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Vanessa öffnete die Tür zu ihrer Wohnung im dritten Stock
des von außen heruntergekommen aussehenden Altbaus im
Zentrum des Mannheimer Stadtteils Jungbusch. Doch ebenso
wie das gegen sein negatives Image kämpfende Stadtviertel,
versprühte das vierstöckige Gebäude einen gewissen Charme,
dem sie von Anfang an verfallen war. Seit drei Jahren
wohnte sie jetzt in unmittelbarer Nachbarschaft der
verruchten Hafenstraße, die tagsüber noch immer regelmäßig
von auffälligen Straßenkreuzern meist amerikanischer
Herkunft frequentiert wurde. Gelang es einem, einen Blick
hinter die meist getönten Frontscheiben der Luxuskarossen
zu erhaschen, sah man immer denselben Typ Mann am Steuer.
Muskelbepackte, testosterongesteuerte Alphatiere, die
dafür Sorge trugen, dass ihre Einkünfte weiterhin
gesichert blieben. Dass sie dabei nicht immer zimperlich
vorgehen konnten, versteht sich beinahe von selbst.
Vanessa taten die Frauen Leid, aber irgendwie war ja jeder
für sich selbst verantwortlich. Als sie die schwere
Einkaufstasche auf den Boden stellte, um ihre Jacke auf
dem Garderobenständer aufzuhängen, fiel ihr auf, dass sie
wie ein Maultier schnaufte. Nur dass die Grautiere meist
einen schweren Pflug oder andere Lasten hinter sich
herzogen oder auf ihrem Rücken trugen. Sie war schon nach
den wenigen, unter dem Gewicht eines jeden sich herauf
mühenden Lebewesens nahezu beleidigt quietschenden Stufen
der ausgelatschten Holztreppe völlig fertig.
Einkaufstasche hin oder her.
Ein prüfender Blick in den Spiegel bestätigte ihr, dass
sie mal wieder mehr Sport machen sollte. Ein weiterer
Blick fiel auf ihre Jogging-Schuhe, deren äußerste Enden
der Schnürsenkel gerade noch so unter der Kante des
Sideboards hervorlugten, damit sie nicht vollständig in
Vergessenheit gerieten. Ihre Blicke schweiften sofort
wieder ab Richtung Küche und Wohnzimmer. Sport? Es regnet
doch gerade. Da ist es doch viel gemütlicher, sich mit
einer heißen Schokolade im Wohnzimmer auf die Couch zu
lümmeln und ein wenig vor dem Fernseher zu entspannen. Sie
fuhr sich mit der rechten Hand noch einmal prüfend über
den Bauch, drehte sich vor dem Spiegel zu Seite und
entschied definitiv, dass morgen auch noch ein guter Tag
für die Wiederaufnahme eine gezielten Fitness-Programms
sei.
Schnell schlüpfte sie im Schafzimmer aus ihrer
Business-Kleidung und streifte sich ihre
Lieblingsklamotten über, deren weiche Textilfasern ihre
Haut sanft streichelten. Gut gelaunt ging sie in die
Küche, um Milch für die Schokolade heiß zu machen. Beim
Gedanken daran lief ihr schon ein wenig das Wasser im Mund
zusammen. Sie öffnete gerade die Tür zu ihrem
überdimensionalen Kühlschrank, als sie Stimmen bemerkte.
Zunächst betrachtete sie wie immer eingehend und
bewundernd dieses Meisterwerk der Technik, das es ihr
erlaubte, jederzeit kaltes Wasser vorrätig zu halten und
prinzipiell Platz für die Lebensmittel eines vierköpfigen
Haushalts bot. Vanessa legte nicht viel Wert auf Luxus.
Aber Ausnahmen bestätigen eben immer die Regel.
So langsam realisierte sie erneut das Gemurmel. Zwei
Männer schienen sich angeregt miteinander zu unterhalten.
Vanessa seufzte. Das war der einzige Nachteil ihrer
stilvoll eingerichteten Wohnung, deren hohe Wände sie vom
ersten Augenblick an ins Herz geschlossen hatte. Die
Wohnung war einfach hellhörig. Aber…es hatte auch seine
Vorteile. Seit ein paar Wochen war über ihr ein überaus
ansehnliches Exemplar des anderen Geschlechts eingezogen.
Benny hieß die Sahneschnitte. Sie waren sich schon zwei-
oder dreimal im Treppenhaus begegnet. Blaue Augen unter
wild verwuschelten Haaren, bei denen jeder Kamm
kapitulieren musste, hatten sie jedes Mal mit ehrlicher
Freude angestrahlt. Aber mehr als ein wenig Smalltalk war
noch nicht drin gewesen. Jedes Mal ärgerte sich Vanessa,
weil sie die Zähne nicht auseinander bekommen hatte. Aber
das würde sich noch ändern. Sie hatte sich fest
vorgenommen, dass sie sich den Traumknaben noch schnappen
würde. Schließlich schien er auch alleine hier zu wohnen,
also brauchte sie keine Hemmungen haben.
Sie lauschte den Stimmen und nach wenigen Momenten konnte
sie aus dem Gemurmel auch einige Wortfetzen aufschnappen.
„Netzwerk…ja, sicher, müssen wir aufpassen, sonst…hängen,
erwischt, keinen Sinn…“
Stirnrunzelnd verharrte ihre Hand mit dem Kaffeelöffel
voller Kakao schwebend über der Tasse mit der mittlerweile
in der Mikrowelle erhitzten Milch. Ihr wurde abwechselnd
heiß und kalt. Das darf doch nicht wahr sein. Gerade
gestern hatten sie in den Nachrichten davon berichtet,
dass die Terrorgefahr in Deutschland noch immer in der
breiten Öffentlichkeit nicht richtig wahrgenommen und
unterschätzt würde. Und ausgerechnet bei ihr im Haus hat
sich ein, ja was eigentlich? Mindestens wohl ein
Sympathisant der Terroristen niedergelassen. Es war nicht
zu glauben. Diese ehrlichen und freundlichen Augen
gehörten vielleicht einem international gesuchten
Super-Killer, der hier in der Anonymität des Mannheimer
Szene-Viertels untergetaucht war. Aber er hatte die
Rechnung ohne sie gemacht.
Der Löffel mit dem Kakao landete wieder in der Dose, die
heiße Milch war vergessen. Aufgeregt tigerte Vanessa durch
ihre behaglich eingerichtete Küche, die Chromrahmen ihre
Barhocker nachempfundenen Küchenmobiliars immer wieder mit
kritischen Blicken bedenkend. Waren sie auch wirklich gut
poliert? Sie schalt sich selbst eine Närrin. In den
nächsten Minuten konnte ein Stockwerk über ihr eine
konspirative Sitzung mit dem bärtigen Osama persönlich ins
Leben gerufen werden und sie machte sich Gedanken über
blitzblanke Chromstühle?
Zuerst brauche ich handfeste Beweise, bevor ich den Kerl
der Polizei ausliefere. Selbst ist die Frau. Sie stürmte
aus ihrer Wohnung, zwang sich aber im Treppenhaus auf
Zehenspitzen möglichst geräuschlos die Stufen nach oben zu
eilen. Sie hatte es fast geschafft, als die vorletzte
Stufe ein markdurchdringendes Quietschen hören ließ, als
sie drauf trat. Vanessa blieb sofort wie angewurzelt
stehen. Eine rollige Katze hätte nicht mehr Lärm machen
können. Verdammte Scheiße. Atemlos lauschte sie. Nichts.
Keine Reaktion. Gut, Glück gehabt.
Plötzlich schoss es ihr in den Kopf, dass sie sich
vielleicht in tödliche Gefahr begab. Wer hier den Aufbau
eines Netzwerks plante, schreckte sicher auch nicht davor
zurück, seine Nachbarin aus dem Weg zu räumen. Unschlüssig
blieb sie stehen. Aber die Aussicht, als Heldin in der
Presse gefeiert zu werden, war dann doch zu verlockend.
Sie schlich weiterhin auf Zehenspitzen zur Wohnung und
presste ihr Ohr an die Tür.
„Mist“, dachte Vanesse, „hier hört man ja überhaupt
nichts.“ Sie überlegte gerade, wieder nach unten zu gehen,
als die Tür ruckartig geöffnet wurde und sie, völlig aus
dem Gleichgewicht geraten, in den sich öffnenden Flur
plumpste. Starr vor Angst war sie zunächst unfähig sich zu
bewegen.
„Aber hallo, wen haben wir denn hier?“ hörte sie die
Stimme von Benny. „Markus, darf ich dir Vanessa
vorstellen? Sie bewohnt die Wohnung unter mir. Vanessa,
das ist Markus, ein Kommilitone von mir. Wir studieren
beide Informatik hier in Mannheim. Und was führt dich zu
uns. Und überhaupt, weißt du nicht, wo meine Klingel ist?“
Als Vanessa den spöttischen Blick in Bennys Augen
bemerkte, löste sie sich aus ihrer Starre und wollte
hastig aufstehen. Knallrot im Gesicht brabbelte sie vor
sich hin.
„Bitte? Ich verstehe dich so schlecht.“ Mit einem lauten
Lachen reichte Benny ihr die Hand, ergriff sie mit festem,
aber nicht unangenehmem Griff und hob sie problemlos vom
Boden auf. Seine blauen Augen grinsten sie noch immer
spöttisch an.
Das Grinsen machte sie rasend vor Zorn. Sie wand sich
leicht in seinem Griff, den sie, wie sie sich eingestehen
musste, sogar als außerordentlich angenehm empfand und es
sprudelte nur so aus ihr heraus.
„Lass mich los, du Verbrecher. Ich habe es in meiner Küche
genau gehört. Du und dein sauberer Freund richtet hier ein
konspiratives Netzwerk von Terroristen ein. Ihr plant
bestimmt einen Anschlag. Ich habe genau gehört, wir ihr
gesagt habt, dass ihr aufpassen müsst, um nicht
aufzufliegen. Aber jetzt ist es zu spät, ich gehe zur
Polizei und werde alles erzählen.“ Schreckerfüllt schlug
sie sich mit der flachen Hand auf den Mund. Jetzt hatte
sie sich verraten und war den beiden Terroristen hilflos
ausgeliefert. Was würden sie nun mit ihr anstellen?
Horrorszenarien jagten sich vor ihrem geistigen Auge.
Benny und Markus sahen sich einen Moment verblüfft an.
Dann brachen beide in schallendes Gelächter aus. Sie
konnten sich gar nicht mehr beruhigen. Vanessa musste
zugeben, dass sie mit dieser Reaktion nicht gerechnet
hatte. Verblüfft glotzte sie die beiden an und wurde
langsam zornig, weil sie sich überhaupt nicht mehr
einkriegen konnten.
„Was gibt es da eigentlich so blöd zu lachen, ihr
Idioten?“
„Entschuldige, aber das ist einfach zu komisch.“ Benny
wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und zwang sich
dazu, wieder Ernst zu werden. „Vanessa, wir beide
studieren Informatik. Erwähnte ich, glaube ich, schon. Wir
wollen hier in meiner Wohnung ein Wireless LAN
installieren, um ins Internet zu können.“ Als er ihren
fragenden und misstrauischen Blick bemerkte, führte er
weiter aus. „Mit solch einem LAN kannst du mehrere
Rechner, also PC-Systeme, Notebooks, etc. miteinander
vernetzen. Es ist aber so, dass es dann nicht geschützt
ist. Und wenn wir nicht aufpassen, kann sich ein Fremder
in das Netzwerk einloggen und auf meine Kosten surfen. Wir
haben uns gerade eine Strategie überlegen wollen, wie wir
das verhindern können. Hast du nicht Lust, uns ein wenig
mit Rat und Tat bei einem Kaffee zur Seite zu stehen?“ Er
machte eine einladende Geste in Richtung Wohnung. „Jetzt,
wo du schon einmal hier bist.“
Zögernd und zutiefst beschämt nahm Vanessa die Einladung
an.
Noch heute denkt sie oft daran, wie sie Benny
kennengelernt hat. Sie wohnen noch immer im Jungbusch und
haben mittlerweile ein großes Netzwerk gemeinsamer Freunde
in einer gemeinsamen Wohnung in dem noch immer
heruntergekommen wirkenden Altbau aufgebaut.
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