english  français  español  italiano  portuguese


Jupp der Eirenmän - Hero von nebenan

 

Erste Tempospitzen - die Frühform stimmt
April 2006 - by Oliver Keck

Der neue Polar Pulser S625X piepst gnadenlos, die hypermoderne, aus High-Tech-Materialien geschneiderte Funktions-Teamkleidung klebt schweißnass an Jupps Astralkörper. Zwei Punkte, die Jupp gehörig anschälen. Er hätte nicht geglaubt, dass soviel Flüssigkeit aus ihm raus laufen kann. Andererseits hat er gestern Abend beim gemeinsamen Studieren der Videoaufzeichnungen des Fleche Wallone und fachmännischer Analyse mit Lieblingskonkurrent Herbert Müller nach dem achten Kölsch die Übersicht verloren.

„Ich sach dir, mein Jung“, hat Herbert bierseelig schwadroniert, „so wie dieser Ale…Alähandro Valdingsbums muss man das machen. Und genauso werde ich das mit dir auch machen, wenn ich dir in Buschhütten in zwei Wochen auf der Autobahn davon fahre.“

„Claudia! Claudiaaaa! Bring mal noch zwei Bier!“ ruft Jupp in die Küche, bevor er sich Herbert zuwendet. „Hast du was gesagt? Mir war so, als hätte ich dich was lallen hören. Das sieht dir ähnlich, dass du Valdingsbums gut findest. Der hat doch nix druff. Versteckt sich die ganze Zeit und lässt sich den Berg hochziehen. Bei uns zählt nur Schmackes in den Beinen. Und davon kannst du nur träumen.“

Also Jupps holde Claudia endlich das Bier bringt, starren die beiden nur noch stumpfsinnig in die Glotze und brabbeln unverständlichen Schwachsinn vor sich hin. Claudia schüttelt den Kopf und lässt die beiden Maulhelden in ihrer testosteronverseuchten Umgebung allein.

Vielleicht war das letzte Bier gestern doch zu viel, denkt sich Jupp jetzt bei seinem Lauf durch den Worringer Bruch im Norden Kölns. Das leichte Auf und Ab in der Auenlandschaft lässt Jupp keuschen wie bei einem Bergsprint im Bergischen Land. Irritiert blickt er über die Schulter, aber er ist allein auf weiter Flur. Er entdeckt nur zwei Spatzen, die ihm spöttisch hinterher zu schauen scheinen. Jupp erkennt bissigen Spott in ihrem Gezwitscher. Na wartet, euch werde ich es zeigen. Dynamischer Antritt – Sekunden später sinken die schmerzenden Schultern wieder nach vorne und Jupp verfällt wieder in seinen Schlurf-Schritt.

Was mach ich eigentlich hier? Daheim könnte ich liegen und gemütlich ein paar Bier trinken. Das nervende Piepsen seines Pulsers reißt ihn aus seinen trübsinnigen Gedanken. Jupp fällt wieder ein, wofür er hier ist. Bodensee-Challenge. Rookies auf Vordermann bringen. Herbert schlagen!!!

Wie elektrisiert saust Jupp plötzlich los. Der Gedanke an seinen Lieblingsfeind macht ihm ordentlich Beine. Jupp ignoriert das immer lauter werdende Piepsen und rennt schneller. Holt alles aus sich heraus. Noch um die Kurve da vorne, dann hat er seinen 5 km Tempodauerlauf beendet.

Plötzlich ein Sirren in der Luft. Verärgert schüttelt Jupp den Kopf. Blöde Biker. Hat man denn nie seine Ruhe? Er weicht zum Rand aus, um den wahrscheinlich jungen Flegel vorbei zu lassen. Nicht dass der ihm noch in die Hacken fährt und seine hoch qualifizierten Rennbeinchen verletzt.

„Danke, aber so dick sind wir ja beide nun wirklich nicht, als dass ich nicht an dir vorbei käme.“ Sagt eine Frauenstimme gelassen zu ihm. Jupps rote Birne ruckt zur Seite und ihm gehen endgültig die Lichter aus. Einer dieser emanzipierten Mütter, die sich mit ihrer gottgegebenen Rolle nicht zufrieden geben wollen, läuft locker, ohne zu Schnaufen, einen Baby-Jogger vor sich her schiebend, an ihm vorbei. Gedemütigt bremst Jupp abrupt ab. „Nee, nee, so ist das nicht“, japst Jupp, „ich mache gerade Intervalltraining und bin fertig.“
„Na ja, so siehst du auch aus“, entgegnet dieses fleischgewordene Subjekt geballten Männerhasses schnippisch. „Übernimm dich mal lieber nicht. Bis hier draußen ein Arzt hinkommt, kann es schon vorbei sein. Lass es in deinem Alter ruhig angehen.“ Sprachs und schwebte samt ihrem Balg davon.

Fassungslos blickt Jupp ihr hinterher. Na ja, bei der Figur und in dem Alter – da wäre ich viel schneller. Diese lahme Kröte, denkt er gekränkt und wirft nochmals einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Keiner zu sehen, alles ruhig. Das Piepsen hat endlich aufgehört. Er läuft zurück zum Parkplatz. Wie sollte es anders sein, rollt Herberts Wagen soeben neben seinem Cherokee aus.

„Alter, wie siehst du denn aus?“ poltert er prustend los. „So langsam solltest du mit dem Sport aufhören.“

„Quatsch Herbert, ich bin eben auf meiner Halbmarathonstrecke nach kurzem Warmmachen immerhin 15 km im 3:50er Schnitt bei Durchschnittspuls 148 gelaufen. Da würdest du auch so aussehen. Leider wirst du das nie können, da du viel zu langsam für so ein Tempo bist.“ Jupp steigt triumphierend grinsend in seinen Jeep und braust davon. Zurück bleibt, in der Staubwolke hüstelnd, ein ratloser Herbert.

 

 

 

 

 

 

© finisher concepts  | Top