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Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Das Finale
September 2006 - by Oliver Keck

Es ist vollbracht – im wahrsten Sinne des Wortes – die Bodensee-Challenge 2006 und Jupps Triathlonsaisonfinale auch. Er kam als Hero, der den Rookies und dem Rest der dreikämpfenden Weltgemeinde beweisen wollte, aus welchem Holz er geschnitzt oder besser aus welchem Stahl er geschmiedet ist.

Alles hatte gut angefangen und stand unter einem guten Stern – genau so, wie Jupp seinen Triumph geplant hatte. In Roth hatte er Anfang Juli, beflügelt vom Elan von Klinsis Buben, seine bisherige Bestzeit auf unvorstellbare 12:15:47 Stunden verbessert. Seine Trainingsresultate der letzten Wochen ließen keine Zweifel zu: er näherte sich der absoluten Top-Form. Am Wochenende vor der Challenge lief er beim seinem letzten Wettkampftest beim Pulheimer Volkslauf über 10 km glatte 46 Minuten – bei einem von seinem Polar 725i ermittelten Durchschnittpuls von 187 blieb da kein Auge trocken. Gut, Herbert war diesmal mit Bestzeit drei Minuten vor ihm im Ziel, aber der hatte ja nur kurze Sachen gemacht, während er richtig trainiert hatte: richtige Trainingseinheiten für richtige Männer mit jenseits der 200 km auf dem Rad und jenseits der 35 km zu Fuß. Deshalb konnte ihn Herberts offensichtlicher Zufallstreffer nicht wirklich beunruhigen, auch wenn der diesen Triumph natürlich auskostete und abends kurzfristig eine Grillparty ausrichtete. Doch Jupp rückte die Verhältnisse wieder gerade. Er parkte seinen Jeep Cherokee prominent vor der Einfahrt seines Nachbarn Herbert, philosophierte stolz im Finisher-Shirt von Roth über die Herausforderung eines Ironman im Vergleich zu einem 10km-Lauf und alle eingeladenen Frauen hatten natürlich nur Augen für ihn.

Die Woche vor dem Schweizer Megaevent hatte er richtig getapert. Nun gut, er hatte sich auch noch eine letzte Überprüfung seiner Form verordnet. Das Gewissen will beruhigt und das Selbstvertrauen will gestärkt sein. Montags nach dem Pulheimer Lauf checkte Jupp seine Schwimmform. Wegen der wettkampfnahen Bedingungen sprang er einfach in Fühlingen auf die Regatta-Bahn und schwamm einmal hin und zurück. Sehr zum Missfallen der Ruderer, die dort trainierten, aber einen echten Eisenmann bringt nichts von seinem Weg ab. Die 4 km taten schon ein wenig weh, aber eben nur in den Armen. Von daher sprach nichts dagegen, am Dienstag einen „Submax-Test“ über 150 km auf dem Carbonboliden im Bergischen Land zu unternehmen. Das Wetter spielte mit und bei knapp 30 Grad im Schatten fühlte sich unser Jupp wie Ulle zu seinen besten Zeiten. Mit viel Druck wuchtete er sich die Anstiege hinauf und tat das heftige Piepsen seines Pulsers als eine Störung in der Elektronik ab. Mittwoch dann noch flugs ein lockerer Long-Jog über 32 km im 7er-Schnitt – ganz locker eben. Ja, Jupp fühlte sich wirklich gut und war bereit, den Rookies im direkten Vergleich zu zeigen, wo der Hammer hängt. Locker wollte er ihnen beim Überrunden die hang-loose-Faust zeigen. Er übte nach jedem Lauftraining auf der Straße vor seinem Haus seinen triumphalen Zielsprung und lies sich schnell noch die Sponsorenlogos auf den Custom-Made-Einteiler drucken, den er sich passend zum Aerbrush-Design seines Rennboliden hatte anfertigen lassen. Schon das Einchecken sollte seinen Gegnern weiche Knie bereiten und seinen Anspruch untermalen, im Fokus des Medieninteresses zu stehen. Schließlich war er es, der die Rookies bei ihren ersten Schritten in der Höhle des Löwen begleiten würde.

Den Rest der Woche hing Jupp nur noch faul zu Hause rum und ging seiner holden Claudia auf die Nerven. Irgendwie nervte ihn alles, selbst das Bier schmeckte nicht mehr. Ob das damit zusammenhing, dass er nachts kaum schlafen konnte, weil in seinen Ohren ständig ein komisches Hämmern wahrzunehmen war? Außerdem hatte er durch die erstmals ausprobierte Saltin-Diät etwas Verdauungsprobleme bekommen. Hmm, wohl eher nicht. Das war sicher die Aufregung, die er immer noch vor den großen Events verspürte. War ja aber auch verständlich, wenn er in wenigen Tagen ins Licht der Schweizer Öffentlichkeit rücken würde.

Samstags ließ er sich von Claudia in die Schweiz in ihr wunderschönes Domizil chauffieren. Wunderschön in der Nähe des Startareals gelegen. Hier wollten sie nach all den Strapazen noch eine Woche Urlaub dranhängen. Der Tag verging wie im Flug. Jupp kümmerte sich nochmals um die Rookies, die seinen guten Ratschlägen ziemlich reserviert gegenüberstanden. Arrogantes Pack, dachte sich Jupp, nur weil ihnen ein paar ehemalige Möchtegern-Athleten, die sich jetzt für kompetente Trainer halten, ein paar Weisheiten mit auf den Weg gegeben hatten, glaubten sie ernsthaft, an seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz nicht partizipieren zu müssen. Würden schon sehen, was sie davon hatten.

Und tatsächlich gingen den Rookies im Laufe des Wettkampftags die Augen auf und sie wussten, dass ihr Weg der richtige gewesen war. Jupp hingegen sah ein, dass „sein Weg kein leichter sein“ würde – der WM-Song Xavier Naidoos lässt grüßen. Es ging nichts, überhaupt nichts. Schon beim Schwimmen, das er siegessicher aus der ersten Reihe begonnen hatte, waren alle gnadenlos über ihn drüber geglitten. Noch nie war er so verprügelt worden, noch nie war es so schwer, sein Atemloch an der Wasseroberfläche zu verteidigen. Eine Minute vor Ende der erlaubten Schwimmzeit, erreichte Jupp die Wechselzone und wankte zu seinem Boliden. War nicht schwer zu finden, das gute Stück, stand es doch einsam und verlassen im Wechselgarten. Neo aus, Aerohelm und Brille auf – tausendfach im Training geübt – Rad geschnappt und nach knapp drei Minuten losgespurtet. Wenigstens das klappte wie es eines echten Siegers würdig ist, das Publikum tobte und lag ihm zu Füßen. Nun, auf der Schwimmstrecke kann man nicht so viel Zeit verlieren, dass man die nicht auf der Radstrecke wieder aufholen kann, dachte er sich. Am Wechselbalken kurz gestoppt, bereit, seinen in den schrillen Einteiler gehüllten Körper über Sattel und Oberrohr zu wuchten. Da stoppt ihn der Pfiff eines Race Marshalls. Unfassbar. In der Hektik hatte er seinen Helm falsch herum aufgesetzt, kann passieren, weiter geht’s. Doch der Mann mit der Trillerpfeife lässt ihn nicht gehen. Was er von ihm will, versteht Jupp nicht. Alles um ihn herum läuft wie in einem Film ab, ohne seine Kontrolle, alles ganz weit weg. Der Mann mit der Pfeife nimmt ihm die Brille von der Nase, schaut ihn erschrocken an und ruft nach einem Arzt: „Der hat ja ganz glasige Augen. Hör zu, meine Junge, das war’s für Dich heute. Tut mir leid“. Danach endet der Film.

Ehe Jupp sich versieht, liegt er im Zelt und hängt am Tropf. Claudia steht besorgt an seiner Liege. „Keine Sorge, meine Liebe“, flüstert Jupp ihr mühsam, aber immer noch voller adrenalingetriebenen Ehrgeizes entgegen: „ich glaube, ich heute hätte ich gewonnen, heute hätte ich mein Meisterstück abgeliefert, wenn dieser Race Marshall nicht …“. Er blickt in Claudias verdutztes Gesicht und schläft erschöpft ein.

Drei Tage nach seinem persönlichen Waterloo ist für Jupp klar - in der Niederlage wachsen die wahren Sieger. Er zuckt die Schultern, holt ein weiteres Bier aus dem Kasten und prostet Herbert zu. Ein unwissender Race Marshall oder eine kleine Magenverstimmung können einen Mann aus Eisen nicht stoppen.

 

 

 

 

 

 

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