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Die Farbe des langsam durch die verlassenen Straßen der
typisch deutschen Vorstadt rollenden Wagens ist im
Dämmerlicht der tief stehenden Sonne nicht mehr genau
auszumachen. Der Sommer, der eigentlich keiner war, neigt
sich langsam dem Ende und die Sonne steht schon recht tief
und erschwert es dem Betrachter, das Fahrzeug detailliert
zu betrachten. Keine Menschenseele weit und breit, niemand
bringt dem Wagen auch das kleinste Zeichen von
Aufmerksamkeit entgegen.
Hinter den akkurat angelegten und gepflegten Vorgärten
brennt in den Häusern bereits Licht, wenn sich die Leute
zum Abendbrot gemeinsam an den Tisch setzen. Ich beobachte
vom Wageninnern heraus still die Szenerie. Regungslos,
fixiert auf mein Ziel. Meine Auftraggeber hatten mir die
Adresse und die Zielperson genannt und wie immer pünktlich
die erste Teilzahlung von sechzig Prozent auf mein Konto
auf den Kaiman-Inseln überwiesen. Die Zahlung lief über
mehrere Dutzend Server, die quer auf dem gottverdammten
Globus verteilt sind. Die Bullen können noch so clever
sein, ich bin cleverer. Der Anflug eines Grinsens löst den
maskenhaften Ausdruck in meinem Gesicht kurzfristig ab.
Ich lenke den Wagen in eine Parklücke am Straßenrand und
betrachte das Anwesen, in dem sich die Zielperson
aufhielt, in sicherem Abstand im Rückspiegel. Noch wenige
Stunden, dann wird sie zu einer Schlagzeile in der lokalen
Presse taugen.
Schnell, sicher und ohne eine Spur zu hinterlassen! Noch
in derselben Nacht werde ich wieder das Land verlassen, in
das ich erst heute früh eingereist bin. Wer weiß schon im
Voraus, wo mich der nächste Auftrag hinführen wird.
Ich bin ein Meister meines Fachs und meine Auftraggeber
sind immer zufrieden mit mir. Niemand weiß um meine wahre
Identität, die Szene spricht bewundernd von einem Phantom,
dem niemand habhaft werden kann. Ich unternahm natürlich
Nichts, um sie von diesem Glauben abzubringen. Im
Gegenteil, unzählige ungeklärte Mordfälle in den letzten
Jahren unterstreichen vielmehr die über mich in der
Unterwelt verbreiteten Gerüchte.
Ohne die Observierung zu vernachlässigen, schweifen meine
Gedanken in die Vergangenheit. Ich kenne diese Stadt. Sehr
gut sogar. Ich bin hier geboren, habe meine Kindheit hier
verbracht und viele Freunde gehabt. Auf einmal hat sich
meine heile Welt, die ich als Heranwachsender so liebte,
in eine Hölle verwandelt. Niemand nahm mich auf die Seite
und sagte, pass’ auf Kleiner, gleich passiert was. Nein,
das Leben ist hart und brutal und nimmt keine Rücksicht.
Auf niemanden. Ich habe mich im Laufe der Zeit dem Leben
gestellt und mit unbarmherziger Grausamkeit
zurückgeschlagen.
Mit offenen Augen, den Rückspiegel nicht aus den Augen
lassend, überzieht mein Erinnerungsvermögen meinen
Verstand mit den Bildern längst vergangener Tage....
Es war schon Herbst vor zwanzig Jahren, als ich spät
abends eine Schulfreundin besuchen wollte. Ich hatte seit
kurzem den Führerschein und wollte sie zu einer Spritztour
abholen. Ich grinste über das ganze Gesicht und war mit
der Welt zufrieden. Es lief gut. Wir hatten uns schon
immer gut verstanden und jetzt kamen wir uns endlich ein
wenig näher. Mal schauen, wie weit man sich in so einem
Auto näher kommen konnte. Das Grinsen auf meinem Gesicht
wurde noch breiter. Der Nissan war nicht besonders schön,
aber er war bezahlt, gehörte mir alleine und erfüllte
seinen Zweck. Ich kam von A nach B und musste endlich
keinen Bus mehr fahren.
„...they were singing a song for you...“ Marillion’s
“Lavender” dröhnte aus den Boxen und ich grölte lauthals
mit. Endlich hatte ich das Haus von Andrea erreicht, in
dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater lebte. Ich
runzelte kurz die Stirn. Komische Leute waren das. Höflich
zwar, aber ich hatte stets das Gefühl, dass sie etwas vor
einem verbargen. Ich zuckte mit den Schultern. Aber ihre
Tochter riss das alles heraus. Ich parkte am Straßenrand
gegenüber des Anwesens, stellte den Motor ab und die
lautstarke Stimme von FISH verstummte augenblicklich. Die
Stille wurde zerrissen von einem markerschütternden
Schrei, der mir augenblicklich kalten Schweiß auf die
Stirn treten ließ. So was hatte ich noch nie gehört. Ohne
nachzudenken, öffnete ich die Wagentür und blieb witternd
wie ein Tier in der kalten Oktobernacht stehen, um den
Ursprung des Schreis ausfindig zu machen. Ich vernahm ein
schwaches Wimmern und schlagartig wurde mir klar, dass es
aus dem Haus von Andrea kam. Mit langen Schritten rannte
ich über die Straße, stolperte die vier Stufen zur
Eingangstür hoch und packte mit der rechten Hand die
Türklinke. Im selben Moment wurde die Tür mit brutaler
Gewalt aufgerissen und ich fiel fast in den Hausflur. Ich
wurde an den Aufschlägen meiner Jacke gepackt und von
einem Kerl mühelos in die Luft gehoben und
Sekundenbruchteile später krachte mein Rücken an die Wand.
Ächzend entwisch meinen Lungen jegliche Luft. Zugleich
bohrte sich irgendein spitzer, harter Gegenstand zwischen
meine Schultern und trieb mir die Tränen in die Augen. Ich
schaute in ein von Narben verunstaltetes, feistes Gesicht,
aus dem mich zwei kleine Augen hinterlistig anfunkelten.
„Ey, wen haben wir denn da. Etwa der Stecher der kleinen
Schlampe da drüben?“ Sein Kopf zuckte leicht nach rechts.
„Da kommst Du aber reichlich spät, Kleiner, das haben wir
schon für dich erledigt.“
Nur mühsam verarbeitete mein Gehirn das Gehörte und noch
mühsamer konnte ich meinen Blick von dem feisten
Schweinegesicht nehmen und in die angedeutete Richtung
blicken. Mein Verstand setzte aus. Im Nachhinein
betrachtet, wahrscheinlich sogar eine Spur zu lange. Was
ich nun sah, beendete schlagartig mein bisheriges Leben.
An der hinteren Wand im Zimmer hing der Körper von Andrea.
Gekreuzigt, lange Nägel ragten aus ihren schmalen
Schultern und aus ihren feingliedrigen Händen. Ihr nackter
Körper trug zahlreiche Spuren unvorstellbarer Quälereien,
bis der Tod endlich ein Einsehen gehabt und seinen treuen
Helfer geschickt hatte, um sie zu sich zu holen. Ich sah
noch eine weitere Gestalt auf mich zukommen. Dessen
Gesicht wurde von einer tief über den Kopf gezogenen
Kapuze vollständig verborgen. Der Sensenmann stand noch
immer hier im Raum.
„Du verdammtes Arschloch“, fuhr er seinen Komplizen an,
„quatsch nicht so viel und leg diesen Wichser um.“
„Komm, lass uns erst noch ein wenig Spaß haben mit ihm.“
„Nein, du perverser Psychopath. Dafür haben wir keine Zeit
mehr.“ Ich sah, wie der Kapuzenmann ausholt und erkannte
aus den Augenwinkeln die scharfe Klinge seine
Fleischerbeils, dessen riesige Klinge mit unglaublicher
Geschwindigkeit in meinem Blickfeld immer größere
Dimensionen annahm. Der explodierende Schmerz raubte mir
augenblicklich das Bewusstsein.
Ich hörte Vögel zwitschern. Also scheint es wirklich
friedlich im Himmel zu sein. Jetzt wollte ich einen Engel
sehen und versuchte meinen Kopf zu heben. Das Ergebnis war
der Klang einer schrillen Frauenstimme, die schmerzhaft
wie eine Dampframme in meinem Kopf dröhnte. Ich ließ
meinen Kopf wieder auf das Kissen sinken.
„Oh mein Gott. Er hat sich bewegt. Schnell rufen sie einen
Arzt.“ Das Gemurmel wurde lauter und nach wenigen
Augenblicken spürte ich, wie jemand vorsichtig meinen Kopf
anhob. Kurze Zeit später blinzelte ich in gleißendes
Sonnenlicht.
„Was....was soll der Scheiß?“ Ich hörte erleichtertes
Lachen. Von der anderen Seite meines Kopfes hörte ich ganz
klar die Stimme meiner Mutter. Ich drehte meinen Kopf zu
ihr, was mir ziemliche Mühe bereitete und sah sie
verblüfft an. „Mutter, was machst du denn hier? Wo bin
ich?“
Ein Mann in weißem Kittel trat neben meine Mutter und ich
sah, wie sein ernsthafter Gesichtsausdruck einem
erleichterten Platz machte. Er fragte mich nach meinem
Namen, Alter, dem Namen meiner Mutter und nickte dann,
nachdem ich auf den Blödsinn die richtigen Antworten
gegeben hatte, zufrieden.
„Er hat unheimliches Glück gehabt. Er wird wieder
vollständig gesund und auch eine Narbe wird nicht sichtbar
zurückbleiben. Seine Haare werden sie verbergen. Wir
lassen sie jetzt alleine.“ Er drehte sich ab und verließ
diesen seltsam sterilen Raum.
„Mutti, was ist los? Wo zur Hölle bin ich hier?“
„Hör auf zu fluchen und danke Gott unserem Herrn, dass du
noch lebst.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort „du
kannst dich wirklich an nichts mehr erinnern, oder?“
„Nein, verdammt, aber es wäre nett, wenn du mir auf die
Sprünge helfen würdest. Wovon hat dieser Penner eben
gesprochen. Und wo bin ich hier?“ Die letzten Worte hatte
ich ihr wütend entgegengeschleudert.
„Reg dich bitte nicht auf. Die Ärzte sagen, dass du noch
viel Ruhe für deine Heilung brauchst. Deswegen kann ich
dir auch nicht alles erzählen.“
Sie begann mir zu erklären, wo ich war. Warum ich mich an
diesem Ort aufhielt und was mir zugestoßen war. Dieses
letzte Detail reichte aus, um mein Erinnerungsvermögen
wieder herzustellen. Wo eben noch ein Filmriss war,
funkelte jetzt ein gestochen scharfes Bild.
Andrea, das fette Schwein und der Kapuzenmann mit dem
Hackebeil. Wider Erwarten blieb ich ruhig. Unbekannte
Kälte griff mit frostigen Fingern nach meinem Herzen und
umkrallte es mit erbarmungslosen Griff. Mein Verstand
arbeitete fieberhaft. Ich konnte es drehen und wenden wie
ich wollte. Vorerst war ich noch viel zu schwach, um den
Laden hier zu verlassen. Im Gegenteil, je ruhiger ich mich
verhalten würde, desto früher konnte ich in mein Leben
zurück. In ein Leben, dass es so nicht mehr gab. Etwas
Neues hatte Einzug gehalten. Es loderte wie ein
Höllenfeuer in mir und meine Gedanken kreisten nur noch um
einen Ausdruck. Ich wollte Rache. Ich würde sie jagen. Ich
würde sie töten. Und nichts würde mich stoppen können. Das
war ich Andrea schuldig.
Meine rechte Hand fährt über die Augen und ich nehme
augenblicklich den schwachen Geruch des Hirschleders wahr,
das Material meiner Handschuhe, die meine Hände umhüllen.
Aber all das, was mich in den letzten Jahren in
ungezählten Alpträumen immer und immer wieder gequält hat,
lässt sich nicht mit einer einfachen Handbewegung
vertreiben. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt mir, dass
sich im observierten Haus noch nichts getan hat. Meine
Augen fixieren mein Spiegelbild. Oben auf meiner Stirn,
direkt am Übergang zu meinen Haaren ist eine dünne Linie
erkennbar. Die Narbe, die mich mein ganzes verdammtes
Leben an diesen Abend erinnern wird.
In den nächsten sechs Monaten pendelte ich ständig
zwischen meinem Krankenzimmer und den Folterkammern der
Physiotherapeuten hin und her. Monika, meine Therapeutin,
klärte mich darüber auf, dass ich wie durch ein Wunder
überlebt hatte. Das Beil hat den Schädel zwischen linkem
Auge und Ohr getroffen und obwohl der Schlag mit
unheimlicher Wucht ausgeführt wurde, ist der Knochen heil
geblieben. Das Beil blieb einfach stecken, ohne mein Hirn
zu pürieren.
„Das muss an deinem Dickschädel liegen“, meinte sie
scherzhaft. Sie berichtete häufig der Klinikleitung, dass
sie noch nie einen Patienten gehabt hatte, der so
verbissen an seiner Genesung gearbeitet hatte. Pausen
lehnte er schlichtweg ab, er arbeitete bis zur totalen
körperlichen Erschöpfung. Eingeliefert mit leicht
pummeliger Statur, war auch eien physiognomische
Veränderung zu beobachten. Durch die anstrengenden Übungen
in der Physiotherapie verlor er etliche Pfunde und bildete
zahlreiche Muskeln aus, die auf eine gewisse Art von
Zähigkeit hinwiesen. „Ich kann nichts negatives über den
Patienten sagen“, erklärte Monika eines Tages dem
Klinikdirektor, „er tut alles, was ich von ihm erwarte. Er
ist höflich und nett, aber wenn sie mit ihm arbeiten
müssen, haben sie das Gefühl mit einem mit Fleisch
überzogenen Eisklotz zu hantieren. Ich habe noch niemals
solch einen kalten Menschen erlebt. Noch dazu in diesem
Alter.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Würde mich nicht
wundern, wenn er so ein Ding wäre wie in dem neuen Film
von Schwarzenegger...wie war das noch, ach ja, ein
kybernetischer Organismus.“
„Blödsinn, das bilden Sie sich nur ein. Die Übungen sind
sehr hart, es wird einfach die Anstrengung sein. Noch zwei
oder drei Wochen, schätze ich, dann können wir ihn
entlassen.“
Tatsächlich dauerte es keinen Monat mehr, bis mich die
Klinik als vollständig geheilt entließ. In den langen,
einsamen Nächten hatte ich mir meinen Plan für meine Rache
bis ins kleinste Detail ausgedacht. Als erstes musste ich
von hier verschwinden.
In den ersten Wochen nach meiner Heimkehr spürten
insbesondere meine Mutter und meine Klassenkameraden meine
Veränderung. Nichts war mehr so wie früher und meine
Freunde fingen an, mich zu meiden. Meine Mutter machte
sich solche Sorgen um mein Wohlergehen, dass sie mir
innerhalb kürzester Zeit mächtig auf den Sack ging.
Streitereien waren an der Tagesordnung. Ich spürte, dass
mir langsam aber sicher die Sicherungen durchknallten und
ich beschloss, dass der Zeitpunkt gekommen war, das Weite
zu suchen. Die notwendigen Informationen für meine
bevorstehende Reise hatte ich mir alle besorgt.
Ich fuhr nach Norden, heuerte auf einem Frachter an und
machte mich auf die weite Reise nach China. Ich war
gegangen, ohne mich von irgendjemandem zu verabschieden.
Es war mir scheißegal, was aus meiner Familie wurde. Es
gab für mich nur den einen Gedanken, der mich am Leben
hielt. Rache ist ein extrem erfolgreicher Motivator und
hilft einem, sämtliche Schwierigkeiten, die sich einem in
den Weg stellen, aus dem Weg zu räumen.
In China angekommen, machte ich mich auf die Suche nach
einem Kloster fernab jeder Zivilisation, von dem ich
während meiner Zeit im Krankenhaus in einem Jugendmagazin
gelesen hatte, um mich dort in der gelehrten Kampfkunst
ausbilden zu lassen. In meiner Naivität dachte ich, die
würden nur auf mich warten.
Ich wanderte mehrere Wochen durch das riesige Land, stets
auf der Hut vor irgendwelchen marodierenden Soldaten oder
Polizeikräften, die sicher ihren Spaß mit mir gehabt
hätten, wäre ich ihnen in die Hände gefallen. Irgendwann
verlor ich jegliches Zeitgefühl. Der tagelange Monsunregen
trommelte unaufhörlich auf meinen Kopf und urplötzlich
stand ich vor den gewaltigen Mauern einer Klosteranlage,
die der Urwald unverhofft freigegeben hatte. Ich wurde
hereingelassen und tatsächlich sprach einer der Mönche ein
wenig Englisch. Ich trug mein Anliegen vor und erntete nur
Gelächter. Verzweifelt und zornig zugleich, stürzte ich
mich auf den Abt des Klosters, zu dem man mich gebracht
hatte. Ich war keine fünf Schritte weit gekommen, als ein
gezielter Tritt an meinen Kopf mich ins Reich der Träume
schickte.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem spartanisch
eingerichteten Raum auf einem Haufen Stroh. Mein
Dolmetscher war bei mir und grinste mich blöde an. Er
erklärte mir, dass ich aufgrund meines Angriffs, der mir
als eine Art Mut ausgelegt wurde, in der Bruderschaft
aufgenommen sei. Ich wurde ganz aufgeregt. Ich richtete
mich auf und sagte ihm, dass ich sofort mit dem Training
beginnen wollte. Er schüttelte nur den Kopf. „Nein, nein,
nicht Training, Arbeit. Ja, Arbeit. Du mitkommen.“
Der Abt empfing mich erneut und gab mir klipp und klar zu
verstehen, welche Aufgaben er für mich vorgesehen hatte.
Als Weißer war ich hier eine Art Aussätziger und so
behandelten mich alle. Ich musste die Drecksarbeit für die
Mönche verrichten und sie schlossen hinter meinem Rücken
Wetten ab, wie lange ich durchhalten würde. Es verging
kein Tag, an dem ich keine Prügel bezog. Aber mit
stoischer Ruhe ließ ich alles über mich ergehen. Über die
Jahre brachten sie mir ungezählte Verletzungen bei, meinen
Willen konnten sie aber nicht brechen. Ich beobachtete
alles ganz genau. Und ich lernte zurückzuschlagen. Ich
lernte schnell. Von Tag zu Tag wurde ich besser, brutaler
gegen mich selbst und meine Gegner. Mitleid war etwas für
Schwächlinge.
Mao Ling, der Abt des Klosters, war so über meinen Willen
erstaunt, dass er anordnete, mich fortan mit den
Klosterschülern in der Kampfkunst zu unterrichten und so
meine brachliegenden Fähigkeiten auszubilden. Er sah in
mir einen Rohdiamanten, den es zu schleifen galt.
Neben der Ausbildung meines Körpers, kümmerte er sich
persönlich darum, mich in die Geheimnisse der asiatischen
Meditation einzuweihen. Wir verbrachten viel Zeit in den
umliegenden Wäldern. Er lehrte mich viel über die uralten
Überlieferungen seines Ordens. Er zeigte mir neue Wege
auf, um meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Was ich
anfangs für verschwendete Zeit hielt, offenbarte mir recht
schnell, dass ich meine negative Energie noch mehr
fokussieren und noch unbarmherziger gegen meinen Gegner
vorgehen konnte. Ich stellte fest, dass ich generell
ruhiger wurde und meine Schritte mit Bedacht wählte. Die
flammende Wut war kaltem Kalkül gewichen. Und dem Wissen,
dass ich bald die nächste Stufe auf dem Pfad meiner Rache
erreichen würde.
Eines Abends nahm mich Mao Ling zur Seite und erklärte mir
feierlich, dass ich bereit sei, die Prüfung abzulegen, um
die Weihe zum Mönch zu erhalten. Ohne eine Antwort
abzuwarten, stürzten wie aus dem Nichts fünf schwarz
gekleidete, maskierte Männer in den Raum und griffen mich
mit gezogenen Schwertern an. Es dauerte keine Minute und
alle fünf krepierten in ihren Blutlachen. Mao Ling schien
zufrieden. Er ließ mich in einen verdunkelten Raum
bringen. Hier wartete ich. Minute um Minute verstrich,
schließlich wohl auch Stunde um Stunde. Plötzlich sprach
eine wohlsituierte Stimme in nahezu akzentfreiem Englisch.
„Mao Ling sagt, du seiest der beste Schüler, den er in den
letzten Jahren ausgebildet hat. Das gefällt mir. Ich bin
stets auf der Suche nach den Besten.“ Nach einer
kunstvollen Pause, in der er seine selbstgefälligen Worte
wirken lassen wollte, fuhr er fort.
„Mao Ling und ich arbeiten seit Jahren zusammen. Ich sorge
dafür, dass er hier in aller Abgeschiedenheit leben kann
und er tritt mir bei Bedarf seinen besten Schüler ab. Du
wirst ab jetzt für mich arbeiten, verstanden? Du bekommst
einen ersten Auftrag. Führst du ihn zu meiner
Zufriedenheit aus, wirst du reich werden. Wenn nicht,
wirst du bald sterben.“
„Unter einer Bedingung“, erwiderte ich. Irritiert, dass
ich gewagt hatte, ihn anzureden, reagierte er verärgert.
„Du wagst es eine Bedingung zu stellen???“ Ich vernahm
sein lautes Schnaufen. Unschlüssig wie er weiter vorgehen
sollte, verstrichen weitere Minuten, ehe er weiterredete.
„Aber gut, Du bist kein Chinese. Daher will ich Dir
vergeben. Was begehrst Du?“
„Wenn ich den Auftrag erledige, will ich kein Geld. Ich
will zurück nach Deutschland und dort zwei alte Freunde
besuchen, die schon viel zu lange auf dieser Erde leben.“
„Ich verstehe. Ich mag Schüler, die zeigen, dass sie
gewillt sind, ständig zu lernen. Erfüllst du deinen
Auftrag, bekommst du alle deine Bedingungen erfüllt.“
Die Tür des Hauses öffnet sich und pünktlich auf die
Minute geht meine Zielperson mit dem Hund spazieren. In
knapp fünfzehn Minuten wird sie zurück sein, dann wird es
Zeit für sie, zu gehen. Endgültig! Ich erinnere mich noch
sehr gut an meinen ersten Auftrag.
Ein fetter, widerwärtiger chinesischer Geschäftsmann, der
seine männlichen Mitarbeiter ausbeutete und seine
weiblichen allesamt bestieg. Ich habe ihn besucht, als er
sich gerade einen blasen ließ. Er kam nicht mehr zum
Schuss. Ein einziger Schlag mit der flachen Hand trieb
sein Nasenbein in sein Hirn. Ein viel zu schneller Tod für
solch ein Schwein. Bevor sich die Frau umdrehen konnte,
war ich schon wieder verschwunden. Einem Phantom gleich.
Mein Auftraggeber war sehr zufrieden und ließ mich mit
seinem Privatjet nach Deutschland fliegen. Monatelang
durchstreifte ich die Gegend meiner alten Heimat, ohne
eine Spur von dem fetten Schwein und dem Kapuzenmann zu
finden. Ich studierte die alten Zeitungen, die ausführlich
über den Fall vor knapp zwei Jahrzehnten berichtet hatten.
Mein Auftraggeber hatte mich noch vor Erledigung meines
ersten Auftrags einem Crashkurs in Computertechnologie
unterzogen. Informationen waren das wichtigste in meinem
neuen Job.
Ich hackte mich in das Polizeisystem ein und durchforstete
deren Archive. Das Blatt wendete sich zu meinen Gunsten:
ich fand in einer Datei die Akte über das fette Schwein,
den sie mal wegen Körperverletzung verknackt hatten. Von
einem Mord an einer jungen Frau stand da nichts. Sein
Schicksal war besiegelt, er wusste es nur noch nicht.
Seine Wohnung lag in einem heruntergekommenen Stadtteil,
in dem der soziale Wohnungsbau seltsame Blüten getragen
hat. Seine Wohnung war nicht schwer zu finden und noch
leichter war es, darin einzudringen. Der Gestank in der
Bruchbude war schier unerträglich. Auf dem Boden lag in
einer Lache seiner eigenen Kotze der Mann, an den ich
Abend für Abend seit dem Tag im Krankenhaus gedacht hatte.
Der Grund dafür, dass ich von einem erbarmungslosen Hass
zerfressen wurde, der mir jegliche Chance auf ein normales
Leben genommen hatte. Der Hals einer leeren Wodkaflasche
ragte aus seiner Hand. Lautlos glitt ich auf ihn zu und
trat ihm voller Wucht in die Eier. Den Mund weit
aufgerissen, schreckte er auf und rang heftig nach Luft.
Fassungslos starrte er mich aus ausdruckslosen Augen an.
Mit eisernem Griff hielt ich ihm den Mund zu und zischte:
„Hallo Fettsack. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie
lange ich auf diesen Moment gewartet habe.“
Eine krachende Rechte an die Schläfe schickte ihn wieder
ins Reich der Träume.
Als er wieder erwachte, hatte ich ihn auf den einzigen
noch heilen Stuhl in seinem Wohnzimmer festgebunden. Ein
Knebel verhinderte, dass er sich bemerkbar machen konnte.
Die Arme und jeder einzelne Finger waren auf den beiden
Lehnen des Stuhls festgeschnallt.
Der Raum war in völlige Dunkelheit getaucht. Ich stand
hinter ihm und starrte schon geraume Zeit auf den
kahlköpfigen Schädel. Ich erwachte aus meiner Lethargie
und trat langsam um ihn herum. Ich knipste das Licht an
und er versuchte durch Drehen seines Kopfes dem blendenden
Schmerz in seinen Augen auszuweichen. Nach kurzer Zeit sah
er mich an, hielt meinem Blick aber nicht lange stand.
„Ist eine schöne Scheiße, oder, wenn man so hilflos ist?
Fällt dir dazu irgendetwas ein?“ Er glotzte mich nur blöde
an. „Du scheinst wirklich nicht zu wissen, wer ich bin,
nicht wahr. Kann man von so einem Hasenhirn auch nicht
wirklich erwarten. Aber da ich heute einen guten Tag habe,
werde ich Deiner Erinnerung mal ein wenig auf die Sprünge
helfen. Es war vor etwas mehr als zwanzig Jahren, ein
kühler Abend im Herbst, hier in dieser Stadt. Ich wollte
eine Freundin besuchen und fand den Tod. In jeder
Hinsicht. Meine Freundin war tot und ich war es wenige
Minuten später auch. Nicht körperlich, nein, da hat dein
Freund mit der Kapuze einen schlechten Job gemacht, aber
emotional.“ Ich sah ihn eine Weile schweigend an. „Ich
fürchte, dass wird die Sache für Dich nicht einfacher
machen.“ Ich beugte mich zu ihm herab und schaute ihm in
die Augen. Irgendetwas an meinem Blick ließ ihn erkennen,
dass sein Leben schlagartig ein Ende finden würde. Ich
hörte ein leises Platschen und schaute nach unten. „Sieh
mal an, der harte Mann hat sich vor Angst in die Hosen
gepisst.“
Meine Hand umfasste sein Kinn und nahm im jede
Möglichkeit, den Kopf wegzudrehen.
„Jetzt hör mir genau zu. Ich werde heute Nacht noch diesen
Raum verlassen und dann wirst du tot sein. Das ist ein
unumstößlicher Fakt. Aber ich schlage dir einen Deal vor:
wenn du mir sagst, wo ich den Kapuzenmann finde, wird es
schnell und schmerzlos sein. Ich werde dir jetzt den
Knebel aus dem Mund nehmen. Falls du schreist, schneide
ich dir die Zunge heraus.“
Ich löste seinen Knebel und er benötigte eine Zeit, bis er
mir eine Antwort geben konnte. „Leck mich am Arsch, du
blöder Wichser!“
Mit einem brutalen Griff zwängte ich seine Kiefer
auseinander, zerrte seine Zunge aus seinem Mund und
schnitt sie mit einer fließenden Bewegung mit meinem
Messer ab, das ich wie immer in einer Scheide zwischen den
Schulterblättern trug. Sekundenbruchteile später führte
ich mit geradezu chirurgischer Präzision einen weiteren
Schnitt an seinem Hals durch, der seine Stimmbänder
durchtrennte. Der Schmerzensschrei erstarb augenblicklich.
Aufkommender Wahnsinn erschien kurz in seinen Augen,
verschwand aber wieder. Noch jedenfalls.
„Das war die falsche Antwort. Jetzt hast du deine einzige
Chance verspielt. Hör mir gut zu: ich werde dir die Frage
immer und immer wieder stellen, bis du bereit bist, mir
den Aufenthalt von deinem Kumpel zu sagen. Ach ja, du
kannst ja nicht mehr reden. Hmm, dann kannst du ihn ja
aufschreiben. Also, wo finde ich ihn?“
Er schüttelte so heftig den Kopf, dass er fast vom Stuhl
fiel. Wie Butter fuhr die Schneide des Messers durch Haut,
Fleisch, Sehnen und Knochen seines linken, kleinen
Fingers. Erneut bäumte sich sein geschundener Körper auf.
Die Fesseln unterbanden aber jede Möglichkeit zur Flucht.
„Das habe ich ja ganz vergessen: jedes Mal, wenn du mir
keine Antwort gibst, werde ich ein Stück von dir
abschneiden. Erst die Finger, dann die Hand, deinen
Unterarm und dann deinen Arm. Dann steche ich dir die
Augen aus. Solltest du dann immer noch weiterspielen
wollen, mache ich mit deinen Beinen weiter. Den rechten
Arm lasse ich dir noch ein wenig länger, vielleicht hast
du ja irgendwann keine Lust mehr und willst mir doch etwas
mitteilen. Also, nächste Runde in unserem lustigen
Frage-Antwort-Spiel: wo ist er?“
Er schüttelte erneut den Kopf und sein Ringfinger folgte.
Die Schmerzen ließen ihn so heftig zusammenzucken, dass er
mit dem Stuhl umfiel. Ich stellte ihn wieder auf und hob
ein Schreibblock in die Höhe.
„Hast du es dir jetzt anders überlegt?“ fragte ich ihn
ungerührt.
Er nickte heftig mit dem Kopf und so löste ich die
Fixierung seiner rechten Hand. Er schrieb mit zitternder
Schrift einen Namen und eine Adresse auf das Papier.
Zufrieden betrachtete ich das Gekritzel.
„Siehst du, war doch ganz einfach.“ Ich faltete das Papier
zusammen und steckte es ein. Mit einer ruckartigen
Bewegung packte ich den Kragen seines vor Dreck und Blut
starrenden Pullovers und riss ihn auseinander. Fettes,
weißes Fleisch, mühsam unter Kontrolle gehalten, ebnete
sich seinen Weg. Ich stieß ihm das Messer in den Wanst und
führte die Klinge langsam und bedächtig nach oben zu
seinen Rippen. Ein Schwall warmes Blut quoll aus dem
tiefen Schnitt, als Vorbote für seine Gedärme, welche die
neue gewonnene Freiheit für sich entdeckten und aus der
Bauchhöhle heraus platzten.
Da war er wieder, der alles in Dunkelheit tauchende
Wahnsinn. Diesmal blieb er in den Augen des Mörders von
Andrea.
„Nur für den Fall, dass du mich angelogen hast und ich den
Typen nicht ausfindig machen kann, komme ich zurück und
verbrenne deine dreckigen Gedärme und du darfst dabei
zusehen. Und mache dir keine Sorgen, du wirst auf jeden
Fall einen Logenplatz haben. So schnell krepierst du
nicht. Hast du aber nicht gelogen, dann hast du Glück.
Dann werden wir uns nämlich nicht mehr wieder sehen. Und
du krepierst trotzdem.“
Ich drehte mich um und verlies die Wohnung. Er wurde eine
Woche später halb von Maden zerfressen von einer Nachbarin
gefunden, die erst einmal vor Ekel auf die Leiche kotzte.
Ich sehe, dass meine Zielperson von ihrem nächtlichen
Spaziergang mit dem Hund zurückkommt. Ich gleite aus dem
Wagen und werde Eins mit der Dunkelheit. In kürzester Zeit
befinde ich mich hinter ihr, packe ihren Kopf und breche
ihr mit einer ruckartigen Bewegung das Genick. Ihr Hund
will auf mich losgehen, aber ich lege all meine Kraft in
den einen Schlag auf seine Nase. Ich höre, wie Knochen
splittern. Ein leises Winseln ist alles, was der Hund in
den letzten Sekunden seines Lebens von sich gibt. Ich lege
wie immer eine schwarze Rose auf die Tote und begebe mich
zurück zum Wagen. Im Schatten eines Baumes bleibe ich
witternd stehen und suche die Umgebung ab. Nein, das ist
niemand. Keiner hat gesehen, was soeben geschehen ist. Ich
steige in meinen Wagen, lasse den Motor an und fahre
langsam davon. Minuten später erreiche ich die Autobahn,
die mich zum Flughafen bringen wird. Mein Flug nach
Hongkong geht in knapp zwei Sunden. Während der Fahrt
hänge ich noch mal meinen Gedanken nach.
Ohne länger meine Zeit zu verschwenden, fuhr ich zu der
hingekritzelten Adresse. Ich trat die Tür ein und hatte
erneut leichtes Spiel. Ich sah das Gesicht des Mannes vor
zwanzig Jahren nicht, konnte aber einen Blick in seine
Augen werfen, die unter seiner Kapuze kurz aufblitzten.
Und genau diese Augen sahen mich erstaunt an, als er
schlaftrunken aus seinem Schlafzimmer taumelte.
„Was zur Hölle...“ weiter kam er nicht. Ein Faustschlag
auf den Solarus Plexus saugte alle Luft aus seinen Lungen
und ließ ihn zusammenklappen. Rasend vor Wut trat ich ihn
an den Kehlkopf und holte erneut aus, konnte mich aber
gerade noch so unter Kontrolle bringen. Der nächste Tritt
explodierte an seiner Schläfe.
Ich hob meinen achtlos weggeworfen Rucksack wieder auf und
holte vier lange Nägel und einen Hammer heraus. Ich packte
den bewusstlosen Körper, drehte ihn herum und hielt sein
rechtes Bein an der Wand in die Höhe. Der noch immer in
mir wütende Hass setzte unmenschliche Kräfte frei. Mit
zwei wuchtigen Schlägen trieb ich einen der Nägel durch
den Spann des nackten Fußes in das Mauerwerk. Bevor das
Fleisch unter der Last des schweren Körpers reißen konnte,
hatte ich dasselbe schon mit seinem linken Fuß gemacht.
Jetzt breitete ich seine Arme aus und trieb die letzten
beiden Nägel durch seine Handflächen. Ich holte aus meinem
Rucksack eine Schlauch, an dessen Ende ein sogenannter
Butterfly befestigt war. Diese Injektionsnadeln werden
gerne in Krankenhäusern zum Anlegen einer Infusion
genutzt. Ich stach ihm die Nadel in die schon
anschwellende Arterie an seinem Hals und sah zu, wie sein
Lebenssaft langsam, aber unaufhörlich aus seinem Körper
tropfte. Mit Isolierband umwickelte ich seinen Mund, so
dass nie mehr ein Ton aus ihm entweichen würde. Ich drehte
mich um und verschwand in der Nacht.
Meine Rache war vollendet. Mein altes Leben existierte
endgültig nicht mehr. Aber ich hatte eine Aufgabe
gefunden. Und ich wusste, dass ich darin gut war.
Wahrscheinlich der Beste.
Unbehelligt von Polizei und Zoll besteige ich den Airbus
der Lufthansa mit der Flugnummer LH 8253 nach Hongkong.
Die strapaziöse Reise treten fast nur Geschäftsleute an.
Ich lasse mir zur Tageszeitung einen Becher heißen Kaffee
reichen, schaue aus dem Fenster und lehne mich entspannt
in meinem Sitz zurück. Meine Auftraggeber erwarten mich in
zehn Tagen in Hongkong. Bis dahin könnte ich mir eine
kurze Auszeit gönnen.
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