Sponsorenlogos
auf den Custom-Made-Einteiler drucken, den er sich passend
zum Aerbrush-Design seines Rennboliden hatte anfertigen
lassen. Schon das Einchecken sollte seinen Gegnern weiche
Knie bereiten und seinen Anspruch untermalen, im Fokus des
Medieninteresses zu stehen. Schließlich war er es, der die
Rookies bei ihren ersten Schritten in der Höhle des Löwen
begleiten würde.
Den Rest der Woche hing Jupp nur noch faul
zu Hause rum und ging seiner holden Claudia auf die
Nerven. Irgendwie nervte ihn alles, selbst das Bier
schmeckte nicht mehr. Ob das damit zusammenhing, dass er
nachts kaum schlafen konnte, weil in seinen Ohren ständig
ein komisches Hämmern wahrzunehmen war? Außerdem hatte er
durch die erstmals ausprobierte Saltin-Diät etwas
Verdauungsprobleme bekommen. Hmm, wohl eher nicht. Das war
sicher die Aufregung, die er immer noch vor den großen
Events verspürte. War ja aber auch verständlich, wenn er
in wenigen Tagen ins Licht der Schweizer Öffentlichkeit
rücken würde.
Samstags ließ er sich von Claudia in die
Schweiz in ihr wunderschönes Domizil chauffieren.
Wunderschön in der Nähe des Startareals gelegen. Hier
wollten sie nach all den Strapazen noch eine Woche Urlaub
dranhängen. Der Tag verging wie im Flug. Jupp kümmerte
sich nochmals um die Rookies, die seinen guten Ratschlägen
ziemlich reserviert gegenüberstanden. Arrogantes Pack,
dachte sich Jupp, nur weil ihnen ein paar ehemalige
Möchtegern-Athleten, die sich jetzt für kompetente Trainer
halten, ein paar Weisheiten mit auf den Weg gegeben
hatten, glaubten sie ernsthaft, an seinem reichhaltigen
Erfahrungsschatz nicht partizipieren zu müssen. Würden
schon sehen, was sie davon hatten.
Und tatsächlich gingen den Rookies im Laufe
des Wettkampftags die Augen auf und sie wussten, dass ihr
Weg der richtige gewesen war. Jupp hingegen sah ein, dass
„sein Weg kein leichter sein“ würde – der WM-Song Xavier
Naidoos lässt grüßen. Es ging nichts, überhaupt nichts.
Schon beim Schwimmen, das er siegessicher aus der ersten
Reihe begonnen hatte, waren alle gnadenlos über ihn drüber
geglitten. Noch nie war er so verprügelt worden, noch nie
war es so schwer, sein Atemloch an der Wasseroberfläche zu
verteidigen. Eine Minute vor Ende der erlaubten
Schwimmzeit, erreichte Jupp die Wechselzone und wankte zu
seinem Boliden. War nicht schwer zu finden, das gute
Stück, stand es doch einsam und verlassen im
Wechselgarten. Neo aus, Aerohelm und Brille auf –
tausendfach im Training geübt – Rad geschnappt und nach
knapp drei Minuten losgespurtet. Wenigstens das klappte
wie es eines echten Siegers würdig ist, das Publikum tobte
und lag ihm zu Füßen. Nun, auf der Schwimmstrecke kann man
nicht so viel Zeit verlieren, dass man die nicht auf der
Radstrecke wieder aufholen kann, dachte er sich. Am
Wechselbalken kurz gestoppt, bereit, seinen in den
schrillen Einteiler gehüllten Körper über Sattel und
Oberrohr zu wuchten. Da stoppt ihn der Pfiff eines Race
Marshalls. Unfassbar. In der Hektik hatte er seinen Helm
falsch herum aufgesetzt, kann passieren, weiter geht’s.
Doch der Mann mit der Trillerpfeife lässt ihn nicht gehen.
Was er von ihm will, versteht Jupp nicht. Alles um ihn
herum läuft wie in einem Film ab, ohne seine Kontrolle,
alles ganz weit weg. Der Mann mit der Pfeife nimmt ihm die
Brille von der Nase, schaut ihn erschrocken an und ruft
nach einem Arzt: „Der hat ja ganz glasige Augen. Hör zu,
meine Junge, das war’s für Dich heute. Tut mir leid“.
Danach endet der Film.
Ehe Jupp sich versieht, liegt er im Zelt
und hängt am Tropf. Claudia steht besorgt an seiner Liege.
„Keine Sorge, meine Liebe“, flüstert Jupp ihr mühsam, aber
immer noch voller adrenalingetriebenen Ehrgeizes entgegen:
„ich glaube, ich heute hätte ich gewonnen, heute hätte ich
mein Meisterstück abgeliefert, wenn dieser Race Marshall
nicht …“. Er blickt in Claudias verdutztes Gesicht und
schläft erschöpft ein.
Drei Tage nach seinem persönlichen Waterloo
ist für Jupp klar - in der Niederlage wachsen die wahren
Sieger. Er zuckt die Schultern, holt ein weiteres Bier aus
dem Kasten und prostet Herbert zu. Ein unwissender Race
Marshall oder eine kleine Magenverstimmung können einen
Mann aus Eisen nicht stoppen.
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