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„Darf ich dir Schönheit etwas zu Trinken
mitbringen?“
Sabine schaut verwundert von ihrem Buch auf und dreht mit
grimmiger Miene ihren Kopf zur Tür ihres Zugabteils. Die
Betonung dabei liegt auf IHRES. Sie hat eine stressige
Woche hinter sich mit jeder Menge Schulungen, die sie an
der Zweigstelle ihrer Firma halten musste. Stress und
Ärger mit jeder Menge von Besserwissern, die denken, eine
Frau solle bestenfalls Sekretariatsarbeit erledigen, aber
keinesfalls eine führende Position in einer Firma
einnehmen. Und schon gar nicht versuchen, mir etwas zu
erklären, was ich viel besser verstehe.
Sabine mustert gelangweilt die traurige Figur, die zu der
aufdringlichen Stimme gehört und die sich betont cool in
der Schiebetür des Abteils platziert hat. Sie schüttelt
den Kopf. „Nein danke. Ich habe selbst noch etwas.“
„Aber, aber. Wer wird denn gleich so
abweisend sein. Eine so schöne Frau sollte wirklich nicht
die ganze Fahrt alleine verbringen. Ein wenig Gesellschaft
wird dir gut tun.“ Der Augen des Typen gleiten über ihren
Körper und der Ausdruck in seinen Blick verrät, dass er
eindeutig schon ein Schritt weiter als nur bei einem
gemeinsamen Drink ist. Sabine ist sich durchaus ihrer
Reize bewusst, aber dieser schmierige Fuzzy geht ihr doch
gewaltig gegen den Strich.
„Hör zu, für dich nochmals ganz langsam zum
Mitschreiben: Punkt 1 – ich habe etwas zu trinken. Punkt 2
– will ich die Zugfahrt bestimmt nicht mit so einem
Flachwichser wie dir verbringen. Daher kommen wir zu Punkt
3 – verpiss dich!“ Sabine schaut ihm eiskalt in die Augen
und er kann ihren Blick nicht lange standhalten. Rot
anlaufend und wütend über sich selbst rammt er die Tür zu.
Na bitte, geht doch. Man muss nur gut kommunizieren
können. Wie gerne hätte sie unter der Woche auch mal so
reagiert, aber leider sind ihr in diesen Momenten die
Hände gebunden. Verärgert schüttelt sie nochmals den Kopf
und ihre langen blonden Locken umspielen ihre Schultern.
Dann wendet sie sich wieder ihrer Lektüre zu. Es handelt
sich dabei um den letzten Band der auch bei Erwachsenen
sehr beliebten Kinderbuchreihe eines Zauberlehrlings auf
seinem Weg zur Macht.
Eigentlich sollte sie noch ihre E-Mails checken, aber dazu
hat sie einfach keine Lust mehr. Sie hat noch mehrere
Stunden Fahrt vor sich auf ihrem Weg zurück nach Mannheim
und draußen dämmert es bereits. Nachdenklich lässt sie die
verbliebenen Seiten durch ihre Finger gleiten. Hm, noch
gut 300 Seiten, das packe ich in der verbleibenden Zeit.
Falls mich nicht wieder so eine Knalltüte stört, denkt sie
erneut verärgert und blickt wieder zur Tür. Keiner da.
Gut. Sie versinkt wieder in ihrem Buch und vergisst alles
um sich herum.
Zwei Stunden später knallt Sabine den
Buchdeckel so heftig zu, dass sie selbst erschrickt. Sau
gut, denkt sie. Das Buch hat alle meine Erwartungen
erfüllt. Nur Schade, dass sie jetzt wirklich den definitiv
letzten Band der Serie in ihren Händen hält.
Sie schaut aus dem Fenster und versucht, ihre vom grellen
Deckenlicht geblendeten Augen an die draußen
vorherrschende Dunkelheit zu gewöhnen und etwas von der
Landschaft zu erkennen. Natürlich ein unmögliches
Unterfangen. Nach kurzer Zeit ist sie immerhin in der
Lage, weite Ackerflächen zu erkennen, die in hohem Tempo
an ihr vorbeirasen.
Mehr im Unterbewusstsein nimmt sie eine
Bewegung neben ihrem Spiegelbild im Wagonfenster wahr.
Irritiert löst sie ihren Blick von der Dunkelheit und
konzentriert sich auf die Scheibe. Sabine schnappt hörbar
nach Luft, ihr Magen zieht sich zu einem Klumpen zusammen
und ihr wild pochendes Herz scheint ihr aus der Brust
springen zu wollen. Neben sich sieht sie auf der Scheibe
das Gesicht einer blassen, dunkelhaarigen Frau, die sie
mit einem verschlagenen Blick angrinst. Sabine wirbelt
herum und schaut ins leere Abteil. Plötzlich realisiert
sie, dass sie vor wenigen Augenblicken das Atmen
eingestellt hat und stößt nun laut den angehaltenen Atem
wieder aus. Im wilden Stakkato schnappt sie nach dem
lebenswichtigen Sauerstoff und kommt sich vor wie ein
Fisch, der auf dem Trockenen sitzt.
Sie spürt, wie sich feine Schweißperlen auf der Stirn
bilden. Gleichzeitig fasst sie mit ihrer linken Hand den
Kragen ihrer Bluse und drückt ihn zusammen, da sie zu
frösteln beginnt.
„Hallo, ist hier jemand?“ fragt sie laut in
das sonst leere Abteil. Es ist beruhigend ihre eigene
Stimme zu hören. Das ängstliche Zittern darin jedoch
nicht.
Was war das denn eben, fragt sie sich im Gedanken. So
schlimm war das Buch nun wirklich nicht, als dass sie so
abdrehen müsste.
Langsam fahren ihre lebenswichtigen Funktionen wieder auf
ein Normalmaß zurück. Ihre Selbstsicherheit kehrt zurück
und Sabine ärgert sich, wie es ihre Art ist, mehr über
sich selbst. Wie kann man nur so bescheuert sein, schilt
sie sich selbst eine Närrin.
Sie schaut wieder aus dem Fenster. Aber nur für den
Bruchteil einer Sekunde. Ihr Blick wandert sofort wieder
die Scheibe entlang auf der Suche der fremden Frau in
ihrem Abteil. Aber nichts geschieht. Sabine dreht sich um
und kann noch immer nichts entdecken.
Da haben mir meine Nerven aber einen gewaltigen Streich
gespielt, denkt sie, als eine eiskalte Hand die Stelle
zwischen ihrem linken Ohr und ihrer Wange berührt. Diesmal
setzt Sabines Herz mindestens drei Schläge aus. Sie fühlt
eine nie bekannte Kälte von ihrem Körper Besitz nehmen.
Langsam, als müsste sie einen gewaltigen Widerstand unter
Aufbietung aller ihrer Kräfte überwinden, dreht sie den
Kopf. Die Hand ist von ihrer Wange verschwunden, aber die
Kälte ist geblieben. Ihr Blick fällt wieder auf das
Fenster und wieder zweifelt Sabine an ihrem Verstand. Sie
starrt mitten in das Gesicht der Frau, die vor wenigen
Augenblicken neben ihrem Spiegelbild erschienen ist.
Nur sieht sie diesmal auch die dazugehörende Person und
die schwebt außerhalb des Zugs neben ihrem Fenster her und
schaut sie herausfordernd mit einem diabolischen Grinsen
an. Die Lippen der der Frau ziehen sich langsam in die
Höhe und erinnern Sabine eher an ein Raubtier, dass vor
dem tödlichen Angriff drohend die Lefzen zurückzieht. Und
wie bei einem Raubtier sieht Sabine etwas, was sie fast in
das Reich des Wahnsinns katapultiert: die Eckzähne der
Frau sind überdimensional groß und spitz.
Sabine stößt einen gellenden Schrei aus,
aber das Bild der Frau vor ihrem Fenster ist schon wieder
verschwunden. Hechelnd geht ihr Atem. Sie springt vom Sitz
auf und geht langsam rückwärts zur Tür des Abteils. Außer
dem gleichmäßigen Rattern der Räder des Zuges über den
Schwellen der Gleiskörper ist nichts zu hören. Sie stößt
die Tür auf und rennt hinaus in den Gang. In wilder Panik
reißt sie an der Tür des Nachbarabteils, die sich aber
nicht öffnen lässt. Immer wilder zerrt sie an der Tür und
beginnt, laut um Hilfe rufend, mit ihren Fäusten an die
Scheibe zu hämmern. Da begreift sie langsam, dass das
Abteil leer ist. Sie spürt eine immer stärker werdende
Panik in sich hoch kriechen. Hastig will sie zum nächsten
Abteil, gerät ins Straucheln und fällt der Länge nach hin.
Als sie sich wieder aufrappeln will, spürt sie den spitzen
Absatz eines Stiefels auf ihrem Rücken, der sie mit
sanften, aber unnachgiebigen Druck auf dem Boden des
Waggons festnagelt. Sie hört nichts, aber in ihrem Kopf
flüstert eine Stimme:
„Wo willst du denn hin? Du musst nicht weglaufen. Ich will
dir nichts tun. Wir sind beide ganz alleine. Alle sind
gegangen. Keiner ist geblieben, um dir zu helfen. Du
gehörst mir.“ Sabine glaubt, dass sich ihr Verstand
endgültig verabschiedet hat und vor ihren Augen in Form
eines verrückt gewordenen Harlekins auf dem schmutzigen
Fußboden auf- und abhüpft und ihr fröhlich zuwinkt.
Gleich darauf hört sie die Stimme erneut, jedoch
wesentlich sanfter. „Sträube dich nicht. Du brauchst keine
Angst zu haben. Bei mir bis du in Sicherheit.“ Der Druck
verschwindet und Sabine spritzt wie ein 100 m Läufer nach
dem Knall der Startpistole vom Boden auf und fährt herum.
Sie blickt zurück durch den leeren Wagon.
Das kann doch alles gar nicht wahr sein,
denkt Sabine und überlegt fieberhaft. Sie zittert am
ganzen Körper vor Angst und versucht sich zu beruhigen.
Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Sicher ihr Job in
ihrer Firma macht ihr Spaß und auch gegen ihre
Dienstreisen hat sie in der Regel nichts einzuwenden. Aber
es gibt natürlich immer wieder irgendwelche Ausreißer.
Ihre Gedanken schweifen wieder zu dem Meeting, als sie mit
diesem aufgeblasenen Fatzke aneinandergeraten ist. Ein
Schauer lässt sie am ganzen Körper erzittern.
Ich muss vor ins Führerhaus. Da muss ja noch ein Mensch
sein, sonst würden wir nicht mehr fahren. Sie dreht sich
um und prallt auf die fremde Frau, die unmittelbar hinter
ihr aus dem Boden zu wachsen scheint. Für den Bruchteil
einer Sekunde erkennt Sabine eine grauenhafte Fratze, die
ihr mit tödlicher Gier ins Gesicht springt. Hat sie gerade
in das wahre Gesicht der Erscheinung gesehen? In
Todesangst lässt sich Sabine einfach fallen und entgeht so
im letzten Augenblick dem vorstoßenden Kopf, mit dem
schrecklich weit aufgerissenen Mund. Ein wütendes Fauchen
verrät ihr, dass dieses Ding mit der Reaktion wohl nicht
gerechnet hat. Sie rappelt sich erneut auf und rennt nach
davon. Sie kennt nur noch ein Ziel: vor zum Führerstand
und den Lokführer alarmieren. Das spöttische Gelächter
hinter ihr jagt ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
Sie erreicht das nächste Abteil und stellt in ihrer wilden
Hast beiläufig fest, dass auch hier keine Menschenseele
mehr anzutreffen ist.
Noch ein Abteil, dann hat sie es geschafft. Sie kann nicht
mehr rechtzeitig anhalten und knallt aus vollem Lauf gegen
die verschlossene Tür des Lokomotivführers. Sie spürt den
Schmerz noch nicht einmal. Wild hämmert sie mit den
Fäusten gegen die Tür.
„Hallo, hören Sie mich. Bitte öffnen Sie die Tür. Helfen
Sie mir, bitte…“ Ihre Stimme wird schwächer und geht
langsam in ein Schluchzen über. Da wird die Tür plötzlich
aufgerissen und Sabine verliert das Gleichgewicht. Sie
fällt nach vorne, direkt in die Arme der mysteriösen
Fremden. Die greift ihr mit unglaublicher Brutalität in
ihre blonde Lockenpracht und dreht sich mit ihr um die
eigene Achse.
„Schau genau hin, meine Süße, was siehst du? Komm sag es
mir. Ich will es von dir hören.“ Sie reißt erneut an
Sabines Haare und überdehnt ihr extrem den Kopf. Sabine
starrt mit weit aufgerissenen Augen auf die verlassene
Steuerkonsole. Niemand steuert den Zug. Ihr Gehirn braucht
einige Augenblicke, um diese Information zu verarbeiten.
Dann trifft es sie wie ein Keulenschlag. Ihre Knie knicken
ein und ihr gesamter, auf Abwehr ausgerichteter Körper
erschlafft.
„Ihr habe dir doch gesagt, dass wir ganz alleine sind und
du nur mir alleine gehörst. Es wird Zeit.“
Die letzten Worte brennen sich in Sabines Unterbewusstsein
ein. Den Biss an ihrem Hals nimmt sie als ein ganz feines
Brennen wahr. Sie spürt, wie ihre Lebensenergie aus ihrem
Körper fließt. Gleichzeitig durchströmt sie ein fremdes,
nie zuvor wahrgenommenes Gefühl. Eine seltsame Erregung
erfasst sie. Sie gibt sich ihr hin. Um sie herum wird es
schwarz. Sie ist wieder allein…
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