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12:15:47 – wer jetzt an eine Uhrzeit und an
das Mittagessen denkt, liegt zumindest nicht vollständig
daneben. Tatsächlich ist es aber die Finisherzeit von Jupp
beim Challenge in Roth 2006. Eine sagenhafte Zeit,
zumindest für Jupp. Hat er doch seine Bestzeit aus dem
Vorjahr um sagenhafte zwanzig Minuten verbessert. In
Zeiten, wo alle alternden Stars im Ausdauersport nur mit
unerlaubten Mitteln ihre Leistungen gerade mal halten
können, hat er nur mit neuem Zeitfahrhelm und Scheibe
bewaffnet seine bisherige Bestzeit nochmal pulverisieren
können. Nach mäßigem Schwimmauftakt ist er nur so am Feld
vorbei geflogen, dass sich zeitweise sogar ein Motorrad –
sicher das Führungsmotorrad, das ihn mit Faris
verwechselte – vor ihn gesetzt hatte. Zusätzlich
irritierten sein Profioutfit und sein mit hawaiianischen
Blumen lackiertes Racebike den Fahrer.
Natürlich verbesserte er auch seine
Wechselzeiten dramatisch, nicht zuletzt durch die
Teilnahme beim Eliminaton Triathlon in Eppelheim, wo es ja
bei den extrem kurzen Strecken nur auf die Wechsel ankam.
Da war ihm der eigentlich sichere Sieg gegen ein paar
Jungspunde, die gerade mal in der Kurzdistanz-Bundesliga
starten, von dilettantischen Racemarshalls genommen
worden. Nur weil er im Viertelfinale auf den letzten
Metern der Radstrecke in letzter Position liegend seinen
Helm schon vor der Wechselzone wegwarf? OK, er überholte
außerdem die gesamte Konkurrenz in der Wechselzone, weil
er als alter Hase nicht am Wechselbalken, sondern erst am
Radständer abgestiegen war. Erfinder und Menschen, die
neue Wege gehen, hatten es schon immer schwerer als der
Rest.
Das war nun alles Makulatur, seine neue
Bestzeit in Roth freute ihn umso mehr, da sein
Lieblingskonkurrent Herbert Müller beim Ironman Frankfurt
in die Röhre geguckt hatte. Na ja, nicht so richtig. Im
Ziel war er schon. Aber mit welcher Zeit. Aus Gründen der
Pietät wollen wir mal den Mantel des Schweigens drüber
hüllen, denkt Jupp wohlwollend. Irgendwas von Sturz auf
regennasser Fahrbahn hat der olle Herbert erzählt. Und?
Ist dem Normann doch auch passiert. War das für den etwa
ein Grund, schlechter als Top 10 zu finishen? Ja, war es,
obwohl Rang 11 nicht wirklich schlecht ist.
Jeder gute Ironman nimmt sich nach großen
Triumphen erst mal eine Auszeit, denn nach dem Rennen ist
schließlich vor dem Rennen. Die anstrengende Hitze, die
Deutschland über Wochen gefangen hielt, tat ihr übriges.
Aber dennoch, trotz großer Anstrengung war der Gang zum
Kühlschrank zu bewältigen, so dass immer ein kaltes Weizen
nachgefüllt werden konnte. Streng isotonischer
Flüssigkeitsausgleich, so hatten es ihm die Trainer der
Rookies der Bodensee-Challenge erklärt. Die Ruhezeit neigt
sich nun aber langsam dem Ende entgegen, am Wochenende
treffen wir uns beim Rookie Christian Garntner auf dessen
Kürbishof in der Steiermark zu einem kurzen
Trainingslager. Meine Claudia ist schon ganz aufgeregt –
Urlaub auf dem Bauernhof. Da steht sie total drauf. Jupp
grinst verständnisvoll – Hauptsache er hat seine Ruhe und
kann die Jungspunden zeigen, wo der Hammer hängt.
Zuvor findet noch ein Grillabend bei
finisher concepts statt. Natürlich ist er auch eingeladen
– als Star des Abends – nun, dachte Jupp zunächst auch. Es
ist dann aber doch Uwe Widmann, der in den letzten Tagen
vor Frankfurt fast nichts mehr trainiert und nur noch
seine Nahrungsmittelspeicher auffüllt. Jupp ist nicht
lange beleidigt und heftet sich an Uwes Fersen wie ein
Lutscher an das Hinterrad des Vordermannes bei einem
Non-Drafting-Race. Nach knapp drei Stunden
Dauerbeschallung und lebhaften Diskussionen über die
Vorzügen von Schlauch- gegenüber Drahtreifen, Campa gegen
Shimano und Powerbar gegenüber High 5, schwenkt Widmann
die weiße Flagge und macht sich fluchtartig vom Acker.
Jupp zeigt sich verständnisvoll. Er gehe schließlich auch
immer früh zu Bett, wie es sich für einen den Sport ernst
nehmenden Profi gebührt. Spricht’s und öffnet die letzte
Flasche aus dem Kasten Eichbaum, den er sich nach seinem
Eintreffen vorsorglich gesichert hat.
Am nächsten Tag brechen Claudia und Jupp
nach Österreich auf – wobei Jupp das mit dem Brechen etwas
zu wörtlich nimmt. Claudia packt es nach den ersten 5 km
auf der Autobahn gerade noch, einen Parkplatz anzusteuern,
da stürzte Ironman Jupp schon vom Beifahrersitz und
übergibt seinen Mageninhalt der angrenzenden Botanik.
Schwer atmend kommt er zurück zu seinem geliebten Jeep
Cherokee, auf dem sein 8000EUR-Bike wie eine Statue
thront.
„Ich glaube, der Salat gestern Abend war nicht mehr
genießbar. Mir ist so furchtbar schlecht!“
„Nun, mein Schatz, ich glaube nicht, dass es am Salat lag.
Vielleicht hättest du den Kasten Bier nicht mit Gewalt
gegen die anderen Gäste verteidigen sollen. In deinem
Alter steckt man das nicht mehr so leicht weg. Und jetzt
steig ein. In dem Tempo ist das Wochenende schon wieder
vorbei, bis wir in Österreich angekommen sind.“
Tödlich beleidigt nimmt Jupp auf dem
Beifahrersitz Platz. Was erlaubt die sich eigentlich. Ich
habe schon Bier getrunken, da ist die noch im Strampler um
den Weihnachtsbaum gerannt. Jahrelanges Training. Das
stählt den Körper. Apropos Stahl – die vielen, vielen
Liter isotonisches Getränk in Verbindung mit wenig
Training in der Regenerationsphase haben wieder einmal
ihre Spuren hinterlassen. Jupp schaut vorsichtig herunter
auf sein Hawaiihemd, unter dem sich verdächtig eine
Wölbung erhebt. Daran wird auch ein Trainingswochenende
nichts ändern können. Klar im Sitzen sieht das noch etwas
dramatischer aus, aber beim Schwimmen werde ich wohl meine
alte Schulterverletzung vorschieben müssen, die ich mir
damals beim Einzelkämpferlehrgang zugezogen habe. Ich muss
insbesondere an meiner Atmung arbeiten – immer dann, wenn
die Gefahr besteht, dass einer der Rookies meinen
Oberkörper genauer unter die Lupe nehmen könnte. Dann muss
ich das alles nach oben in meinen Brustkasten atmen. Den
Rest kann ich ja schon. Und man muss immer für neue
Methoden im Training offen sein.
Jetzt beginnt der letzte harte
Trainingsblock und dann werden alle am 10. September
zusammenzucken oder nur den Lufthauch spüren und das
Rauschen seiner Scheibe hören, wenn er unwiderstehlich
vorbeizischt – so schläft Jupp im Jeep neben seiner
Claudia ein, der er das Steuer nur widerwillig überlassen
hat, während sie dem Sonnenuntergang entgegen fahren.
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