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Für Tim war der Tag gelaufen. Er war
bedient und zwar restlos. Statt mit den Kumpels auf den
endlich mal wieder zugefrorenen Badeseen Eishockey zu
spielen, hatten ihn seine Eltern dazu verdonnert auf seine
kleine Schwester aufzupassen. Er konnte es einfach nicht
fassen. Warum taten sie ihm das an. Es war Sonntag und ein
wunderschöner, eiskalter Wintertag und er musste auf
dieses Balg aufpassen, damit seine Eltern einen schönen
Nachmittag bei Freunden verbringen konnten. Er hasste
Sophie! Sie war so plötzlich in sein Leben geplatzt und
hatten ihn bei seinen Eltern in die zweite Reihe
geschoben. Obwohl sie sich alle Mühe gaben, ihre Kinder
gleich zu behandeln, spürte er immer wieder, dass Sophie
die heimliche Nummer Eins war.
Immerhin trauten sie dem zehn Jahre älteren großen Bruder
soviel zu, dass er zwar mit seiner Familie zu den
Bekannten fahren musste, dort aber mit seiner kleinen
Schwester ins Freie zum Spielen gehen durfte. Toll! Er
hatte keinen Plan, was er mit seiner kleinen Schwester
anstellen sollte. Er kannte sich hier auch kein bisschen
aus. Er stapfte missmutig neben seiner kleinen Schwester
durch den Schnee und zog sie mehr hinter sich her, als
dass er mit ihr spazieren ging. In einem kleinen Waldstück
entdeckten sie plötzlich den Schacht einer stillgelegten
Kohlgrube, vor dessen Eingang Schilder vor dem Betreten
warnten.
„Schau mal, Sophie. Eine Höhle. Sollen wir verstecken
spielen?“
„Au ja, klasse. Ich verstecke mich in der Höhle und du
musst bis 100 zählen und mich dann suchen kommen. OK?“
„Natürlich. Los lauf schon.“ Tim drehte sich um und
lauschte den sich rasch entfernenden Schritten. Sophie
eilte in den Schacht und einen Sekundenbruchteil später,
hörte er ihren angsterfüllten Schrei, der rasch leiser
wurde und schließlich ganz verstummte. Tim starrte gebannt
auf das Schild, das vor einer tiefen Grube wenige Meter
nach dem Eingang des Schachtes warnten. Seine Augen
glitzerten boshaft. Vielleicht hätte er das Balg
zurückhalten sollen. Aber sie wollte ja unbedingt spielen.
Völlig aufgelöst lief er zurück zu seinen Eltern und
erzählte ihnen, dass Sophie in die Höhle gelaufen war, um
Verstecken zu spielen, obwohl er dagegen war. Er stand
gerade hinter einem Baum, um sich zu erleichtern, als sie
einfach davon lief. Tim führte die Rettungskräfte zu der
Unglücksstelle. Sie konnten die kleine Sophie nur noch tot
bergen. Tim brach in Tränen aus, seine Mutter war eine
gebrochene Frau. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden,
seine Mutter hatte sich aber nie ganz von dem Schock
erholt.
Tim wusste nicht, warum er gerade jetzt,
zwanzig Jahre nach dem verhängnisvollen Nachmittag, wieder
an seine kleine Schwester denken musste. Es hatte nicht
lange gedauert und er glaubte selbst die von ihm erfundene
Geschichte. Er schüttelte sich auf dem Fahrersitz seines
neuen Audi A4 wie ein nasser Hund und hätte beinahe das
Lenkrad verrissen. Er verdrängte die düsteren Gedanken.
Das hätte mir gerade noch gefehlt, wenn ich jetzt einen
Unfall mit dem neuen Wagen bauen würde. Außerdem will ich
doch meine neue Flamme nicht warten lassen.
Er hatte Sabine vor gut einer Woche
kennengelernt, als er nach dem Kino mit seinen Kumpels
noch etwas Trinken gegangen war. Die langbeinige
Rothaarige an der Theke war ihm direkt ins Auge gestochen.
Der kurze schwarze Rock, die enganliegende Bluse und die
langen Stiefel, die sich wie eine zweite Haut um ihre
vollendeten Beine schmiegten, betonten ihre
außergewöhnlich gute Figur. Mit einem Wort: bei ihrem
Anblick verschlug es einem die Sprache. Ihre schlanken
Finger, die in schwarzen Samthandschuhen steckten, rührten
gelangweilt in einem großen Pott Kaffee. Scheinbar
zufällig trafen sich ihre Blick im Spiegel hinter dem
Tresen.
Obwohl sie offensichtlich alleine war, traute er sich
zunächst nicht, sie anzusprechen. Dass sich ihre Blicke
immer wieder trafen, blieb seinen Kumpels nicht verborgen.
Sie lästerten leise über ihn. Irgendwann platzte ihm der
Kragen und er fasste all seinen Mut zusammen, ging zum
Tresen und sprach die rothaarige Schönheit an.
„Hallo, ich…ich, äh, ich heiße Tim. Darf ich dich auf eine
weitere Tasse Kaffee einladen?“, fragte er leicht
unbeholfen. Sein Stottern sorgte dafür, dass er rot vor
Scham wurde.
Die Angesprochene drehte den Kopf, so dass ihre langen
Haare wie ein rotes Flammenmeer über ihren Schultern
zusammenschlugen. Spöttisch lächelnd musterte sie ihn aus
tiefblauen Augen.
„Nein, darfst du nicht“, erwiderte sie und als Tim gerade
wie ein Karpfen an Land nach Luft schnappte, „du darfst
mich aber auf ein Glas Wein einladen. Ich heiße übrigens
Sabine.“
Von ihren Augen aus ergoss sich ein warmes Grinsen über
ihr ebenmäßiges Gesicht. Tim entspannte sich
augenblicklich. Beide verbrachten noch einen schönen
Abend. Sie unterhielten sich prächtig und hatten sich für
heute zum Essen verabredet. Und jetzt war Tim auf dem Weg
in den Mannheimer Stadtteil Lindenhof, um seine neue
Flamme abzuholen. Er hatte einen Tisch beim „Winzer“ in
Niederkirchen reserviert und war voller Vorfreude.
Als er seinen A4 vor der angegebenen Adresse ausrollen
ließ, löste sich ein Schatten aus der im Dunkeln liegenden
Haustür und schlenderte langsam auf seinen Wagen zu. Im
Licht der Straßenlaterne sah er das rote Haar aufblitzen.
Ein Ziehen meldete sich in seiner Magengegend und Tim
kämpfte seine aufkommende Erregung nieder. Er öffnete die
Tür, sprang aus dem Wagen und eilte seiner Angebeteten –
ja, er glaubte schon, dass er sich ein wenig in die noch
fremde Frau verliebt hatte – entgegen. Mit einem
strahlenden Lächeln begrüßte sie ihn: „Hallo Tim, schön
dich wiederzusehen. Ich hatte schon ein wenig Angst, dass
du unsere Verabredung vergessen hast und mich nicht
freiwillig abholen würdest.“ Tim stutzte. Ihm war der
leicht unterkühlte Unterton in ihrer Stimme nicht
entgangen.
„Hallo Sabine. Wie könnte ich die Verabredung sausen
lassen. Ich freue mich schon die ganze Woche darauf. Es
ist eher so, dass ich Angst davor hatte, dass du nicht
mehr mit mir ausgehen wolltest.“ Er wollte sie zur
Begrüßung umarmen, aber sie wich geschickt aus und trat zu
seinem Wagen. „Ein wunderschönes Auto. So wie der
aussieht, hast du ihn aber noch nicht lange, oder?“
„Richtig. Der hat vor zwei Wochen noch beim Händler
gestanden. Es war quasi Liebe auf den ersten Blick.“ Sie
sah ihn aus ihren blauen Augen lange an. „Das soll
durchaus vorkommen“, erwiderte sie und ein schelmisches
Grinsen umspielte ihre vollen, sinnlichen Lippen.
Tim öffnete ihr die Beifahrertür und sie ließ sich elegant
auf den Sitz gleiten. Ihm fiel auf, dass sie trotz der
frühlingshaften Temperaturen wieder seidige Handschuhe
trug. Passend zu ihrem pastellfarbenen Kleid allerdings
ein weißes Paar. Er schloss die Tür und ging um das
Fahrzeug herum. Na ja, vielleicht hat sie einen Fetisch
oder eine Phobie, Dinge zu berühren, dachte sich Tim. Das
wird sich hoffentlich noch ändern. Wieder dieses
unangenehme Ziehen in der Magengrube.
Die Fahrt zu dem ausgewählten Restaurant
verging wie im Fluge. Beide hatten sich viel zu erzählen
und merkten schnell, dass sie auf einer Wellenlänge lagen.
Das Essen schmeckte hervorragend und besonders Tim sprach
dem trockenen Rotwein etwas zu stark zu. Nachdem sie fast
drei Stunden über ihr Leben geplaudert hatten, fragte Tim
mit deutlich schwerer Zunge.
„Sag mal, Sabine. Hast du nicht auch Lust, den Abend bei
einem weiteren Gläschen Wein bei mir zuhause ausklingen zu
lassen?“ Sabine sah ihm tief in die Augen. Der schwere
Rotwein hatte seine Sinne schon zu stark vernebelt, als
dass ihm das verräterische Funkeln in ihren Augen
aufgefallen wäre.
„Gerne, Tim“, hauchte sie ihm verführerisch entgegen.
„Unter einer Bedingung:“, sie legte eine künstlerische
Pause ein, während Tim sie erwartungsfroh ansah, „ich
fahre! Du hast zu viel Wein getrunken. Ich will ja
schließlich heil bei Dir ankommen.“ Die letzten Worte
unterstrich sie mit einem gurrenden Lachen.
„Einverstanden“, erwiderte Tim und gab der Bedienung ein
Zeichen, dass sie ihm die Rechnung bringen sollte.
Plötzlich hatte es Tim sehr eilig, nach Hause zu kommen.
Schneller als nötig trank er sein Glas Wein aus und machte
sich mit Sabine auf den Weg zum Parkplatz. Er gab ihr die
Wagenschlüssel. „Geh vorsichtig mit meinem Baby um.“
„Natürlich, mein Lieber, genauso wie ich mit Dir umgehen
würde.“ Tim war froh, dass sie in der Dunkelheit die
Ausbeulung in seiner Hose nicht sehen konnte. Hoffte er
zumindest. Süffisant grinsend stieg er auf der
Beifahrerseite ein.
Sabine lenkte den Wagen aus dem kleinen Weinort über eine
kurvige Landstraße Richtung Autobahn, auf der sie schnell
nach Ludwigshafen gelangen konnten. Kurz vor Mitternacht
war wenig los und Sabine drückte ordentlich aufs Gaspedal.
Die starke Maschine unter der Motorhaube des Audi brummte
dankbar. Tim rutschte ein wenig nervös im Sitz hin und
her.
„Hör mal, Sabine. Du kannst Dir ruhig Zeit lassen.
Schließlich haben wir die ganze Nacht noch vor uns.“ Und
wenn es nach mir geht, noch das ganze Wochenende. Er
sprach seine Gedanken aber nicht aus.
Sabine schaute ihn lange an. Viel zu lange, für seinen
Geschmack. Schließlich konzentrierte sie sich nicht mehr
auf die Straße. Er spürte ganz deutlich, dass sich etwas
verändert hatte. Ihre schneidende Stimme ließ Eiswürfel
durch seine Blutbahnen rinnen und er verlor augenblicklich
die Herrschaft über seine Blase.
„Was ist denn mit dir los, kleiner Timmy? Ich will doch
nur ein wenig spielen.“
Sie streifte den Handschuh ihrer rechten Hand ab und griff
ihm damit an den Hinterkopf. Eine eiskalte Hand kraulte
ihm in den Haaren, ehe sie mit unbarmherzigem Griff seinen
Kopf zu ihr herüberzog. Wie von Geisterhand berührt,
schaltete sich in Innenbeleuchtung des Fahrzeugs ein. Was
er sah, führte augenblicklich dazu, dass er auch die
Gewalt über einen weiteren Teil seines Verdauungsapparates
verlor. Ein übler Geruch breitete sich im Wageninnern aus.
Tim starrte in das halbverweste, aber deutlich erkennbare
Gesicht von Sophie! Die herrlich blauen Augen waren einem
blutunterlaufen, weißen Glibber und einer leeren Höhle
gewichen. Die wenigen Haare hingen in Büscheln wirr
verteilt über den sonst mit einer vergilbten Pergamenthaut
überzogenen Schädel. Sie öffnete ihren Rachen und Tim
erblickte auf eine Reihe fauliger, übelriechender Stummel,
die ihm zusätzlich noch den Magen umdrehten.
„Och, Timmy. Hast du dir in die Hosen gemacht. Aber warum
denn. Ist doch alles nur ein Spiel.“ Ihre Stimme hatte
sich zu einem gespenstischen Singsang erhoben, die ihn
seinen Ohren schmerzte. Er registrierte im
Unterbewusstsein, wie die Zentralverriegelung arretierte.
Sophie – nein, sein Verstand weigerte sich, die Existenz
dieses Wesens zu akzeptieren, trat das Gaspedal nun
beinahe durch das Bodenbleich und raste mit unverminderter
Geschwindigkeit auf eine scharfe Rechtskurve zu. Der
schwere Wagen fuhr einfach gerade aus und prallte
ungebremst in den Stamm einer mächtigen, uralten Eiche.
Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde wirkten gewaltige
Kräfte auf die Karosserie des Wagens. Der Motorblock wurde
in die Fahrgastzelle gedrückt und zerquetschten Tim vom
Bauch abwärts. Der Schaltknüppel wurde durch das
Zusammendrücken der Fahrgastzelle noch oben gehoben und
bohrte sich tief in Tims Bauchdecke. Tim Körper hingegen
wurde durch den Aufprall wie ein Crashtest-Dummy nach
vorne geschleudert. Der Sicherheitsgurt verhinderte, dass
er gänzlich durch die Windschutzscheibe flog. Während sich
seine brechenden Rippen durch seine Lunge bohrten, schnitt
splitterndes Glas tief in sein Gesicht. Wo eben noch sein
linkes Auge war, ragte jetzt ein abstehender Ast der
Eiche. Nach wenigen Sekunden war das entsetzliche
Quietschen des sich zusammenfaltenden Aluminiums
verstummt. In der Stille war zunächst nur Tims gequältes
Stöhnen zu hören. Dann kündigte ein lautes Zischen an,
dass auslaufendes Benzin Feuer gefangen hatte und sich die
Flammen gierig über den Wagen her machten. Tim spürte die
unerträgliche Hitze. Seine Hände fühlten etwas seltsam
Schleimiges. Halb ohnmächtig vor Schmerzen schaute er nach
unten und sah mit seinem verblieben Auge, dass seine
Därme, sich wie fette Maden windend, zwischen seinen
Fingern hervorquollen.
Plötzlich gefror die Hölle. Erneut strich die kalte Hand
des Todes über das Gesicht.
„Komm, Tim. Lass uns zusammenspielen.“ Sophies Gestalt
schwebte neben ihm und schaute aus ihrem toten Auge zu,
wie die Flammen unerbittlich nach ihm griffen. Während
sich überall auf seiner Haut Blasen bildeten, die in
kürzester Zeit aufplatzten, trieben ihn die Schmerzen in
die gnadenvolle Umarmung des Wahnsinns.
„Oh ja, Sophie. Wie vor zwanzig Jahren…“Seine letzten
Worte begleitete ein irres Kichern.
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