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Frank starrte stumpfsinnig auf den
heruntergekommenen Kerl, der im Spiegel hinter dem
Barkeeper langsam das Glas mit dem – er stutzte kurz und
zuckte dann gelangweilt die Schultern – keine Ahnung
wievieltem Glas Schottischen Whiskeys „The Macallan“ hob
und ihm zuprostete. Er leerte das Glas in einem Zug,
stellte es eine Spur zu heftig zurück auf den Tresen und
ignorierte den leicht verärgerten Blick des Keepers.
„Noch mal dasselbe, bitte!“ Frank konnte seine Stimme
gerade noch unter Kontrolle halten.
„Komm schon, Frank“, erwiderte Tommy, der Besitzer der
verwahrlosten Kneipe im Ludwigshafener Schlachthofviertel
und fuhr sich mit einer fahrigen Bewegung über die vor
Fett triefenden Haare. Tommy passte sich mit seinem
fleckigen, ehemals weißem Hemd und den schlecht sitzenden
Stoffhosen, die nur mühsam seinen gewaltigen Wanst
einzudämmen versuchten, mühelos dem heruntergekommenen
Interieur seines Ladens und den in dieser Nacht noch
verbliebenen zwei Gästen an. „Du hast genug für heute.
Außerdem ist gleich Sperrstunde und ich muss schließen.
Kann mir keinen Ärger mit den Bullen mehr erlauben. Geh
nach Hause“, brummelte er missmutig zwischen den Zähne
hervor, seine längst erloschene Zigarre geschickt mit der
Zunge von einem Mundwinkel in den anderen bugsierend.
Frank lachte laut auf. Es war ein kurzes, meckerndes
Lachen, in dem jede Freude fehlte und das beinahe
hysterisch klang. „Welches Zuhause frag ich dich?“ Er
erhob sich leicht schwankend vom Barhocker, kramte mit
angestrengter Miene in seiner Jeans und zog schließlich
eine 50 Euro Banknote hervor und warf sie zerknittert auf
den Tresen. „Stimmt so“ knurrte Frank zum Abschied und
schwankte aus der Bar. Vor der Tür traf ihn die kalte
Faust der Winternacht mitten im Februar. Er knöpfte seinen
Mantel zu, stellte den Kragen auf und blickte missmutig
zur Lampe der Straßenlaterne neben ihm auf, um das wilde
Treiben der Schneeflocken, die der starke Wind wild
durcheinander wirbelte, zu beobachten. Auch noch das,
dachte sich Frank und machte sich zu Fuß auf den Weg zu
seiner Wohnung nach Oggersheim. Trotz der Kälte ging er
langsam. Wozu beeilen? Ihn erwartete nichts anderes als
das, was er auch hier auf der Straße fand – eisige Kälte
und Einsamkeit!
Seine Frau Michaela und er hatten sich
furchtbar in die Haare bekommen. Es war Freitagabend in
der letzten Woche. Sie hatten sich gleich nach Feierabend
getroffen und waren zusammen einkaufen. Dann hatten sie
ihre kleine Tochter Susanne aus dem Hort abgeholt und
Michaela bereitete gerade das Abendessen vor, als das
Telefon klingelte. Seine Frau nahm das Gespräch entgegen
und reichte ihm nach wenigen Sekunden mit finsterem Blick
den Hörer. Es war Janette, seine Kollegin, mit der er sich
sehr zum Leidwesen seiner Frau das Büro teilte. Janette
war eine gut aussehende Blondine, gut zehn Jahre jünger
als Michaela. Das nagte gewaltig an ihr und Frank konnte
sich den Mund fusselig schwätzen, seine Frau glaubte ihm
einfach nicht, dass dieses „blonde Gift“ nicht ein Auge
auf ihn geworfen hatte – und vor allem, er nicht auf sie.
Frank hörte zu, was ihm Janette zu sagen hatte. Er legte
auf, griff nach seinem Mantel und erklärte seiner Frau,
dass er nochmals ins Büro müsse, weil ein massiver
Stromausfall im Stadtteil Mundenheim die Anwesenheit aller
Ingenieure des Tiefbauamts erforderte. Damit das
beschädigte Kabel freigelegt werden konnte, musste
zunächst die defekte Leitung lokalisiert werden. Frank war
für das südliche Stadtgebiet zuständig. Seine Frau nahm
die Pfanne vom Herd und warf sie samt Inhalt in den
Ausguss. Während das mit dem kalten Wasser in Berührung
kommende heiße Fett zischend den Knall des Aufschlags
umhüllte, funkelten ihn Michaelas Augen wütend an. Rasend
vor Eifersucht machte sie ihm schwere Vorhaltungen, die
darin gipfelten, dass er sie nie wieder sehen sollte, wenn
er jetzt gehen würde. Beide wussten nicht, wie Recht sie
haben sollte.
Der Lärmpegel des Wortgefechts schwoll langsam zur
Orkanstärke an. Beide brüllten sich an und die kleine Susi
fing in ihrem Babystühlchen an zu schreien. Er versuchte
seiner Frau endgültig klar zu machen, dass sie sich in ein
verrücktes Hirngespinst verrannt hatte und er davon die
Schnauze voll habe. Er müsse nun los, da er sich sonst
nächste Woche einen neuen Job suchen könne. Er ließ seine
Frau einfach in der Küche stehen, knallte die Tür ins
Schloss und fuhr ins Büro.
Was danach geschehen war, konnte er nur erahnen.
Mittlerweile war ihm bewusst geworden, dass er schon
wieder stehengeblieben war und trübe vor sich hin starrte.
Er zwang sich, weiter zu gehen. Er hatte nicht einmal ein
Viertel seines nach Hause Weges hinter sich gebracht und
der Schneesturm nahm zu.
Als er in der städtischen Behörde eintraf, waren sämtliche
Ingenieure seiner Abteilung um den großen Kartentisch
versammelt. Er ignorierte den bissigen Kommentar seines
Vorgesetzten, ob er sich denn verfahren habe, und machte
sich mit seinen Leuten auf die Suche nach Fehler im
Stromnetz, der einen ganzen Stadtteil in Dunkelheit
gehüllt hatte. Es dauerte lange, bis sie den Bereich
soweit eingegrenzt hatten, dass sie die „Maulwürfe“, quasi
ihre schnelle Eingreiftruppe vor Ort, gezielt losschicken
konnten. Im Stress der letzten Stunden war ihm gar nicht
aufgefallen, dass sein Handy immer wieder geklingelt
hatte. Nun ertönte erneut die Erkennungsmelodie der
Fernsehserie „Charmed“ die er und seine Frau so mochten.
Wie um die Dringlichkeit des Anrufs zu unterstreichen,
schien sein Handy über die Schreibtischplatte auf ihn
zuzuhüpfen. Er nahm das Gespräch entgegen und vergaß
augenblicklich alles um sich herum, als am anderen Ende
der Leitung sich eine männliche Stimme meldete, die sich
als Hauptwachtmeister Kahne vorstellte und seinen
Aufenthaltsort wissen wollte. Herr Kahne bat ihn, dort zu
bleiben und auf ihn zu warten.
Frank war erneut stehengeblieben und als er an die
folgenden Stunden nach dem folgenschweren Telefonat
dachte, liefen ihm erneut Tränen über die Wangen. Zitternd
vor Schmerz krümmte er sich zusammen und torkelte auf die
Straße. Er hatte nun einen Abschnitt erreicht, wo die
Häuser aufgehört und einer großen Ackerfläche Platz
gemacht hatten. Er rannte über die Straße, über den Gehweg
und konnte einfach nicht anhalten.
„Sie hat auf der Auffahrt zur B 9 die Gewalt über ihren
Wagen verloren und ist ungebremst an einen Brückenpfeiler
geprallt. Der Wagen fing sofort Feuer. Ihre Frau…und Ihre
Tochter waren in dem Wrack eingeklemmt. Jede Hilfe kam zu
spät. Es…tut mir leid!“
Ein markerschütternder Schrei zerriss die Finsternis der
Nacht. Selbst das immer dichter werdende Schneetreiben
konnte den anklagenden Ruf, der auf einem schmalen Grat
zwischen Vernunft und Wahnsinn wandelte, nicht dämmen. In
der Ferne schlug ein Hund an. Er hatte ihr noch so viel
sagen wollen, dieser dumme Streit. Es war nicht richtig,
was sich da vor ein paar Nächten ereignet hat. Frank sank
auf die Knie und knöpfte sich den Mantel auf, nahm seinen
Schal vom Hals.
„…and I did it my way…“
Frank erhob sich mühsam und ließ die Kleidungsstücke
achtlos fallen. Er streifte sich seine Stiefel von den
Füßen und zog sich Hose und Strümpfe aus. Er zog sich
seinen Rollkragen-Pullover über den Kopf und betrachtete
ihn mit schmerzerfülltem Blick. Michaelas letztes
Weihnachtsgeschenk. Ein weiterer Krampf schüttelte seinen
nun fast nackten Körper erneut durch. Frank stolperte
weiter achtlos über den Acker und zerriss sich noch seine
letzten Kleidungsstücke. Er dachte noch mal an den
Evergreen seines berühmten Namensvetters und setzte sich
nackt auf den hartgefrorenen, mit kaltem Schnee
überzogenen Boden. Er spürte, eine innere Ruhe wieder
einkehren. Michaela stand plötzlich vor ihm und streckte
ihre Hand aus. „Ich komme, mein Liebling, ich komme. Ich
lass dich nie mehr allein.“
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