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Jupp Meier fuhr nach dem ersten Treffen zum
gegenseitigen Beschnuppern mit den Rookies in Heidelberg
zurück nach Köln. Er grübelte während der gesamten
Rückfahrt, warum wohl so viele ihr Herz in bisher
Heidelberg verloren haben.
Sein Auto hätte er beinahe verloren. Er
flitzte, blind der erotischen Stimme seines Navis seiner
M-Klasse vertrauend, von der Autobahn mit viel Schmackes
Richtung Uferstraße. Ungebremst raste er am DLRG-Häuschen
vorbei über die überflutete Neckarwiese den unbändigen
Fluten des Neckars entgegen. Er verdankte nur seinem
unglaublichen Reaktionsvermögen, das er durch jahrelanges
Radeln mit der Altherren-Gruppe von Blau-Weiß Kölle
trainiert hatte, nicht direkt im Fluss zu landen. Die
Investition in einen Geländewagen machte sich nun auch
bezahlt. Nicht nur die Frau seines Nachbars und härtesten
Konkurrenten Herbert beeindruckte die Kombination der
Pferdestärken seines Wagens mit seiner Muskelkraft,
sondern auch der Weg zurück von der überfluteten
Neckarwiese auf den festen Untergrund der Uferstraße war
so für Mensch und Maschine ein Kinderspiel. Auch die
Zipp-Laufräder, die er beiläufig aber prominent auf den
Rücksitzen liegen hatte, hatten den Offroad-Einsatz gut
überstanden. Nur den Finisher-Aufkleber vom Ironman Roth
1996, der auf dem Heck prangte, musste er noch schnell
polieren, bevor er beim Olympiastützpunkt eintraf.
Tja, er stand eben unter einem guten Stern,
auch wenn dessen Leuchtkraft innerhalb nur eines Tages
deutlich verblasst war. Just als er frustriert seinen
durch den Geländeeinsatz standesgemäß dreckigen Wagen in
der Garage geparkt hat, steht auch schon Herbert Müller,
Nachbar und Lieblingskonkurrent, am Tor und trippelt von
einem Bein aufs andere. Auch das noch. Als Jupp die Tür
öffnet, schallt ihm entgegen: „Na Jupp, mein Jung. Wie
war’s denn in Heidelberg? Hast hoffentlich uns rheinischen
Jungs keine Schande gemacht?“
„Pffft, Herbert. Die haben sich ja was
gedacht, als sie mich ausgewählt haben. Der Team-Manager
dort hat mich den Rookies vorgestellt. Also ich sach dir,
zwei echt grüne Jungs und ein schnucklig Mädche dabei. Die
haben sich am Anfang gar nicht getraut mich was zu fragen.
Kennst mich ja, ich habe ihnen aber gleich durch meine
lockere Art die Angst vor der Prominenz genommen. Ich habe
ihnen gesagt, dass ich auch mal so angefangen habe … ist
natürlich geschwindelt, aber man muss ihnen ja die Angst
vor der Langdistanz am Bodensee nehmen und die Psyche ist
ja die halbe Miete. Und dann waren wir gleich mal eine
Runde schwimmen. Danach haben wir noch das weitere
Vorgehen besprochen und uns für nächsten Monat im
Schwarzwald zu einem Radtrainingswochenende verabredet.“
Herbert kontert: „Dann lass dir mal noch
schnell ein 3-fach Kettenblatt montieren.“
Jupp lächelt mitleidig. „Herbert, wir alle
vom Club Blau-Weiß wissen, dass du das Radeln nicht
erfunden hast. Ich hingegen … ich habe ja schon damals dem
jungen Gollmann das Radeln beigebracht und mit mir als
Vorbild hat er’s bis zum Sieg in der A-Klasse bei
Köln-Schuld-Frechen geschafft.“
„Ja, nee, Jupp. Alles klar. Erzähl mal vom
Schwimmen. Wie war das denn?“ Herbert setzt sein fiesestes
Grinsen auf, das Jupp einfach nicht ignorieren kann. Jupp
fängt an zu stottern.
„Gut. Nein wirklich … es war richtig gut.
Wir konnten im, ähh, im Bundesleistungszentrum des
Olympiastützpunkts trainieren. Ein riesiger Kraftraum mit
den modernsten Maschinen, Massagezentrum,
Spiroergometrielabor und was wir sonst noch so für unsere
Vorbereitung auf die Bodensee-Challenge brauchen. Das ist
was ganz anderes, als wie im Hallenbad am Müngersdorfer
Stadion. Da sind nur Olympiateilnehmer, Profis und so
Cracks wie ich gewesen.“
„Cracks wie du? Aha!“ Jupp kam in Fahrt und
schwadronierte weiter. „Ja, Cracks wie ich. Nach einem
kurzen Aufwärmen, hat uns der Manager einem 1.500m
Freistil-Test unterzogen. Die grünen Jungs konnten
natürlich meinen Wasserschatten nicht halten und die Jungs
auf den Nachbarbahnen mussten in meinen Wellen schwimmen.
Das war ein gigantisches Gefühl, wie ich so durch die
Fluten gepflügt bin.“
„Seid wann pflügen Walrösser durch die
Fluten?“
„Hör mal, du Pfeifenkopp. Es ist halt mal
so, dass die für ihr Projekt nur einen der besten
Agegrouper in den Fifties haben wollten. Deswegen haben
sie auch mich ausgewählt und nicht dich. Das ist Fakt. Ich
weiß, dass ich der Bessere bin und dass du und deine Moni
das nie verkraften werdet. Aber so ist es halt mal. Ich
fahr besser Rad als du, schwimme jetzt auch besser und das
Laufen bekomme ich bis Frankfurt auch besser hin als du.
Die haben mir jetzt ein ganz neues, noch geheimes
Lauftraining gezeigt, mit dem die Äthiopier immer die
Kenianer bei der Olympiade platt machen. Dich mach ich so
richtig fertig!“
Triumphierend zieht Jupp von dannen. Im
Gefühl des Sieges verdrängt er beinahe, dass er vor ein
paar Stunden am liebsten geweint hätte wie ein kleines
Kind, weil der Bademeister irrtümlich davon ausgegangen
war, dass er am Ertrinken sei und ihn während des Tests
aus dem Becken gezogen hatte. Die Rookies hatten ihn zwar
getröstet und der Manager war peinlich berührt. Es war ihm
gerade noch so gelungen, den Rausschmiss aus dem Team
abzuwenden.
Jetzt ist er wieder obenauf. Seine
peinliche Vorstellung ist abgehakt. Der Polar Pulser
S625X, die neue Teambekleidung und die
Nahrungsergänzungsmittel die sie in Heidelberg überreicht
bekommen hatten, lassen für ihn wieder die Frühlingssonne
über Köln erstrahlen. Die nächsten harten Trainingswochen
und die ersten lockeren Aufbauwettkämpfe können kommen.
Jupp sieht immer nach vorne. Und er sieht nur eins: den
Sieg über Herbert.
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